Von Daniel Haas
Sie sind Mr. und Ms. Magnatech, ein Vorzeigehepaar, akkurat bis in die manikürten Fingerspitzen, korrekt vom haarsprayfixierten Scheitel bis zur blitzblank polierten Sohle: Frank Whitaker (Dennis Quaid), Manager eines TV-Unternehmens, und seine Frau Cathy (Julianne Moore). Das Bild der perfekten Fümfziger-Jahre-Familie runden ab: zwei Kinder, ein gewienerter Wagen und ein komfortables Eigenheim.
Regisseur Todd Haynes ("Velvet Goldmine") präsentiert die Welt der Whitakers und ihre Zeit als strahlendes Museum: Kein Ort nirgends, der nicht mumifiziert wäre von einem Zeitgeist, der hinter gelackten Fassaden das Grauen verdrängter Gefühle, erpresster Zugeständnisse, in Schach gehaltener Wünsche birgt. Frank ist homosexuell, Cathy bewundert und liebt Raymond Deagan (Dennis Haysbert), ihren Gärtner. Deagan ist Afroamerikaner, und eine freundliche Geste, ein herzliches Wort genügen, Cathy zur "Schwarzenfreundin" zu stempeln.
Bis in einzelne Einstellungen ist "Dem Himmel so fern" den großen Melodramen Douglas Sirks nachempfunden. "All That Heaven Allows", "Magnificient Obsession" und "Imitation of Life" hießen die Filme, in denen der Genrevirtuose der Fünfziger ein Panorama menschlicher Sehnsüchte und Leiden auffächerte. Todd Haynes hat den Stil seines Vorbilds kopiert und überhöht und damit sowohl ein Fifties-Filmpastiche, als auch einen Film über die Ära gedreht. Sandy Powells raffiniert-farbsinnige Kostüme, Mark Friedmans schwelgerisches Produktionsdesign, Edward Lachmans sinnliche Photographie, dazu Elmer Bernsteins schmachtende Filmmusik: sie alle kontrastieren die emotionale und intellektuelle Enge, die die Zeit der Eisenhower-Präsidentschaft beherrschten.
Nicht satt sehen kann man sich an diesem Filmherbst, in dessen Rot- und Goldtönen eine Ehe am Schwarzweißdenken der Zeit zerbricht. So viel bildnerische Fülle war selten, um das Karge einer Beziehung auszumalen, und in Julianne Moore und Dennis Quaid findet sie zwei überragende Protagonisten, die mit minimalen Mitteln ein Maximum an Intensität erreichen. Da muss sich nur eine Locke aus Cathys perfekt modellierter Haarpracht lösen, um größten emotionalen Aufruhr anzuzeigen.
Und wenn Frank, der Prototyp des weißen US-Mittelschichtlers, mit einem plötzlichen "fuck!" entgleist, dann zerbricht mit der sprachlichen Konvention gleich eine ganze Welt moralischer Integrität. Da finden Gespräche statt, die in ihrer verzweifelten Knappheit beckettsche Höhen erklimmen. Doch nicht nur die visuellen, sondern auch die sprachlichen Zwänge und Aspekte gesellschaftlicher Aggression nimmt "Dem Himmel so fern" in den Blick. "Es muss Leute geben, die ... Ansonsten weiß ich nicht, was ...", versucht Cathy eine Klärung ihres Eheproblems, und Frank entgegnet knapp: "Ich werde diese Sache bezwingen."
Verdrängte Homosexualität, Liebe über ethnische Grenzen hinweg: Haynes' Meisterwerk erzählt diese Themen so, dass sie eine neue, höchst aktuelle Brisanz erhalten. Denn an ihnen kristallisiert sich die Gewaltsamkeit gesellschaftlicher Machtansprüche, die Individuen bis in die intimsten Regungen hinein bestimmt. Die so genannte Postmoderne, kapitalistisch flexibel und von den Medien designt, sie mag solche Konservatismen heiter entsorgt haben - die strukturelle Gewalt von Anpassungszwängen hat sie ihren Akteuren jedoch nicht erspart. Deren zerstörerischer Wirkung beizuwohnen, ist das große Geschenk, dass "Dem Himmel so fern" heute zu machen versteht - eine Kinokatharsis und Läuterung auf Zelluloid.
"Dem Himmel so fern" ("Far From Heaven"). USA 2002. Regie und Buch: Todd Haynes. Darsteller: Julianne Moore, Dennis Quaid, Dennis Haysbert, Patricia Clarkson, Viola Davis; Produktion: Killer Films, USA Films, Section Eight Ltd., John Wells Productions, Clear Blue Sky Productions; Verleih: Concorde; Länge: 107 Min.; Start: 13. März 2003
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