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24.03.2003
 

Oscar 2003

"Schämen Sie sich, Mr. Bush"

Von Andreas Borcholte

Die großen Gewinner der 75. Oscar-Verleihung heißen "Chicago" und - überraschend - Roman Polanskis "Pianist". Auch der deutsche Beitrag "Nirgendwo in Afrika" konnte einen der begehrten Filmpreise gewinnen. Begleitet wurde die Zeremonie von teils bewegenden, teils harschen Kommentaren gegen den Krieg im Irak.

Oscar-Gewinner Moore: "Ich bin Amerikaner"
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Oscar-Gewinner Moore: "Ich bin Amerikaner"

Los Angeles - Mit Spannung hatte die Welt nach Hollywood geblickt. Würde die Jubiläums-Verleihung der wichtigsten Filmpreise trotz aller Vorkehrungen zur Plattform für Statements gegen den Krieg werden? In der Satzung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences steht geschrieben, dass die "Oscars" eine unpolitische Veranstaltung sein sollen - und so hatten sich Chef-Produzent Gilbert Cates und seine Untergebenen schon im Vorwege bemüht, den Stars die Lust am Agitieren zu nehmen. Hat es etwas genützt? Nur zum Teil.

Die 75. Oscar-Zeremonie gehört zu den wohl straffsten Shows der letzten zehn Jahre. Sparsame dreieinhalb Stunden reichten aus, um die goldenen Statuen an ihre neuen Besitzer zu verteilen. Der begonnene Krieg im Irak und die Nachrichten über getötete und gefangen genommene US-Soldaten haben wohl das ihrige getan, um der festlichen Gala einen zurückgenommenen und besinnlichen Charakter zu verleihen. Das bedrückende Thema hing über der Show wie ein unsichtbarer Schleier, auch wenn Gastgeber Steve Martin sich redlich mühte, seine teils derben Scherze nur über das Showbiz zu reißen, nicht über die Politik.

"Schämen Sie sich, Mr. Bush. Schande über Sie!"

Trotz gedrückter Stimmung konnte die Oscar-Show mit einigen Überraschungen aufwarten. Der amerikanische Satiriker Michael Moore gewann mit seinem Anti-Waffenlobby-Film "Bowling For Columbine" den Oscar für die beste Dokumentation. Seinen Triumph nutzte der Autor und Filmemacher für einen leidenschaftlichen Protest gegen den Irak-Krieg und Präsident George W. Bush. Nach der Entgegennahme seiner Auszeichnung, die von stürmischem Beifall und standing ovations begleitet worden war, rief er aus: "Wir sind gegen diesen Krieg, Mr. Bush. Schämen Sie sich, Mr. Bush. Schande über Sie!"

Preisträgerin Kidman: "Gerade jetzt ist Kunst wichtig"
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Preisträgerin Kidman: "Gerade jetzt ist Kunst wichtig"

In seiner Dankesrede, zu der er alle mit ihm nominierten Dokumentarfilmer auf die Bühne gerufen hatte, beschuldigte Moore Bush, Amerika in einen Krieg mit "erfundenen Gründen" geschickt zu haben. Moore geißelte auch erneut die zweifelhaften Umstände jener Wahlen, die Bush zum Präsidenten gemacht hatten. Auf die nach seinem spektakulären Auftritt von einem Reporter gestellte Frage, warum er die - mit zahlreichen Buh-Rufen aus dem Publikum quittierten - Äußerungen gemacht habe, entgegnete Moore lakonisch: "Ich bin ein Amerikaner." Das sei alles, hakte der Journalist nach, "oh, das ist eine ganze Menge", entgegnete der Filmemacher.

Bekannte Kriegsgegner wie Susan Sarandon und Dustin Hoffman, die beide als Präsentatoren fungierten, hielten sich bei ihren Auftritten sichtlich angestrengt zurück. Sarandon signalisierte allerdings mit der Hand ein "Peace"-Zeichen. Dagegen ließ der spanische Filmemacher Pedro Almodóvar, mit dem Oscar für das beste Original-Drehbuch ("Sprich mit ihr") geehrt, in einer kurzen Erklärung keinen Zweifel an seiner Ablehnung des Irak-Krieges. Kurze, aber bewegende Statements für den Frieden gab es auch von den beiden männlichen Darsteller-Preisträgern des Abends, Chris Cooper ("Adaptation") und Adrien Brody ("Der Pianist").

Brody, der sich mit seiner emotionsreichen Verkörperung des polnischen Pianisten Wladislaw Szpilman als bester Hauptdarsteller unter anderen gegen Jack Nicholson und Daniel Day-Lewis durchsetzen konnte, brachte es als einziger Preisträger der Show fertig, mit seiner Dankesrede die strenge Frist von 45 Sekunden zu durchbrechen. Nach einem stürmischen Kuss für seine Präsentatorin Halle Berry rang der 29-jährige Amerikaner mit seiner Fassung und zog einen bewegenden Vergleich zwischen dem Sujet des Holocaust-Dramas "Der Pianist" und der aktuellen politischen Weltlage. "Es macht mich traurig, dass ich gerade jetzt diese Auszeichnung bekomme, in diesen Kriegszeiten, in denen die Menschen so traurig sind und so viel Schmerz erleben", sagte Brody und sorgte für feuchte Augen im Publikum.

Polanski, der heimliche Sieger

Ebenso überraschend wie der Sieg Brodys in der Darsteller-Kategorie kam auch der Regie-Oscar für Roman Polanski, der wegen der immer noch gültigen Verurteilung wegen Vergewaltigung nicht in die USA einreisen darf. Unter dem Jubel des Publikums wurde der Name des polnischen Regisseurs als Sieger verlesen, die Zustimmung zu der Entscheidung der Academy war spürbar. Einzig Martin Scorsese, der für sein Historie-Epos "Gangs Of New York" nominiert war, fiel das Lächeln sichtlich schwer. Sein aufwändiger Film über die blutigen Auseinandersetzungen im New York des 19. Jahrhunderts gehörte ohnehin zu den großen Verlierern der Verleihung. Kein einziger Oscar ging an den jüngsten Film jenes Mannes, der als einer der besten Filmemacher Amerikas gilt.

Überraschender Sieger: Adrien Brody gewann den Oscar als bester Hauptdarsteller
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Überraschender Sieger: Adrien Brody gewann den Oscar als bester Hauptdarsteller

Dafür ging ein einmal mehr ein klassischer Hollywood-Stoff als Sieger hervor. Rob Marshalls filmische Adaption des Bob-Fosse-Musicals "Chicago" konnte insgesamt sechs Oscars gewinnen, darunter die Trophäe als bester Film des Jahres und den Preis für die beste weibliche Nebenrolle (Catherine Zeta-Jones). Das starbesetzte Musical hatte bereits im Vorwege als heißester Favorit gegolten, so dass die zahlreichen Ehrungen für die smarte Song-and-Dance-Revue nicht überraschten. Bester Film hin oder her, die Aufmerksamkeit galt eher den unverhofften Oscars für Polanski und seinen "Pianist", der auch noch die Trophäe für das beste adaptierte Drehbuch gewinnen konnte.

Ebenfalls eine vorhersehbare Entscheidung war die Vergabe des Oscars an Nicole Kidman als beste weibliche Darstellerin. Sie war im vergangenen Jahr für "Moulin Rouge!" leer ausgegangen und hatte sich - ein Novum in der Geschichte Hollywoods" für Stephen Daldrys gefühlvolle Frauen-Ballade "The Hours" mit einer falschen Nase verunstalten lassen. Auch Kidman, die zunächst nach Fassung ringen musste, nutzte ihre Dankesrede für ein kurzes Friedens-Statement: "Gerade jetzt ist Kunst wichtig, denn seit dem 11. September ist die Welt voller Schmerz für Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben, und auch jetzt während des Krieges verlieren Familien ihre Angehörigen."

"Ich freue mich riesig"

Und noch eine Überraschung hielt die 75. Oscar-Zeremonie bereit: Zum ersten Mal seit 24 Jahren ist wieder ein deutscher Spielfilm mit einem wichtigen Oscar gewürdigt worden: Caroline Links Film "Nirgendwo in Afrika" wurde als bester ausländischer Film ausgezeichnet. Zuletzt hatte Volker Schlöndorff im Jahre 1979 für seine Literaturverfilmung "Die Blechtrommel" den Auslands-Oscar erhalten. Die 38-jährige Regisseurin konnte den Preis wegen einer Erkrankung ihres sieben Monate alten Kindes nicht persönlich entgegen nehmen, sagte jedoch am frühen Montagmorgen, dass sie sich "riesig" freue und die Oscar-Show zu Hause am Fernseher verfolgt habe.

So ging eine ungewöhnliche und aufwühlende Oscar-Verleihung zu Ende, die neben unvorhergesehenen Entscheidungen der Academy, atemberaubenden Momenten wie dem in der Geschichte der Oscars wohl einzigartigen Ausbruch Michael Moores und bewegenden Dankesreden der Preisträger vor allem eines bot: Blendende Unterhaltung.

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