Von Oliver Hüttmann
Schönen Mädchen zuschauen, die böse Dinge tun, das war stets auch ein Antrieb für Alfred Hitchcock, dem Altmeister mit dem Blondinen-Tick. Sie waren das Gegenteil bürgerlicher Sittsamkeit, zwar der Zeit entsprechend züchtig gekleidet, aber dennoch gefährliche Gespielinnen der Phantasie oder gefallene Engel ohne Bodenhaftung, die im begehrlichen Blick der Männer aufblühten und nicht wirklich greifbar waren. Kim Novak als Obsession von James Stewart in "Vertigo" oder Tippi Hedren als Kleptomanin "Marnie", der Sean Connery nachjagt, sind in Hitchcocks Werk dafür die raffiniertesten Beispiele. Aber auch die schnippische Verruchtheit der sonst aseptischen Upper-Class-Schönheit Grace Kelly in "Über den Dächern von Nizza", mit der sie Cary Grant neckt, war eigentlich schon ein Lap-Dance im Cocktail-Kleid.
Für Brian De Palma ist die gesellschaftliche Scham, die Regisseure immerhin zu geschickten Metaphern antrieb, kein Hindernis mehr. In "Femme Fatale" reizt er das Spiel mit den Reizen vom Striptease bis zur lesbischen Liebe explizit aus. Rebecca Romijn-Stamos ist seine Hitchcock-Blondine, die kaltschnäuzig die Kunst der Verführung betreibt. Als Laura Ash ist sie mit zwei Männern an einem Juwelenraub bei den Filmfestspielen von Cannes beteiligt. Der Schmuck in Form von Schlangen hängt an einem Starlet, das sonst kaum noch etwas trägt und von ihr auf der Damentoilette umgarnt, entkleidet und bestohlen wird. Als es mit den Bewachern zu einer Schießerei kommt, bei der einer ihrer Komplizen verwundet wird, flüchtet Laura mit der Beute und setzt sich von Paris aus nach Amerika ab.
Sieben Jahre später kehrt sie als Frau des US-Botschafters Watts (Peter Coyote) zurück. Dabei fotografiert sie Nicolas Bardo (Antonio Banderas) im Auftrag eines Klatschmagazins. Weil die Fotos Lauras Partner von damals auf ihre Spur bringen könnten, will sie den Film haben. Als Nicolas sich weigert, spinnt sie um ihn herum eine Intrige im Wechsel aus Dominanz und Stimulanz.
Als Erotik-Thriller ist "Femme Fatale" ein Exploitationfilm aus Soft-Porno-Motiven. Wenn Laura sich in einer Kneipe vor einem stupiden Kerl langsam gänzlich entblößt, entlarvt das die ebenso billigen wie unbestreitbaren Begierden der Männer. Ein Akt der Manipulation, bei dem man aufpassen muss, als Kinozuschauer nicht selbst zum Spanner zu werden. Zugleich entspricht dieses Stilmittel der Hitchcockschen Suspense, die ja auch voyeuristischer Art ist. Die Kunst liegt im Blickwinkel des Betrachters. "Femme Fatale" ist nicht nur eine einzige Projektionsfläche der Träume, sondern auch ein Puzzle aus trügerischen Perspektiven. An einer Wand seiner Wohnung arbeitet Nicolas an einer Collage aus Fotos, die Ausschnitte eines Pariser Platzes zu verschiedenen Zeitpunkten zeigen und ein neues Gesamtbild ergeben. So hat De Palma auch seinen Film angelegt.
"Femme Fatale" ist eine raffinierte und exquisite Kopie aus Zitaten der Kinogeschichte, ein Guckloch für Cineasten und Pornographen, eine kunstvolle Fälschung voller falscher Fährten und doppelter Identitäten. Laura heißt auch die Titelheldin in Otto Premingers Film noir von 1944. In der Eröffnungssequenz von "Femme Fatale" sieht Romijn-Stamos die Schlussszene aus Billy Wilders "Double Indemnity". Beim Raub gibt sie sich als Fotografin aus. Nicolas wiederum ist ein echter Fotograf, der als Paparazzo arbeitet, einer sensationslüsternen Spezies. Und die Täuschungen, denen er unterliegt, gemahnen an Michelangelo Antonionis "Blow Up". De Palma setzt immer wieder ausgeklügelte Kontrapunkte, inhaltlich wie optisch, etwa wenn Laura vom Fernglas eines ihrer Ex-Komplizen eingefangen wird und die Einstellung sich in Nicolas Teleobjektiv kreuzt. Die kühlen Bilder und suggestiven Kamerafahrten sind von abgefeimter Schönheit, die geradezu blendet.
Die schönste Lüge aber sind die langen Beine der Frauen, die der Lüstling Brian de Palma immer wieder mit Zoom und Zeitlupe zeigt, als wären sie nicht von dieser Welt.
"Femme Fatale", Frankreich 2002. Regie und Drehbuch: Brian De Palma; Darsteller: Rebecca Romijn-Stamos, Antonio Banderas, Peter Coyote, Eriq Ebouaney, Edouard Montoute, Rie Rasmussen, Thierry Fremont; Produktion: Quinta Communications, Quinta Movies; Verleih: Solo Film; Länge: 110 Min.; Start: 27. März 2003
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