Von Daniel Haas
Seit mehr als einem halben Jahrhundert stromert er durch die amerikanische Kultur- und Literaturgeschichte, schnoddrig, eigensinnig, naiv und klug gleichermaßen, der Teenager als Picaro, als großmäulig-trauriger Werther seiner Generation: Holden Caulfield, der Held von Jerome D. Salingers "Der Fänger im Roggen".
Igby Slocumb (Kieran Culkin) ist der postmoderne Nachfahre dieses liebenswürdigen Querulanten, auch er ein Getriebener, humorbegabt und eloquent, ausgerüstet mit Esprit und einer gehörigen Portion Verzweiflung, die ihn aus dem Schoß der Privatschule in die Arme der Großstadt treibt. Wie sein literarischer Vorfahr entlarvt er mitleidlos die Welt der Erwachsenen und Eltern: "Ich nenne sie Mimi", vermerkt Igby lakonisch über seine Mutter, "weil Eure Abscheulichkeit ein wenig umständlich ist." Sein Bruder Oliver (Ryan Philippe), ein gelackter Collegeboy, kommt noch schlechter weg; er firmiert schlicht als "der Faschist".
Was Igbys von Holdens Abenteuer unterscheidet, ist der beißende Zynismus, der sich in die Posen pubertärer Revolte mischt: Es gibt kein Leben im Falschen könnte die Devise des Films lauten, der bis zum Schluss so recht keine versöhnlichen Töne anschlagen will.
Die Mutter (Susan Sarandon) eine Grande Dame der Ostküsten-Haute-Volée, tablettensüchtig und in grotesker Weise selbstbezogen, der Vater (Bill Pullman) geisteskrank und in die Anstalt abgeschoben, der Onkel (Jeff Goldblum) so reich wie korrupt, der Bruder eine verschärfte Fassung des smart-grausamen Achtziger-Jahre-Yuppies: Das ist das Umfeld Igbys, und er kann ihm nicht entkommen, selbst dann nicht, wenn er in New York bei der Geliebten seines Onkels untertaucht oder mit Sookie (Claire Danes), einer Studentin, ein paar glücklich-verliebte Tage verbringt. Am Ende landet der Spross aus bester Familie wieder in der schlimmsten aller möglichen Welten: im Elternhaus, wo Mutter Mimi ihr Sterben als letzte große Zumutung inszeniert.
Burr Steers' Regiedebüt will Satire sein und realistische Milieustudie, Komödie mit literarischem Einschlag à la "The Royal Tenenbaums" und kulturkritisches Drama. Zwischen den Stillagen geht "Igby" bisweilen jedoch die erzählerische Konsistenz verloren; was als scharfsinnig verzeichnete Talfahrt des Helden beginnt, verzettelt sich schließlich in episodenhaftem Hin und Her. Doch brillant eingefangen ist das soziale Klima einer Nach-Yuppie-Gesellschaft, die ihren Wohlstand lediglich zur Selbstauslöschung nutzt. Spirituell verarmt, depraviert Reichtum hier zum amerikanischen Alptraum, zum kulturellen und sozialen Armutszeugnis. Zur Letztbegründung amerikanischer Werte, wie man sie jetzt weltumspannend zu installieren sucht, taugt "Igby" in keinem Fall.
"Igby Goes Down". USA 2002. Regie/Buch: Burr Steers. Darsteller: Kieran Culkin, Susan Sarandon, Jeff Goldblum, Ryan Phillipe, Claire Danes, Amanda Peet; Produktion: Atlantic Streamline; Igby Productions, Crossroads Films; Verleih: Solofilm; Länge: 97 Min.; Start: 01. Mai 2003
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