Von Oliver Hüttmann
Dass die umstrittenen Bestseller von Bret Easton Ellis unverfilmbar seien, ist oft angemerkt worden. Zu viele und mäandernde innere Monologe, zu zähe symbolische Leerläufe zwischen Markenfetischismus und monströsen Phantasien, dazu explizite Gewaltausbrüche, die zu zeigen sich nicht mal ein Splatterfilm trauen würde. Der Filmproduzent Edward R. Pressman brauchte acht Jahre, um die Kinoversion von "American Psycho" realisieren zu können. Ellis selbst hatte ein Drehbuch verfasst, das Pressman als "reinsten Porno" ablehnte. Schließlich übernahm Mary Harron die Adaption und Regie und zog sich mit steriler Eleganz, die die Oberflächlichkeit des Protagonisten Patrick Bateman spiegelbildlich sezierte, kongenial aus dem Dilemma.
Auch Roger Avary, mit dem Oscar ausgezeichneter Co-Autor von Quentin Tarantinos "Pulp Fiction", bleibt bei der Verfilmung von Ellis' erstem Roman "The Rules Of Attraction" auf Distanz. Mehr als zehn Jahre hatte er sich mit dem Drehbuch befasst und den verbalen Mahlstrom der Vorlage nun adäquat in eine visuelle Sprache umgesetzt. Aus fast allen bekannten narrativen und optischen Stilmitteln hat er eine Collage montiert, deren desperate Atmosphäre präzise die Sinnleere und Sehnsüchte einiger Studenten am Camden College abbildet. Einmal wird der Rausch aus Partys, Sex und Drogen als Video-Clip im Zeitraffer zu einem minutenlangen Stakkato. Extreme Zoomaufnahmen bohren sich beinahe in zugekokste Köpfe. Und dem Einsatz von Rückblenden und Splitscreening gibt Avery eine ganz neue Bedeutung.
Nach einem Vorspann, der Stanley Kubricks "Uhrwerk Orange" zitiert, beginnen "Die Regeln des Spiels" auf einer hemmungslosen Party mit dem Motto "The end of the world". Lauren (Shannyn Sossamon), eine zerbrechlich anmutende Melancholikerin, lässt sich von einem Filmstudenten abschleppen. Im Zimmer schläft die Volltrunkene allerdings ein. Als sie wieder aufwacht, wird sie von einem Footballspieler vergewaltigt, der sich dabei auch noch erbricht. Während Lauren aus dem Off monoton ihre Situation kommentiert und registriert, dass der Filmstudent alles mit seinem Camcorder aufzeichnet, friert das Bild plötzlich ein und die Szene wird komplett zurückgespult. Die Kamera nimmt denselben Weg, wobei alle Bewegungen rückwärts laufen und die Dialoge zum Gebrabbel werden, und fokussiert am Ausgangspunkt eine andere Person. Dieser Kunstgriff ist faszinierend und enervierend zugleich und illustriert die schicksalhafte Verkettung und den dumpfen Kreislauf der Protagonisten.
Auf ähnliche Weise stellt Avary den bisexuellen und wortgewandten Paul (Ian Somerhalder) vor, wie er an der Verführung eines fluchenden Heteros scheitert, und Sean Bateman (James van der Beek), jüngerer Bruder von Patrick Bateman und Mittelpunkt der Geschichte. Er ist ein gewissenloser, gelangweilter Typ, den nicht mal die Drohungen des durchgeknallten Dealers Rupert (Clifton Collins jr) schrecken. Sein Nihilismus taut jedoch etwas auf, als er in seinem Postfach einen anonymen Liebesbrief findet, der so romantisch-kitschig auf lila Papier formuliert ist, wie es kleine Mädchen tun. Dennoch macht er weiter wie bisher, taumelt mit starrem Blick wie ein Zombie durch Partys, die hedonistisch "Pre-Saturday" oder "Dressed To Get Screwed" heißen und die letzten Fixpunkte eines seelisch verkümmerten Labyrinthes sind, das die immer gleichen Rituale und Triebe abruft.
Ellis hatte seinen Roman als Parabel auf die achtziger Jahre angelegt, doch Avary entzieht sich jeder zeitspezifischen Einordnung oder Generationenfrage. Sein Film ist eine Studie der Desillusion und Desorientierung, wie man sie jährlich bei den Springbreak-Partys und überall auf der Welt konstatieren kann. Das ekelhafte, enthemmte Saufen, Vögeln und Koksen ist eine Flucht vor Verantwortung und Bindung und jenen Missverständnissen, die Gefühle nun mal auslösen. Lauren, Paul und Sean bilden eine ménage à trois, in der alle drei scheitern, weil sie schon vorher keinen Weg aus ihren emotionalen Kerkern kannten, was letztlich auch die rückwärts laufenden Anfangssequenzen verdeutlichen. Wobei Avary ihnen, anders als der zynische Ellis, durchaus etwas Mitgefühl entgegenbringt.
Gleichzeitig zerstört der Regisseur aber auch die Ikonografien der College- und Teenieserien, die vor allem seit den neunziger Jahren die Bildschirme dominieren und Herzschmerz in einer stets reparablen heilen Welt einbetten. Sein sardonischer Reigen aus Onanie vor Pornofotos aus dem Internet, Selbstmord, Gleichgültigkeit und verzweifeltem Narzissmus liegt irgendwo zwischen Richard Linklaters "Dazed And Confused" und Danny Boyles "Trainspotting". Denkwürdig sind vor allem zwei Splitscreenszenen: Bei der einen gehen Sean und Lauren aufeinander zu und kommen selbst beim anschließenden Gespräch nicht zueinander. Die andere zeigt Pauls sexuelle Phantasie, während er mit Sean in einem Raum kifft. Da ist alles gesagt.
"Die Regeln des Spiels" ("The Rules Of Attraction"). USA 2002. Regie/Buch: Roger Avary; Darsteller: James van der Beek, Shannyn Sossamon, Ian Somerhalder, Jessica Biel, Eric Stoltz, Kip Pardue, Kate Bosworth, Faye Dunaway; Produktion: Kingsgate Films, Roger Avary; Verleih: Concorde; Länge: 110 Min.; Start: 1. Mai 2003
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