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28.06.2003
 

"Sweet Sixteen"

Das Ende aller Träume

Von Oliver Hüttmann

Mehr Hoffnungslosigkeit war nie: Mit "Sweet Sixteen", einer Ballade über Teenager, deren Traum von Zukunft und Familienidyll im Drogensumpf versinkt, schuf der britische Regisseur Ken Loach sein bisher trostlosestes Working-Class-Drama.

Teenager Chantelle (Annmarie Fulton): Darsteller, die ohne Pathos glänzen
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Ottfilm

Teenager Chantelle (Annmarie Fulton): Darsteller, die ohne Pathos glänzen

Mit 16 hat man noch Träume. Die von Liam (Martin Compston) sind an seinem Geburtstag zerplatzt. Er hat seinen besten Freund verloren und die Liebe seiner Mutter nicht gewinnen können. Er ist zum Mörder geworden. Und er wird wohl nie wieder Träume haben.

Seit vier Jahrzehnten dreht der britische Regisseur Ken Loach einfache Filme über einfache Menschen. Stets begegnete er seinen Alltagshelden, den Verlierern und Verzweifelten, mit kompromissloser Sympathie und ebensolchem Pessimismus. Trauriger und trostloser aber als "Sweet Sixteen" war noch keiner seiner Working-Class-Dramen. Spürte man bei ihm früher trotz seines dokumentarischen Stils auch den Zorn auf das System und die Politik, die erst die Zustände und Umstände schufen, an denen seine Protagonisten scheitern müssen, zeigt er nun das Ende jeglicher Gemeinschaft und sozialer Utopie.

Drogenkuriere: Liam (Martin Compston) und Pinball (William Ruane)
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Ottfilm

Drogenkuriere: Liam (Martin Compston) und Pinball (William Ruane)

Liam geht schon lange nicht mehr zur Schule und verkauft stattdessen auf den Straßen von Glasgow geschmuggelte Zigaretten. Seinen Vater kennt er nicht, seine Mutter Jean (Michelle Coulter) sitzt im Knast. Er wohnt bei seinem Opa, der Drogen dealt mit Jeans gewalttätigem Liebhaber Stan (Gary McCormack). Als Liam sich weigert, Jean bei einem Besuch heimlich Heroin zuzustecken, wird er von Stan übel verprügelt. Er zieht zu seiner Schwester Chantelle (Annmarie Fulton). Die 17-Jährige hat mit Jean gebrochen und versucht ihrem ebenfalls vaterlosen kleinen Sohn eine bessere Zukunft zu erarbeiten. Liam möchte Mutter und Tochter versöhnen und mit ihnen endlich eine richtige, intakte Familie bilden.

Sinnbild für dieses Idyll ist ein Wohnwagen, ruhig gelegen am Rande der Stadt mit einem malerischen Blick auf den Fluss. Die Natur wirkt geradezu gespenstisch schön, ja kitschig. Eine Illusion, die Loach perfide auch noch mit einem schwelgerischen Popsong unterlegt. Es ist ein tragischer Moment, wie er Liam schwärmend durch die Fenster des Caravans in ein anderes Leben blicken und dann abstürzen lässt. Um das neue Heim bezahlen zu können, wird Liam zunehmend krimineller. Zunächst klaut er Stans Drogen und verscherbelt sie mit seinem Kumpel Pinball (William Ruane). So wird der lokale Drogenboss Douglas (Jon Morrison), Besitzer eines luxuriösen Sportstudios, auf den Jungen aufmerksam und heuert ihn an.

Familien-Drama: Liams Mutter (Michelle Coulter, r.) sitzt im Knast
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Ottfilm

Familien-Drama: Liams Mutter (Michelle Coulter, r.) sitzt im Knast

Liam glaubt sich kurz vor dem Ziel seines Träume. Verkauft er mehr Drogen als die anderen Dealer, so seine Rechnung, könnte er die Summe für den Wohnwagen in sechs Wochen bei Jeans Entlassung zusammen haben. Doch die Realität ist nicht so simpel, fordert Opfer und hält Enttäuschungen bereit, die ein fast 16-Jähriger kaum erahnen kann.

Loach vollzieht dessen Desillusionierung unbarmherzig und mit schnörkelloser Tristesse. Lange Einstellungen, Handkamera und Darsteller, die ohne Pathos glänzen. Mit "Sweet Sixteen" trauert Loach mit Bitterkeit, aber ohne Larmoyanz der vergeblichen Hoffnung auf Veränderungen nach. Damit ist auch sein eigener Kampf gescheitert. Er zeigt, dass die Wirklichkeit - anders als im amerikanischen Film - oft stärker ist als jeder Wille. Für alle, die gerade in diesen rezessiven Zeiten mehr Verzicht bei mehr Eigeninitiative und Optimismus fordern, ist diese Studie über die Spirale sozialer Verwerfungen ein Schlag ins Gesicht.


Sweet Sixteen

Großbritannien, Deutschland, Spanien 2002. Regie: Ken Loach. Drehbuch: Paul Laverty. Darsteller: Martin Compston, Michelle Coulter, William Ruane, Annmarie Fulton, Gary McCormack, Tommy McKnee. Produktion: Sixteen Films, Road Movies, Tornasol/Alta Films, BBC Films. Verleih: Ottfilm; Länge: 106 Minuten. Start: 26. Juni 2003

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