• Drucken
  • Senden
  • Feedback
05.08.2003
 

Kino-Sommer

Die Schlappe der Klonkrieger

Von Rüdiger Sturm

Mit einer Flut von Sequels und Standard-Spektakeln wollte Hollywood in diesem Sommer Rekordeinnahmen einfahren. Doch die Filmindustrie hat ihre Rechnung ohne die Kinogänger gemacht.

 Enttäuschte: Lara Croft lockte nur wenige Fans in die Kinos
Zur Großansicht
REUTERS

Enttäuschte: Lara Croft lockte nur wenige Fans in die Kinos

Produzentin Lauren Shuler-Donner ist keine Person, die sich leicht beeindrucken lässt. Bei "An jedem verdammten Sonntag" setzte sie sich mit dem Ego von Oliver Stone auseinander. Sie steuerte Tom Hanks und Meg Ryan durch "E-Mail für dich" und schulterte die "X-Men". Doch vor ein paar Monaten war auch sie fassungslos: "So einen verrückten Kino-Sommer habe ich nie erwartet." Shuler-Donners Haltung war nicht gespielt. Denn noch nie in der Filmgeschichte bombardierte Hollywood sein Publikum mit einer solchen Flut von Standard-Spektakeln: Comic-Verfilmungen, Fortsetzungen, Action-Abenteuer. Die Industrie hatte endlich ein Rezept gefunden, um sich Rekordeinnahmen zu sichern - dachte sie.

Doch wie immer bewahrheitete sich der Standardsatz vom Drehbuch-Meister William Goldman: "Keiner hat eine Ahnung". Jetzt, gegen Ende der Saison, reiben sich Buchhalter und Branchenauguren verdutzt die Augen. Im Vergleich zum Vorjahr gingen die US-Besucherzahlen in den ersten acht Wochen um 6 Prozent zurück. Und noch nie zuvor hatten Filme eine so geringe Haltbarkeit. Von der ersten Einsatz-Woche auf die zweite fielen ihre Umsätze im Schnitt um 52 Prozent. Einige Ausreißer wie "Hulk" bauten gleich um 69 Prozent ab. Auch in Deutschland sackten die Ergebnisse ab. Und nur wer es sich hierzulande einfach machte, schob die Schuld aufs Wetter.

In der Wiederholung hängen geblieben: Matrix Reloaded zählt zu den Verlierern des Kinosommers
Zur Großansicht
REUTERS

In der Wiederholung hängen geblieben: Matrix Reloaded zählt zu den Verlierern des Kinosommers

Für Frank Marshall, Erfolgs-Produzent ("E.T.", "Sixth Sense") und Regisseur ("Arachnophobia"), gibt es nur eine Erklärung: "Die Leute sind der Filme müde, in denen sie nur Explosionen und Effekte statt einer Geschichte mit Emotionen bekommen." Seine These hat einiges für sich. Gemessen an ihren Ansprüchen zählen Filme wie "Matrix Reloaded", "Liga der außergewöhnlichen Gentlemen" und "Charlies Engel", die Konzept über Story stellten, zu den Verlierern.

Dagegen reichte schon ein gewisses Maß an erzählerischer Fantasie, um die Zuschauer dauerhaft ins Kino zu locken. Das Piratenspektakel "Fluch der Karibik" spielte nicht zuletzt dank seiner rankenreichen Geschichte, die nicht ständig von Computer-Kämpfen durchbrochen wird, bis Ende Juli fast 180 Millionen Dollar ein. Die ungelenke Regie und die dramaturgischen Durchhänger schienen da nicht weiter zu stören. Wenn aber Filmemacher handwerkliche Sorgfalt und echten Einfallsreichtum zeigten, dann erreichte der Erfolg schon klassische Dimensionen.

 Der absolute Gewinner: "Findet Nemo" schlug alle Rekorde
Zur Großansicht
REUTERS

Der absolute Gewinner: "Findet Nemo" schlug alle Rekorde

"Findet Nemo" aus der Trick-Schmiede Pixar ("Toy Story") ist nicht nur der gelungenste Streifen des Sommers, in den USA ist er mit einem bisherigen Einspielergebnis von 313 Millionen Dollar auch der erfolgreichste. Und dabei ist er weder Comic-Verfilmung noch Fortsetzung.

Wie fragwürdig die Sequel-Strategie ist, zeigt sich auch an dem enttäuschenden Einspielergebnis von "Tomb Raider 2". Trotz wohlmeinender Kritiken startete der Film in den Staaten weit unter Erwartungen. Offenbar hatte der erste Teil die Kinogänger so sehr enttäuscht, dass nur noch wenige Lust auf eine neue Begegnung mit Lara Croft hatten. In den USA sucht das Publikum mittlerweile ein Gegenprogramm: Letztes Wochenende erlebte das von Frank Marshall produzierte Drama "Seabiscuit" einen äußerst erfolgreichen Start. Dabei verletzt die Geschichte um ein legendäres Rennpferd einige der Grundprinzipien der Sommerfilme. Ihr Sujet ist historisch, ihr Erzählstil bedächtig und ihre Helden allesamt Verlierertypen.

Ziehen die Studios jetzt Konsequenzen? "Sie überdenken ihre Strategie ständig", meint Paula Wagner, Produzentin ("Mission Impossible") und Firmenpartnerin von Tom Cruise. "Sie wissen, dass man Filme nicht auf dem Reißbrett machen kann - nach dem Motto: Was dieses Jahr funktionierte, funktioniert auch im nächsten Jahr."

 Verlierertyp: Hulk muss gigantische Umsatzeinbrüche 'verkraften
Zur Großansicht
UIP

Verlierertyp: Hulk muss gigantische Umsatzeinbrüche 'verkraften

Ob Hollywood künftig weniger Blockbuster in Monokultur züchtet, lässt sich indes noch nicht abschätzen. Die Großproduktionen der nächsten beiden Jahre befinden sich längst in Vorbereitung. Immerhin zeichnet sich im nächsten Jahr eine größere Bandbreite ab. Neben historischen Epen wie Wolfgang Petersens "Troy" oder Katastrophenfilmen wie Roland Emmerichs "Tomorrow" kommen das Horror-Spektakel "Vann Helsing", "Spiderman 2" und der neue Harry Potter, dessen Regisseur Alfonso Cuarón wohl mehr als die bisherige Standardware abliefern dürfte. Doch ob sie den Negativtrend dieses Jahres stoppen können, hängt laut Paula Wagner nur von einem ab. "Das Publikum will eine wirklich gute Geschichte". Dieser Satz klingt bekannt. Aber vermutlich kann man ihn nicht oft genug wiederholen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP