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02.09.2003
 

Piratenfilm "Fluch der Karibik"

Eine Buddel voll Kuddelmuddel

Von Oliver Hüttmann

Mit dem Freibeuter-Spektakel "Fluch der Karibik" erprobt Action-Produzent Jerry Bruckheimer die Renaissance des Piratengenres. Das turbulente Gebräu aus Seemansgarn, Schauwerten und Slapstick gehört zu den erfolgreichsten Produktionen des amerikanischen Kinosommers und soll nun auch hier zu Lande die krisenleeren Kassen füllen.

"Fluch der Karibik", Hauptdarsteller Depp: Divenhaft-schwules Gehabe
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"Fluch der Karibik", Hauptdarsteller Depp: Divenhaft-schwules Gehabe

274 Millionen Dollar. So viel hat der "Fluch der Karibik" zur Stunde in Amerika eingespielt. Das Geschäft ansonsten läuft mies, fast alle mit viel Getöse angelaufenen potenziellen Blockbuster sind weit hinter den Erwartungen zurück geblieben. Auch in Deutschland wird ein Schwund der Kinozuschauer beklagt wie lange nicht mehr. Der Sommer sei schuld, heißt es meist, die Jahrhunderthitze im alten Europa. Dabei wird vergessen, dass in Amerika die Filme mit den größten Aussichten traditionell in dieser Jahreszeit starten. Aber nun dräut der Herbst und der Regen und die deutschen Kinobetreiber erhoffen sich vom "Fluch der Karibik" den ersehnten Segen. 274 Millionen Dollar, da müssen doch auch für sie ein paar Euro mehr abfallen.

274 Millionen, das ist andererseits nur eine Zahl unter vielen. Über die Umsätze jedoch wird schon lange öfter geredet als über den Inhalt der Filme. Und längst ist diese Numerologie nicht mehr allein eine Macke der Menschen in Hollywood. Allerorten sind die Ranglisten, die Top Ten, die erfolgreichsten Filme, Start- und Wochenendergebnisse aller Zeiten der Fetisch der modernen Kinowelt. Ständig werden neue Rekorde vermeldet, auch wenn sie kaum eine Relevanz haben. Große Teile der Medien orientieren sich daran und empfehlen lieber Filme, die sich dann doch als Flop erweisen, statt eventuell einen Hit zu verpassen.

Piraten-Stars Bloom, Depp: Erinnerungen an Burt Lancaster und Errol Flynn
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Piraten-Stars Bloom, Depp: Erinnerungen an Burt Lancaster und Errol Flynn

"Fluch der Karibik" ist trotz der 274 Millionen Dollar nicht der erfolgreichste Film des Jahres. Noch liegt "Findet Nemo" mit 330 Millionen Dollar Umsatz vorn. Aber das ist ein Animationsfilm. Das gilt irgendwie nicht. Und zur Not macht es auch ein hausgemachter Rekord. "Fluch der Karibik", jubelt der Verleih, ist die "erfolgreichste Jerry-Bruckheimer-Produktion". Dieser Jerry Bruckheimer hat mit "Flashdance", "Beverly Hills Cop", "Top Gun", "Armageddon", "Pearl Harbor" und anderen Filmen tatsächlich schon eindrucksvolle Erfolge vorzuweisen. Allerdings ist er kein Regisseur, sondern Produzent, ein Geschäftsmann. Doch sein Name verdrängt alles. An die Regisseure seiner Produktionen erinnert sich kaum jemand.

Der Regisseur von "Fluch der Karibik" ist Gore Verbinski. Er hat zuvor schon die Komödie "Mäusejagd" und "The Mexican" mit Brad Pitt und Julia Robert gedreht. "Fluch der Karibik" könnte aber auch von Michael Bay stammen, der gerade mit "Bad Boys II" in den US-Kinos ist, einer Jerry-Bruckheimer-Produktion. Denn wer mit Bruckheimer arbeitet, muss sich an dessen Rezept aus Action, Gags und Tempo halten. Und das entpuppt sich mitunter hier als der wahre Fluch der Karibik.

Piratenbraut Elisabeth (Keira Knightley): Hüterin des Medaillons
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Piratenbraut Elisabeth (Keira Knightley): Hüterin des Medaillons

Denn "Pirates Of The Carribean", so der Originaltitel, ist ein Piratenfilm, ein Genre also, das seit gut vier Jahrzehnten als ausgestorben gilt. Roman Polanski hatte vor auch schon langer Zeit mit "Piraten" und Walter Matthau einen komödiantischen Neuanfang probiert. Zuletzt scheiterte Renny Harlin mit seiner Frau Geena Davis als "Piratenbraut" bei dem Versuch, diesen Anachronismus nach den Regeln des Actionkinos wiederzubeleben. Bruckheimer und Verbinski indes haben nun beides gewagt, Witz und Rasanz als Mischung aus "Beverly Hills Cop" und "Armageddon" mit dem familiären Flair von Disneyland, dessen Themenpark die Vorlage lieferte. Im Ergebnis sieht man ein Kuddelmuddel aus Zitaten und Effekten, Seemannsgarn und Degenduellen, Slapstick und Schauwerten, bei dem beängstigend die Schiffsbalken knirschen.

Die Story ist wie bei allen Filmen der letzten Monate schnell erzählt und auch nicht wirklich wichtig. Johnny Depp spielt den Piratenkapitän Jack Sparrow, dem durch eine Meuterei sein Schiff, die "Black Pearl", abhanden gekommen ist. Gerade als er in einer langsam versinkenden Nussschale in Port Royal und dort gleich im Kerker landet, überfällt Barbossa (Geoffrey Rush) mit Sparrows ehemaliger Crew die englische Kolonialinsel und entführt Elizabeth Swann (Keira Knightley), die Tochter des Gouverneurs. Sie besitzt ein Medaillon, das zu einem Schatz des spanischen Eroberers Cortez gehört. Bevor die Goldtruhe nicht wieder voll ist, lastet auf ihnen ein Fluch: Bei Mondschein verwandelt sich die Horde in untote Skelette.

Schurke Barbossa (Geoffrey Rush): Heimtückisches Äffchen auf der Schulter
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Schurke Barbossa (Geoffrey Rush): Heimtückisches Äffchen auf der Schulter

Sparrow nimmt die Verfolgung auf, um sein Schiff wieder zu bekommen, begleitet von dem kühnen Will Turner (Orlando Bloom), einem jungen Schwertschmied, der Elisabeth liebt. Und so geht es mehr als zwei Stunden hin und her, wechselt das Medaillon mehrmals den Besitzer, werden Seeschlachten und Fechtkämpfe ausgetragen. Sparrow und Elisabeth stranden sogar genregerecht auf einem Eiland. Trottelige englische Soldaten und ihre blasierten Offiziere müssen natürlich für den Spott herhalten, einem der Seeräuber fällt ständig das Glasauge heraus, sein Kumpel ohne Zunge wird von einem Papagei synchronisiert und auf der Schulter von Barbossa sitzt ein heimtückisches Äffchen. Bruckheimer und Verbinski haben hier alles richtig gemacht, und doch wirkt alles auf Dauer beliebig.

Das beginnt mit den Zitaten. Die meisten und besten Pointen haben sie aus "Der rote Korsar" mit Burt Lancaster geplündert, ja der ganze Rahmen erinnert sehr an den Klassiker von 1952. Die verfluchten Gerippe sind zwar launig und schaurig anzusehen, wurden aber bereits von Sam Raimi in "Armee der Finsternis" benutzt. Der letztlich marginale Unterschied liegt in der Tricktechnik. Raimi hatte noch Stop Motion verwendet, jetzt ist es natürlich CGI.

Das viel größere Problem aber ist die Bewegung. Piratenfilme mit ihren Segelschiffen sind gemessen an der zeitgemäßen Beschleunigungskraft heutiger Actionfilme mit Autos, Raumschiffen oder Superhelden eher langsam. Um diesen Eindruck aufzuheben, wurden viele Szenen mit Zoom gefilmt und schnell geschnitten. So legt sich schon mal eine Fregatte wie ein Rennwagen in die Kurve und man weiß nicht mehr, ob nun der Schauspieler oder ein Stuntman die Klinge führt.

Dann sehnt man sich nach Errol Flynn oder eben Lancaster, die solche Höhepunkte noch artistisch und tänzelnd am Stück vollbracht haben. So ist "Fluch der Karibik" ein Film für Spätgeborene, die das alles nicht kennen. Wobei die Frage offen bleiben muss, ob diese Buddel voll Rückschau, die wie eines dieser trendigen Mixgetränke schmeckt, für sie ein Fluch oder eine Gnade ist. Immerhin ist "Fluch der Karibik" keine Fortsetzung.

Action-Produzent Bruckheimer: Rezept aus Action, Gags und Tempo
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Action-Produzent Bruckheimer: Rezept aus Action, Gags und Tempo

Den Gegenpol bildet Johnny Depp. Sein schwankender Gang, sein Nuscheln und irgendwie weltfremdes, divenhaft-schwules Gehabe zwingt dem Film immer wieder eine Pause auf. Das ist teils großartig, manchmal nervig, aber immer verbunden mit einem anarchischen Hauch. Jack Sparrow ist ein Tagedieb, der sich von Regeln und Hektik nicht beeindrucken lässt, mit sich selbst und seinem Schiff am glücklichsten ist. Abgesehen davon ist "Fluch der Karibik" der politisch unverdächtigste Film nach dem 11. September 2001. Nichts verweist auf dieses amerikanische Trauma, keine Szene kann die Angst vor Terrorismus und Attentaten schüren. Selbst der Überfall der Piraten wäre dafür ein schwaches Bild. Auch darin, in der historischen Ferne, liegt sicher der Erfolg des Films. Für dieses Wohlgefühl gibt Amerika dann auch schon mal 274 Millionen Dollar aus.


Fluch der Karibik (Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl)


USA 2003. Regie: Gore Verbinski. Drehbuch: Ted Elliott, Terry Rossio. Darsteller: Johnny Depp, Orlando Bloom, Geoffrey Rush, Keira Knightley, Jonathan Pryce, Jack Davenport. Produktion: Walt Disney Pictures, Jerry Bruckheimer Films. Verleih: Buena Vista. Länge: 143 Minuten. Start: 2. September 2003

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