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26.09.2003
 

"Seabiscuit"

Amerikas Ritt in die Hoffnung

Von Oliver Hüttmann

Rezession, Kriege, Zukunftsangst - es ist wieder an der Zeit für große nationale Legenden: Regisseur Gary Ross lässt die amerikanische Seele in "Seabiscuit" an einem tapferen Rennpferd genesen. Die Bestseller-Verfilmung gilt als aussichtsreicher Kandidat für die nächste Oscar-Verleihung.

       "Seabiscuit", Darsteller Tobey Maguire: Heilung durch den Wundergaul
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"Seabiscuit", Darsteller Tobey Maguire: Heilung durch den Wundergaul

In Krisen wächst die Zuflucht in die Nostalgie, sei sie auch nur ein Abbild im Kino. Deutschland hat "Das Wunder von Bern", den WM-Sieg der Fußballnationalmannschaft 1954, den Sönke Wortmann passend als Aufbauhilfe zur tristen Stimmung im Lande verfilmt hat. Motto: Alles wird gut. Und Amerika richtet sich am Pferd "Seabiscuit" auf, das fast schon im Schlachthof gelandet wäre und in den dreißiger Jahren dann jedes Rennen gewann. Motto: Nicht aufgeben!

Faszinierend ist daran nicht nur, wie sich mit "Seabiscuit" die Zeichen der Gegenwart bis in die große Depression zurück koppeln lassen. Der verblüffende Erfolg des Pferdes weist auch Parallelen zur Geschichte des Films auf. Niemand hat mit diesem Epos gerechnet. Im hohlen Getöse der Sommer-Sequels und Superheldenfilme tauchte es plötzlich aus dem Abseits auf und hat seither mit Ausdauer fast 120 Millionen Dollar eingespielt. Nach acht Wochen liegt "Seabiscuit" weiter knapp hinter den Top Ten und wird sogar als aussichtsreicher Kandidat für die Oscar-Verleihung gehandelt. Hollywood liebt seine Hoffnungsträger.

Bei "Das Wunder von Bern" hat Wortmann eine Szene eingebaut, in der Sepp Herberger am Abend vor dem Finalspiel den entscheidenden Tipp für seine Aufstellung von einer Putzfrau erhält. In "Seabiscuit" ist es seine Ehefrau Marcella (Elizabeth Banks), die Charles Howard (Jeff Bridges) zum Kauf des störrischen Kleppers rät. Die Männer, die Seabiscuit dann zum triumphalen Galopper machen, sind zwar grundverschieden und stammen aus drei Generationen. Doch sie vereint ein Verlust und das Gefühl, Außenseiter zu sein.

       Geschäftsmann Howard (Jeff Bridges): Pferde statt Autos
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Geschäftsmann Howard (Jeff Bridges): Pferde statt Autos

Der junge Red Pollard (Tobey Maguire) wird im Teenageralter als Erstgeborener von seinen Eltern an den Besitzer eines Rennstalls abgegeben, weil sie ihn nicht mehr ernähren können. Für einen Jockey ist er eigentlich zu groß und als Preisboxer wird der schmächtige Rotschopf halb blind geprügelt. Der alternde Cowboy Tom Smith (Chris Cooper) ist vom Fortschritt aus der Prärie vertrieben worden und hat die Suche nach einem Platz in der Welt abgehakt, als ihn Charles Howard einstellt. Der ehemalige Fahrradmechaniker hat das richtige Gespür gehabt, Millionen mit dem Verkauf der ersten Cadillacs gemacht und sogar den Börsencrash überlebt. Doch dann setzt sich sein kleiner Sohn heimlich ans Steuer eines seiner Wagen und rast in den Abgrund. So kehrt sein persönliches Schicksal die Verhältnisse um, und er fängt an, auf Pferde zu setzen.

Einen nostalgischen Zug und Hang zur einfachen Moral zeigte Gary Ross schon mit seinem komödiantischen Regiedebüt "Pleasantville", bei dem ein Geschwisterpaar in einer TV-Serie der fünfziger Jahre landet und die schwarzweiße Engstirnigkeit aufmischt, bis Freiheit und Vielfalt knallbunt erstrahlen. Auch "Seabiscuit" vermittelt solche Tugenden, Gemeinschaftssinn und Glaube an sich selbst, Beharrlichkeit, Überzeugungskraft, Vertrauen und Liebe. Red findet in Charles, Marcella und Tom eine neue Familie, Charles in Red seinen verlorenen Sohn wieder, Tom einen Ort als naturbelassener Pferdeflüsterer und jeder mit Seabiscuit eine Aufgabe.

       Drei Männer, drei Generationen: Tobey Maguire, Chris Cooper, Jeff Bridges
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Drei Männer, drei Generationen: Tobey Maguire, Chris Cooper, Jeff Bridges

Seabiscuit bricht alle Rennrekorde. 1938 schließlich treten die Aufsteiger von der Westküste gegen das hochnäsige Establishment an der Ostküste an. Das historische Duell zwischen dem krummbeinigen Wundergaul und dem wunderschönen Star-Hengst War Admiral in Santa Anita zieht ganz Amerika in den Bann und an die Radios. Zuvor gondelte Charles Howard wie einst die US-Präsidenten beim Wahlkampf in einem Eisenbahnwaggon übers Land. Und obwohl Ross den Bestseller der Autorin Laura Hillenbrand adaptiert hat, merkt man an den flammenden Appellen des Herausforderers, mit denen er die Schlagzeilen bestimmt und die Massen gewinnt, dass Ross einst als Redenschreiber für Bill Clinton gearbeitet hat. Von ihm stammt auch das Drehbuch zur Neuverfilmung von "Lassie" (1994), und zuweilen gemahnt "Seabiscuit" an "Unsere kleine Farm" oder "Die Waltons", wo sich Konflikte in Versöhnung und Tragik in Hoffnung auflösten, so wie das Trio stellvertretend für die amerikanische Seele am Sieg von Seabiscuit genesen ist.

Aber daran ist nichts falsch. Ross findet immer den passenden Ton und die richtigen Bilder aus Glanz und Wehmut, großen Gesten und stillen Momenten, mit denen er die Kunst aus anrührendem Kitsch und mitreißendem Pathos ausbalanciert. In den Rennszenen schafft er eine Dramatik, wie es Actionfilmen mit ihren Spezialeffekten heute kaum noch gelingt, und die Darstellerriege spielt makellos. Wenn diese Geschichte nicht wahr wäre, hätten Ross und Hillenbrand sie erfinden können. Einige zugespitzte Freiheiten haben sie sich - dem Genre entsprechend - auch genommen. Aber das ist das Wesen jeder Legende.


Seabiscuit - Mit dem Willen zum Erfolg (Seabiscuit)
USA 2003. Regie, Drehbuch: Gary Ross. Darsteller: Jeff Bridges, Tobey Maguire, Chris Cooper, Elizabeth Banks, William H. Macy, Gary Stevens. Produktion: Spyglass Entertainment, Universal Pictures, Dreamworks SKG, Larger Than Life Productions, The Kennedy/Marshall Company. Verleih: UIP. Länge: 140 Minuten. Start: 25. September 2003

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