Von Martin Reischke
Zur "Weltpremiere" kamen die Gäste sogar aus dem fernen Mecklenburg nach Diepholz. Vier junge Leute, so wird berichtet, hätten sich schon am späten Nachmittag im 300 Kilometer entfernten Hagenow mit dem Auto auf die lange Reise in die niedersächsische Kleinstadt gemacht.
Pünktlich um 20:30 Uhr am Freitagabend waren dann auch die Weitgereisten da, zur Premiere im festlichen Ambiente der Hauptstelle der Diepholzer Kreissparkasse. Mehr als 400 Menschen sollen es gewesen sein, und 90 Minuten später hielt es keinen mehr auf seinem Stuhl. "Minutenlang gab es Standing Ovations", sagt Ralf Vielhauer, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der niedersächsischen Hobbyfilmer "Filmemoker".
Kein Wunder, denn zwischen Geldautomaten und Kontoauszugsdruckern wurde am Abend des 10. Oktober deutsche Kinogeschichte geschrieben, das heißt plattdeutsche. Gezeigt wurde die Science-Fiction-Satire "De neie Apparatspott - Gerangel in Ruum & Tied". Übersetzt heißt das dann ungefähr "Der neue Einmachtopf - Gerangel in Raum und Zeit".
Der Einmachtopf steht unweit Diepholz im dörflichen Sulingen und ist eigentlich die Gartenlaube von Regisseur Martin Hermann, Kopf der "Filmemoker"-Gruppe. Im Film fällt das allerdings nicht weiter auf. Die Laube ist als Raumschiff mit allerhand Leuchten, Knöpfen und Computern ausstaffiert, und eine automatische Vakuumluke schleust die Besucher nicht in die Erdbeerpflanzen oder aufs Spargelbeet, sondern in die dunklen Gänge der Raumfähre. Inmitten der technischen Herrlichkeit thront Käpten Kork (Michael Schumacher), das norddeutsche Pendant zum US-Original Captain Kirk.
"Gerangel in Ruum & Tied"
Es geht also wieder einmal ums "Raumschiff Enterprise", das für den Film einen Zwischenstopp im plattdeutschen Raum eingelegt hat. Und so hat Käpten Kork auch keine orbiterprobte Crew dabei, sondern eine Mannschaft bodenständiger Norddeutscher mit Namen, die auch hierzulande verstanden werden: Chefingenieur Scotty wird zu "Schrotty" (Detlef Klußmann), Chekov zu "Chefkoch" (Thomas Baier), und aus Commander Spock macht Regisseur Hermann kurzerhand "Herrn Spick" (Dieter Köper). Der Bordarzt Pille tritt als ein dem Alkohol zugetaner Tierdoktor in Erscheinung, der den bezeichnenden Namen "Pulle" trägt (Hansjürgen Hespos), und aus der Nummer Eins wird "Nr. Eent" (Udo Burmeister).
Entsprechend derb-norddeutsch ist auch die Handlung: Es geht ums Bier. Das haben die Plengonen gestohlen, zum Teil zumindest. Die Vorräte werden nun knapp, der Bierpreis schießt in ungeahnte Höhen - und jetzt steht auch noch das Sulinger Schützenfest bevor. Damit das nicht nur mit Mineralwasser begossen werden muss, kommt der Apparatspott zum Einsatz. Es geht also ums Ganze: Bier oder Selters, ein "Gerangel in Ruum & Tied".
Mit viel Liebe zum Detail hat der 39-jährige Hermann zusammen mit den anderen Filmemachern das plattdeutsche Weltraum-Abenteuer in Szene gesetzt. Der zweibeinige "Apparatspott", der per Computeranimation durch den norddeutschen Luftraum Richtung Nordwesten rast, trägt sogar eine TÜV-Plakette, die allerdings schon vor neun Jahren abgelaufen ist. Wenn das Raumschiff dann per Computeranimation über das südenglische Stonehenge hinwegfegt, fallen die Jahrtausende alten Gesteinsquader um als wären sie winzige Dominosteine. Und Herr Spick läuft - ganz wie das Original - selbst Stunden nach der Vorführung noch mit lang gezogenen Ohren herum, Plastikaufsatz inklusive.
Die Szenen sind wohl manchmal ein wenig zu lang geraten, und bei den Dialogen kommt der Text der Hobbyschauspieler mitunter allzu einstudiert daher. Andererseits darf an diesen Film auch nicht die herkömmliche cineastische Messlatte angelegt werden. Schließlich sind es Laienschauspieler, die auch fernab der Heimat ihre norddeutschen Wurzeln nicht verleugnen - und am Ende herausfinden, dass sogar die Außerirdischen Plattdeutsch sprechen können.
Zwischendurch gibt es zur Erfrischung ein kühles Blondes aus dem Getränke-Synthesizer an Bord des "Apparatspotts". Feinste Tricktechnik lässt die Getränke in der Mikrowelle auftauchen und wieder verschwinden: Schwupp ist das Bier da, schwupp ist es wieder weg. Der "Apparatspott" selbst steht etwas anachronistisch in der Landschaft: Mit den zwei kurzen Beinen und den Riesenfüßen sieht er eher aus wie ein Hexenhaus aus einem russischen Märchen als wie eine Raumfähre, und beim Abflug - dree, zwee, eens - wackeln die Beine dann so bedenklich, dass sie abzufallen drohen.
Die Crew ist derweil allerdings damit beschäftigt, heil die Startphase zu überstehen. Am Ende dann das große Aufatmen: "De büxen sönt dröge blewen" - die Hosen blieben trocken. Zum Abspann - die Helden haben ihre Mission erfüllt und kehren heil zur Erde zurück - gibt es noch den Soundtrack zum Film mit dem sehnsuchtsvollen Titel "Apparatsspot nimm mich mit!", getextet, komponiert und gesungen von Kamera-Assistent Karlheinz Hespos. Gänsehautkino aus Niedersachsen.
Dreieinhalb Jahre haben die zehn Hobby-Filmer an ihrem neuen Abenteuer in Raum und Zeit gearbeitet, der Fortsetzung ihres Erstlingswerks "De Apparatspott - Ick hepp keene Lust mehr hier ünnen", das 1999 Premiere feierte. 40.000 Euro hat die Produktion gekostet, und abgesehen von der Unterstützung einiger lokaler Sponsoren haben die "Filmemoker" aus Sulingen das Weltraumabenteuer überwiegend selbst finanziert. Gedreht wurde ausschließlich daheim, die Kuppendorfer Heide und eine Kiesgrube in Maasen dienten als Kulisse für den Planeten "Alpha Beton", und eine alte Familiengruft in Derneburg musste als Behausung der Plengonen herhalten.
"Apparatspott" in die Kinos
Kamerakräne und Bühnenbild - alles haben die Norddeutschen selber gebaut. Prominente Unterstützung bekamen sie von Falko Weerts, Moderator der Sendung "Talk op Platt" auf N3. Er übernahm im Film die Rolle des Vorsitzenden des Schützenvereins. Auch Armin Maiwald, bekannt als Miterfinder und Sprecher der Lach- und Sachgeschichten in der "Sendung mit der Maus", lieh seine Stimme für eine kurze Sprechrolle den Filmemachern.
Die wollen den "Apparatspott" jetzt auch in die Kinos bringen. "Nun beginnt die Ochsentour, denn wir haben keinen Verleiher", sagt Ralf Vielhauer. Ein paar Kontakte gibt es immerhin schon, da auch der erste Film der Gruppe in einigen kleinen Kinos im Norden gezeigt wurde. Außerdem wollen sie an die Schulen in Norddeutschland, wo Plattdeutsch oft als Arbeitsgemeinschaft angeboten wird. "Die suchen was Modernes und Frisches", sagt Vielhauer. Genau das könnten die "Filmemoker" den Schulen auch anbieten: Einen aktuellen Science-Fiction-Film. Dazu ist ein Buch zur Entstehung des "Apparatspotts" und zu den Dreharbeiten geplant, das auf Hoch- und Plattdeutsch erscheinen soll.
"Wir schnacken platt, weil das so eine lustige Sprache ist" sagt Hermann. Plattdeutscher Muttersprachler ist keiner von ihnen. Dabei weiß Hermann genau, dass die Filmemacher nie einen solchen Erfolg gehabt hätten, wenn sie Raumschiff Enterprise auf Hochdeutsch nachgedreht hätten. "Dann würden wir uns den Film jetzt wahrscheinlich bei mir im Wohnzimmer angucken."
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