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"Alien - Director's Cut" Der perfekte Organismus

Der Science-Fiction-Film "Alien" kommt als "Director's Cut" erneut in die Kinos. Ridley Scotts Meisterwerk über das monströse Grauen aus dem All stammt aus einer Zeit, als man sich Langsamkeit und Atmosphäre im Kino noch leisten konnte. Es hat auch nach fast 25 Jahren nichts von seiner Faszination verloren.

Sigourney Weaver als Ripley: Flucht vor dem Phallus
20th Century Fox

Sigourney Weaver als Ripley: Flucht vor dem Phallus

Eine Frau ist auf der Flucht. Sie hetzt durch Gänge, futuristische Röhren eines Raumschiffes, und blickt sich immer wieder ängstlich um. Alarmleuchten blinken, hinter ihr schließen sich schwere Türen. Nicht nur Kinokenner denken da sofort an die Schlusssequenz von "Alien" mit Sigourney Weaver. Doch diese Szene stammt aus einem Werbeclip für Kaugummi.

Ridley Scotts fast ein Vierteljahrhundert alter Science-Fiction-Film ist längst ein Teil unseres Alltags. Die Bilder sind unauslöschlich in der Popkultur aufgegangen, der Plot zur Blaupause für ein vor 1979 nicht wirklich existentes Genre geworden. Bis dahin fand der Kampf gegen Außerirdische auf der Erde statt. Forscher fanden "Das Ding aus einer anderen Welt" in der Antarktis, die "Body Snatchers" assimilierten die Bewohner einer amerikanischen Kleinstadt. Stanley Kubrick hat mit "2001 - Odyssee im Weltraum" das Tor zu den Sternen aufgestoßen, Scott aber den ersten wahren Klassiker des Actionfilms im All gedreht, sieht man mal von "Star Trek" und "Star Wars" ab. Und in den Weiten des Weltraums fand er nicht Gott, sondern das Grauen.

Erster Kontakt: Beim Essen bricht das Alien aus dem Brustkorb von Besatzungsmitglied Kane (John Hurt, M.) hervor
20th Century Fox

Erster Kontakt: Beim Essen bricht das Alien aus dem Brustkorb von Besatzungsmitglied Kane (John Hurt, M.) hervor

Das "Alien" kam 1979 am Ende von New Hollywood und war auch der letzte Höhepunkt des britischen Großfilms, der mit Agenten- und Kriegsfilmen den Amerikanern lange ebenbürtig war. "Alien" gewann den Oscar für die besten visuellen Effekte, eine Nebenkategorie, die im Kino heute die entscheidende Rolle spielt. Der Schweizer Surrealist H.R. Giger hat dieses parasitäre Monster geschaffen, das in glibberigen Eiern wie eine Zecke auf sein Opfer wartet und es als Wirt und Nahrung zugleich nutzt. Die mehrere Meter große Echse mit dem Panzer einer Kakerlake war damals die schrecklichste Kreatur, die man im Kino je gesehen hatte. Ein Wesen wie ein schwarz glänzender und schleimiger Schaft, der vor allem im finalen Akt zum Phallussymbol taugt. Die von Sigourney Weaver gespielte Sicherheitsoffizierin Ripley glaubt sich gerettet, ist nur noch mit einem engen T-Shirt und Schlüpfer bekleidet, als sie zwischen den Kabeln und Apparaturen ihres Raumgleiters das obszön schnaufende Alien entdeckt.

Mensch gegen Maschine: Ripley (Sigourney Weaver) misstraut dem Androiden Ash (Ian Holm)
20th Century Fox

Mensch gegen Maschine: Ripley (Sigourney Weaver) misstraut dem Androiden Ash (Ian Holm)

Nun kommt "Alien" noch einmal ins Kino, zwischen "Terminator 3" und "Matrix 3", die es ohne Scotts Meilenstein so vielleicht nie gegeben hätte. Wer den Film kennt oder gar schon mehrmals gesehen hat, wird sich natürlich nicht mehr fürchten, obwohl die Schockmomente nach wie vor exzellent gesetzt sind. Für etliche jüngere Generationen ist die erste Begegnung auf der Leinwand dennoch ein Ereignis. Viele Details fallen jetzt stärker ins Auge, auch weil die Negative digital überarbeitet worden sind. Das Großbild bleibt dem Bildschirm eben doch überlegen, trotz des ansteigenden Erfolges der DVD.

Für die Wiederaufführung hat Scott eine neue Fassung vorgelegt, den so genannten Director's Cut, eine mittlerweile beliebigen Variante aus Eitelkeit und Profitdenken. So werden frühere Entscheidungen revidiert, zu denen Regisseure sich gezwungen fühlten, nicht selten auch von den Produzenten. Da es aber einen Director¹s Cut fast nur zu anerkannten Meisterwerken gibt, kann der damalige Schnitt so falsch aber auch nicht gewesen sein.

Giger-Entwurf des Alien-Raumschiffs: Schrecklichste Kreatur
20th Century Fox

Giger-Entwurf des Alien-Raumschiffs: Schrecklichste Kreatur

Erkennbar hat Scott zwei Szenen hinzugefügt. Zum einen den Streit zwischen Ripley und der hysterischen Navigatorin Lambert (Veronica Cartwright), der noch mal Ripleys Nervenstärke und emanzipierte Attitüde unter der sonst männlichen Crew betont. Die andere neue Szene zeigt Ripley im Frachtraum, wo das Alien die Besatzungsmitglieder in einen Kokon eingesponnen hat für ihre Brut. Diese Einstellung fällt zuerst gar nicht auf, weil Ripley mit dem Flammenwerfer solche Nester auch in den drei Fortsetzungen zerstört. So überlagern sich die Bilder.

Scott hatte damals gemeint, dieser Moment des Verharrens vor dem Nest breche die Dynamik der 17-minütigen Finalhatz durch den Raumfrachter "Nostromo", derweil der Countdown zur Selbstzerstörung tickt. Inzwischen ist das Kino mit seinem Schnitt-Stakkato jedoch so schnell geworden, dass selbst Kritiker nach der Vorführung nörgelten, der Film sei etwas langatmig. So nutzt auch der moderne Kaugummi-Spot zwar das "Alien"-Motiv, aber den heutigen Rhythmus.

Regisseur Scott (r.) mit Sigourney Weaver bei den Dreharbeiten zu "Alien" 1978
20th Century Fox

Regisseur Scott (r.) mit Sigourney Weaver bei den Dreharbeiten zu "Alien" 1978

Dabei ist "Alien" ein Beispiel dafür, wie man Spannung mit Stil aufbaut. Scott, selbst ein Werbefilmer, lässt sich tatsächlich viel Zeit, um in vollendeter Schönheit eine gespenstische Stimmung zu stimulieren. Zum Auftakt schwebt die Kamera mit langen Einstellungen und Überblendungen durch die "Nostromo". Ein Funksignal. Die Besatzung erwacht, isst, albert, zankt. "Mutter", der Bordcomputer. Die Landung auf einem eisigen, stürmischen Planeten. Es vergeht fast eine Dreiviertelstunde, bis man einen Teil des Alien erstmals sieht und Blut fließt.

"Alien" ist nicht langsam, ja nicht mal altmodisch. Heutige Filme können sich diesen Luxus nur nicht mehr leisten. Es ist schon alles bekannt und gezeigt worden, die meisten Storys sind so dünn und durchsichtig, dass der Zuschauer immer rasanter, größer, spektakulärer gleich am Anfang gepackt werden muss. Natürlich sind deren visuellen Effekte ausgefeilter, manchmal auch besser. Das ist technischer Fortschritt, aber keine dramaturgische Kunst und oft nur noch reiner Selbstzweck. Ridley Scotts "Alien" zählt zur Geburtsstunde des modernen Kinos, als noch alles perfekt zusammen passte - wie der Organismus des Alien.


Alien - Director's Cut
Großbritannien 1979/2003. Regie: Ridley Scott. Drehbuch: Dan O¹Bannon, Ronald Shusett. Darsteller: Tom Skerrit, Sigourney Weaver, Harry Dean Stanton, John Hurt, Veronica Cartwright, Ian Holm, Yaphet Kotto; Produktion. Brandywine Productions Ltd.. Verleih: 20th Century Fox. Länge: 118 Minuten. Start: 23. Oktober 2003

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