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02.01.2004
 

Interview mit Franka Potente

"Frauen sind Brüter"

Die Schauspielerin Franka Potente, 29, sprach mit SPIEGEL ONLINE über ihre Doppelrolle in dem Klon-Drama "Blueprint", ihre Kindheit in Dülmen und ihr Leben zwischen Deutschland und Hollywood.

Schauspielerin Potente: In "Blueprint" (Kinostart: 1. Januar 2003) übernimmt sie gleich beide Hauptrollen: die der Starpianistin Iris Sellin und ihrer geklonten Tochter Siri
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DDP

Schauspielerin Potente: In "Blueprint" (Kinostart: 1. Januar 2003) übernimmt sie gleich beide Hauptrollen: die der Starpianistin Iris Sellin und ihrer geklonten Tochter Siri

SPIEGEL ONLINE:

Frau Potente, in "Blueprint" spielen Sie eine Mutter, die ihre Tochter ganz nach ihren Vorstellungen formen will. Haben Sie sich zur Vorbereitung von den Film "Meine liebe Rabenmutter" mit Faye Dunaway, die die Rolle der Joan Crawford verkörperte, angesehen?

Franka Potente: Ich sehe es als Kompliment, dass Sie das fragen. Doch obwohl ich den Film kenne, habe ihn mir aber nicht extra für "Blueprint" noch einmal angesehen. Es gibt ja einige Filme über den ewigen Mutter-Tochter-Konflikt. Allerdings muss ich auch zugeben, dass der Klon-Aspekt allein nicht der Grund war, die Doppelrolle anzunehmen. Klonen kann ich ja auch nicht darstellen, sondern nur Ambivalenzen in der Beziehung zwischen den beiden Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Sie standen für "Blueprint" nicht nur in Kanada vor der Kamera, sondern auch in Münster nicht unweit von Ihrem Elternhaus. Kommen da noch mehr Erinnerungen aus der Kindheit hoch, als wenn man in andere Rollen an anderen Drehorten schlüpft?

Potente: Wenn ich arbeite, arbeite ich wirklich, das heißt, ich bin in dieser Beziehung total asozial, weil ich kaum noch etwas anderes leisten kann. Das war hier natürlich doppelt so viel als sonst. Nichts desto trotz hatte ich diesmal Vater, Mutter, Tante und Oma ständig am Set, weil sie nicht weit entfernt wohnten. Meine Mutter hat sich auch nicht davon abbringen lassen, meine Wäsche zu waschen. Es war mir alles sehr vertraut - bis zu den Leuten aus Münster, die bei der Produktion mitwirkten. Dafür war ich natürlich offen, aber ansonsten ist man schon sehr im Film drin.

Bei aller Liebe war es manchmal wirklich ein bisschen zu viel. Ich habe es nach Hause in Dülmen auch nur einmal geschafft. Meine Mutter hat es wohl nicht so richtig begriffen, warum man am Wochenende nicht einmal mehr kommt. Aber für mich hieß es am Wochenende a) einmal richtig auszuschlafen, um den Kopf frei zu kriegen und b) mit dem Pianisten zu üben. Ich konnte einfach nicht vollkonzentriert über die Gebrechen der Großtante reden und gleichzeitig noch Kaffee machen, aber das wird von einer guten Tochter natürlich immer ein bisschen erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn immer eine "gute Tochter" gewesen?

Potente in "Blueprint": "Klonen kann ich nicht darstellen"
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Ottfilm

Potente in "Blueprint": "Klonen kann ich nicht darstellen"

Potente: Ich habe - wie mein Bruder - immer auch ein bisschen rebelliert, doch wir waren immer moderat. Es gibt ja Teenager, die nicht mehr zur Schule gehen, sich einen Knopf an die Backe nähen und Drogen wie wild nehmen. Ich habe manchmal schon retrospektiv gesagt: Ihr könnt so froh sein, dass ihr uns als Kinder hattet. Ich glaube, meine Eltern hatten nie wirklich Probleme mit uns, obwohl natürlich auch manchmal die Fetzen flogen und mein Vater mit mir eine Woche nicht redete, als ich mit 18 Jahren mein erstes Tattoo hatte. Er wollte es übrigens auch nicht sehen...

Ich fand es immer scheiße, wenn mir vorgeschrieben wurde, was ich anzuziehen hatte. Mein Vater war ja in einer Kleinstadt Leiter einer Hauptschule, und wenn dann die Tochter in einer zerfetzten Jeans herumlief, dann dachten die Honoratioren der Stadt, dies wäre ein großes Problem. Und das fand ich halt ein Problem. Mir gefiel auch nicht, dass mein Vater Mercedes fuhr. Den Wagen wollte ich eine zeitlang nicht betreten. Das war für mich mit 16 ein kapitalistisches Statussymbol - und das fand ich uncool. Ich hörte lieber Punkmusik von den Goldenen Zitronen oder Independentpop von Phillip Boa and the Voodooclub. Halt alles mögliche Krachzeug. Insgesamt verlief meine Kindheit und Jugend also total harmlos.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als perfektionistisch. Haben Sie wirklich für "Blueprint" Klavierspielen gelernt?

Potente: Ich hatte ein halbes Jahr Klavierunterricht, wobei mir meine Geigen-Vorkenntnisse recht nützlich waren. Irgendwann mussten wir natürlich faken. Kleine Teile von Musikstücken konnte ich im Film tatsächlich selbst vortragen, doch der Großteil wurde natürlich eingespielt. So beherrschte ich die exakten Gesten, war aber nach Anfangserfolgen etwas enttäuscht, dass ich ad hoc keinen Mozart oder Bach auf dem Flügel spielen konnte. Somit bin ich lieber wieder zur Geige zurückgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit haben Sie sich im Zusammenhang mit der Mutter-Tochter-Doppelrolle auch mit einem eigenen Kinderwunsch auseinandergesetzt?

US-Erfolg "Lola Rennt": "Das eine hat sich aus dem anderen ergeben"
AP

US-Erfolg "Lola Rennt": "Das eine hat sich aus dem anderen ergeben"

Potente: Grundsätzlich möchte ich auf jeden Fall Kinder haben, aber so etwas machst du schließlich nicht alleine. Wenn man - wie ich - derzeit ein bisschen heimatlos ist, hat man andere Gedanken. Ich habe erst seit einigen Monaten einen neuen Freund und da denkt man über so etwas noch nicht nach. Ein Kind zu zeugen bzw. zu bekommen, ist vielleicht das größte Wunder der Evolution. Es aufwachsen zu sehen, wirft neue Perspektiven aufs eigene Leben. Irgendwann würde ich das gerne mitnehmen. Vor allem der Teil der Entwicklung des Kindes bis zum fünften Lebensjahr. Das ist wohl wirklich ein doppeltes Geschenk an die Eltern, die sich an diesen Abschnitt ihrer eigenen Kindheit meist nur diffus erinnern können und ihn dann noch mal durchleben dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Seit einigen Jahren wagen Sie den Spagat zwischen deutscher Karriere und Hollywood-Angeboten. Gibt es für Sie generelle Unterschiede in der Arbeit?

Potente: Als Spagat nehme ich es gar nicht wahr. Das eine hat sich aus dem anderen ergeben. Die Möglichkeit in Amerika zu arbeiten, kam ganz klar durch "Lola rennt" zustande und ist immer noch limitiert. Da lese ich, was ich lesen kann. Und was sich dann ergibt, und was ich mag, das mache ich dann - genauso wie bei einem deutschen Drehbuch. Ich finde es bei englischsprachigen Produktionen immer gut, wenn ich nicht meinen Akzent wegradieren muss. Einfach aus dem Grund, weil ich meine, dass ich dann besser spiele.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich Angst vor einem eventuellen Karriereknick?

Potente: Ich könnte mir vorstellen, bevor irgendetwas knickt, knicke ich lieber selber. Obwohl ich meinen Beruf liebe, denke ich, ich könnte irgendwann auch noch etwas anderes machen. Ich habe gerade ein Jahr Auszeit genommen, zwar in Amerika, konnte aber wieder ein quasi normales Leben führen. Wichtig ist mir, mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Mit zunehmenden Alter versuche ich, ständig mehr über mich herauszufinden.

SPIEGEL ONLINE: Was möchten Sie denn gerne herausfinden?

Potente mit Freund Olaf Heine (bei der "Blueprint"-Premiere am 8. Dezember in Münster): Grundsätzlich möchte ich auf jeden Fall Kinder haben
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Potente mit Freund Olaf Heine (bei der "Blueprint"-Premiere am 8. Dezember in Münster): Grundsätzlich möchte ich auf jeden Fall Kinder haben

Potente: Auch wenn sich das jetzt total prätentiös anhören mag: Ich möchte intensiv leben, aufmerksam sein, sowohl Ruhe und Gelassenheit lernen, als auch als auch frei zu sein in Beziehungen, in der Liebe und im Denken. Ich finde analytisches Denken gut, beschäftige mich seit Jahren damit, ob ich nun lese, schreibe oder fotografiere. Dem neben oder Hand in Hand mit meinem derzeitigen Beruf nachzugehen, möchte ich nicht missen. Es gibt so vieles zu erleben, es muss nicht nur das eine sein.

SPIEGEL ONLINE: Lenkt Sie der ganze PR-Rummel um Ihre Person manchmal nicht von Ihrer eigentlichen Zielsetzung ab?

Potente: Er verführt manchmal dazu. Ich habe oftmals ein Respektsproblem mit der Branche, in der ich selbst drin stecke. Je älter ich werde, je mehr ich mache, desto mehr Ambivalenzen tun sich mir auf, die ich immer schwieriger finde. Bei diesem ganzen Überbau von Publicity, der sich um meine eigenen Filme oder gar meine Person dreht, denke ich häufig: Jetzt mal Butter bei die Fische. Das interessiert doch nicht wirklich. Bin ich nicht selbst schon Bestandteil eines Systems, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob ich wirklich alles mitmachen muss?

SPIEGEL ONLINE: Sie wirken sehr selbstbestimmt und scheinen auch im richtigen Augenblick loslassen zu können.

Potente: Bei den Entscheidungen, die ich treffe, verhält es sich wie mit dem Rubik-Würfel. Ich versuche solange zu probieren, bis die Teilchen richtig zusammen passen. Analytisches Denken - und daraus unumstößliche Entscheidungen zu treffen - ist etwas Weibliches. Diese These erlaube ich mir einfach mal aufzustellen. Frauen sind Brüter. Wir können auf verschiedenen Leveln denken, weil wir es genetisch müssen. Potenziell sind wir ja zwei. Ich sage nicht, dass Männer dumm sind, im Gegenteil, von Tom Tykwer habe ich beispielsweise viel über Perspektivwechsel gelernt, ich glaube nur, dass bei Frauen in einem bestimmten Alter diese Gabe besonders ausgeprägt ist. Ich habe gesehen, dass Männer unter Druck anders funktionieren. Wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, dann ist sie getroffen, aber ich habe es mir sehr genau überlegt.

Interview: Marc Hairapetian

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