Von Oliver Hüttmann
Cinephilie ist eine Krankheit. Sie macht einsam. Kino verführt, aber mit Filmzitaten lässt sich trotzdem kaum ein Mädchen betören. Kinofilme - gute Kinofilme - sind wie ein Tagtraum, vielleicht zwei Stunden lang, umrahmt von einer wohligen Dunkelheit und einer verheißungsvoll leuchtenden Leinwand, in die man mit angezogenen Knien zu versinken scheint. Das Gefühl nimmt man mit ins Leben.
In Bernardo Bertoluccis "Die Träumer" ist alles reines Kino, Verführung, Verheißung und ein Versprechen, auch die Revolte französischer Studenten im Mai 1968, die mit der Schließung der Cinémathèque Francaise begann. Sie haben sich auf dem Platz vor dem Palais de Chaillot versammelt. Auf einem Podium spricht der alte Jean-Pierre Léaud, der einst ewig nach Liebe suchende, pubertierende Held der Nouvelle Vague von François Truffaut. Am Ende der Rede wirft er seine Notizen weg, und plötzlich sieht man in früheren schwarzweißen Aufnahmen den jungen Léaud bei derselben aufgewühlten Geste. Dann zeigt Bertolucci junge Leute beim Kinobesuch, schlau aussehende Jungs und hübsche Mädchen, wie sie rauchen und sich erregt in den Sesseln drängeln. In den Multiplexen von heute knistert allenfalls noch die Chipstüte.
Isabelle (Eva Green) hat sich an das Tor der Cinémathèque gekettet. Sie trägt ein rotes Barett auf dem Kopf und lasziv eine Zigarette zwischen den üppigen Lippen. Ihre schwarzen langen Haare schlängeln sich übers Gesicht. Derartig sexy kann man sich die Revolution nur im Kino vorstellen, wo Brigitte Bardot und Che Guevara einen ähnlichen Mythos einnehmen. Sie bittet den jungen, etwas steifen Amerikaner Matthew (Michael Pitt) um Feuer. Er verfällt ihr sofort und lässt sich mit ihrem Bruder Theo (Louis Garrel) in den Louvre schleppen, durch den sie 15 Sekunden schneller rennen als "Die Außenseiterbande" von Jean-Luc Godard.
Da die Cinémathèque geschlossen ist (und es wohl keinen Fernseher gibt, was hier ja auch ein Sakrileg wäre), bleiben sie in der geräumigen Altbauwohnung der verreisten Eltern mit ihren verwinkelten Fluren und vielen Zimmern. Das Trio blättert in den Ausgaben der "Cahiers du Cinéma", in der Godard und Truffaut zum Sturm auf das bürgerliche Kino aufriefen, hört Bob Dylan und Janis Joplin, diskutiert über Vietnam und amerikanische Filme. In diesen Themen, die das längst verklärte Wahrhaftige und Wichtige summieren, schwingt die Konfusion eines Wandels mit, der auch die drei Jugendlichen erfasst. Es beginnt mit einem infantilen Quiz, bei dem sie ihr Filmwissen abfragen, bis sich die sexuelle Spannung zwischen ihnen entlädt und mit dem Ende ihrer Unschuld eine zunehmend hermetischere Ménage à trois entwickelt.
Sie stellen berühmte Filmszenen nach, und wer sie nicht errät, muss mit einem erotischen Akt bezahlen. So onaniert Theo vor einem Poster mit Marlene Dietrich und schaut dann zu, wie Matthew mit Isabelle auf dem Küchenboden schläft, was für beide das erste Mal ist. So wird die Lust auch von Unsicherheit begleitet, schlägt das gegenseitige Begehren in Eifersucht um. Vor allem Matthew irritiert das von Anfang an inzestuöse Verhältnis der Geschwister, die ihn neckisch in eine immer klaustrophobischere Scheinwelt ziehen, die auch geometrisch kleiner wird. Sie planschen in der Badewanne, bauen sich wie Kinder aus Bettlaken ein Zelt, spielen mit Essenresten herum. Doch als Isabelle mit einem Wasserschlauch die Selbstmordszene aus Bressons "Mouchette" imitiert, fliegt ein von Demonstranten geworfener Stein durchs Fenster und reißt die drei Träumer in den Ernst des Lebens zurück.
Es ist sinnlich und kokett zugleich, wie Bertolucci im schamlosen Kinotraum dieser schönen jungen Nackten schwelgt und den Zuschauer trotzdem nicht zum Voyeur macht. Obwohl er das Erwachen der Sexualität mit politischem Bewusstsein koppelt, ist es kein politischer Film. "Die Träumer" zeigt das Erwachsenwerden, er verzaubert noch mal das Refugium der Jugend, spiegelt mit der Aufbruchstimmung wehmütig eine Phase, in der auch das Kino alles möglich zu machen schien. Es ist ein traumwandlerischer Nachruf auf eine Utopie, mit der sich auch Bertolucci als Träumer ausweist und einer der letzten Meister erlesener Tableaus, von dem man sich als Cineast gerne für zwei Stunden verführen lässt.
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