Regisseur Woo: "Meine Filme vermitteln die Botschaft meines Glaubens"
Mr. Woo, Sie wollten früher einmal Geistlicher werden. Hat ein Regisseur auch etwas von einem Priester an sich?
John Woo: Ich wuchs in sehr armen Verhältnissen auf, und die Kirche hat mich bei meiner Ausbildung sehr unterstützt. Also wollte ich der Gesellschaft etwas dafür zurückgeben. Das Priestertum erschien mir der Beruf, in dem ich Menschen am besten helfen konnte. Doch auf der Missionarsschule hielt man mich für viel zu künstlerisch veranlagt. Trotzdem bleibe ich diesen Idealen treu. Meine Helden handeln sehr karitativ, sie folgen einem Ehren- und Loyalitätskodex. Und da man seinen Feinden vergeben soll, zeigen sie Mitgefühl für ihre Gegner. So vermitteln meine Filme letztlich auch die Botschaft meines Glaubens.
SPIEGEL ONLINE: Aber zeigen Sie nicht auch die Schönheit der Gewalt?
Woo: Ich hasse Gewalt. Ich verkläre nicht sie, sondern die Handlungen meines Helden. Deshalb drehe ich manche Actionszenen in einem sehr emotionalen Stil. Wenn es darum geht, dass sich der Held für andere opfert, dann zeige ich ihn auf romantisierende Weise: in Slow-Motion mit wunderschöner Choreographie. Dieser Romantizismus ist meine Handschrift.
SPIEGEL ONLINE: Eine Handschrift, die mittlerweile von vielen imitiert wird. Stört Sie das nicht?
Woo: Wir Regisseure sind eine große Familie, die gute Sachen untereinander teilt. Als ich jung war, lernte ich viel von den Filmen eines Lean, Hitchcock, Peckinpah oder Kurosawa. Ihre Techniken kombinierte ich mit meiner Kultur, um daraus meinen eigenen Stil zu schaffen. Jetzt übernehmen junge Filmemacher etwas von mir, während ich weiterhin von anderen lerne. Es ist ein ständiger Kreislauf.
SPIEGEL ONLINE: Muss ein Film überhaupt einen deutlich erkennbaren Stil haben?
Woo: Natürlich, sonst besitzt der Film keinen eigenen Charakter. Die großen kommerziellen Spektakel tragen alle keine eigene Handschrift. Wenn Sie sich dagegen einen der Klassiker ansehen, dann erkennen Sie: Dieser Film ist von Fellini, jener von Kurosawa.
SPIEGEL ONLINE: Inwieweit zeigt Ihr neuer Film "Paycheck" den Charakter eines John Woo-Films?
Woo: Das ursprüngliche Drehbuch hatte sehr viele Science-Fiction-Elemente. Ich dagegen bin kein großer Fan dieses Genres. Ebenso wenig verstehe ich mich gut auf Spezialeffekte. Was ich aber mag, ist menschliches Drama. Mich interessierte das Thema des verfolgten Unschuldigen, der die Wahrheit herauszufinden versucht. Auch dreht sich der Film um eine wichtige Glaubensfrage: Kann der Mensch sein Schicksal kontrollieren? Hinzu kam die romantische Liebesgeschichte. Alles zusammen ergab die Essenz eines guten Hitchcock-Films. Und so etwas wollte ich in meinem Stil drehen.
SPIEGEL ONLINE: Angeblich drehen Sie immer nur wenige Aufnahmen einer Szene.
Woo: Das stimmt. Die erste Aufnahme mag nicht die beste sein, aber sie ist immer die natürlichste. Denn je länger du drehst, desto müder werden die Akteure. Mechanisch wiederholen sie das Gleiche, wie eine Formel. Ich probe auch nicht viel mit den Schauspielern, informiere sie nur über die grobe Idee einer Szene und die Kamerabewegungen, und dann geht es los.
SPIEGEL ONLINE: Dafür sind Ihre Kamerabewegungen sehr ausgeklügelt. Gibt es dafür ein Erfolgsgeheimnis?
Woo: Ich lasse mich sehr stark von Musik inspirieren. Schon wenn ich ein Drehbuch lese, höre ich mir ein bestimmtes Stück an. Genauso wenn ich die Einstellungen konzipiere. Beim Drehen ist diese Musik immer noch in meinem Kopf.
SPIEGEL ONLINE: Warum machen Sie dann kein Musical?
Woo: Das will ich ja. Sieben Jahre lang entwickle ich schon ein solches Projekt. Es erzählt die Geschichte eines Gangsters in den zwanziger Jahren, der gleichzeitig ein großer Tänzer war. Sie müssen sich das wie eine Kombination von "The Killer" und "Cabaret" vorstellen: Action- und Tanzszenen werden zusammen geschnitten. Und dazu gibt es eine dramatische Liebesgeschichte.
SPIEGEL ONLINE: Was würden die Lehrer Ihrer Missionarsschule dazu sagen?
Woo: Das weiß ich nicht. Aber es gibt ein Projekt, das würde ihnen sicher gefallen. Ich möchte auch ein Epos über den amerikanischen Eisenbahnbau verfilmen. Es erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen dem Vorarbeiter der Iren und dem der Chinesen. Je älter ich werde, desto mehr mache ich mir Gedanken um unsere Welt und unsere Gesellschaft. Die Erfahrung des 11. Septembers hat diese Haltung noch vertieft. Ich möchte den Menschen zeigen, wie wichtig das Verständnis für den anderen ist. Das ist das einzige Mittel gegen den Hass.
Das Interview führte Julia Sturm
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