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09.02.2004
 

Berlinale-Tagebuch

Das Monster und der General

Von Martin Wolf

Charlize Theron (Hollywood) trifft Laurenz Meyer (CDU), Bernd Eichinger verspottet den deutschen Film und eine Kultursenatorin hält ihre Abschiedsrede - die Berlinale bietet surreale Erlebnisse zuhauf.

Schauspielerin Theron auf der Berlinale: An die Arbeit
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DDP

Schauspielerin Theron auf der Berlinale: An die Arbeit

Über die Spezies der Berlinale-Berichterstatter halten sich hartnäckig folgende Vorurteile: dass diese Journalisten - wie Maulwürfe - das Licht scheuen und deshalb in dunkle Kinos flüchten; dass sie sich nahezu ausschließlich von Häppchen und Champagner ernähren, die ihnen große Filmfirmen mit kaum kaschierter Korruptionsabsicht servieren; dass sie den deutschen Film als solchen hassen; dass sie dauernd irgendwelchen Hollywood-Stars begegnen - und dass das ganze Spektakel namens Berlinale sowieso eine schwer glamouröse Veranstaltung sei. Um es kurz zu machen: Die Vorurteile treffen alle zu.

Was die Hollywood-Stars angeht: Es ist kurz nach ein Uhr morgens, als die Schauspielerin Charlize Theron mit ein paar Bodyguards in den Fahrstuhl des Hotels Park Inn am Alexanderplatz steigt. Theron, 28, muss zur Arbeit. In der Spielbank im 37. Stock des Hotels wird ihr zu Ehren ein Empfang gegeben; ihr neuer Film "Monster" soll gefeiert werden. Theron spielt darin eine Prostituierte, die zur Serienkillerin wird, das Ganze beruht auf einer wahren Geschichte - die Täterin wurde 2002 hingerichtet. Miss Theron, die sich auf der Leinwand nach allen Regeln der Kunst entäußert, wird vermutlich Ende Februar einen Oscar dafür gewinnen, dass die Maskenbildner sie in eine Furie mit fleckiger Haut verwandeln durften.

Theron (r.) in "Monster": Furie mit fleckiger Haut
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Theron (r.) in "Monster": Furie mit fleckiger Haut

Jetzt sitzt Theron, natürlich ohne die "Monster"-Maske, mit wichtigen Filmfritzen in einer Sitzecke der Spielbank und langweilt sich. Weil Theron aber, wie gesagt, eine gute Schauspielerin ist, erkennt man ihre Langeweile nur daran, dass sie nach einer halben Stunde wieder geht. Vorher hatte sie huldvoll in die Runde geblickt, den liebevoll konservierten DDR-Chic der Spielbank betrachtet und brav diversen Gästen die Hand geschüttelt - zum Beispiel dem CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer. Meyer, im Umgang mit launischen Damen anscheinend geübt, bleibt dann auch, selig lächelnd, deutlich länger als Charlize Theron. Der Empfang wird von einem Champagnerhersteller gesponsert, der großzügig Produktproben ausschenken lässt.

"Champagner-Feeling" herrschte schon am Vormittag beim Berlinale-Empfang in der Hamburger Landesvertetung - so nannte es jedenfalls die Gastgeberin, Hamburgs Kultursenatorin Dana Horáková. Bei Kaffee und Mini-Omletts verkündete die ehemalige Journalistin in ihrer Begrüßungsrede kunstvoll formulierte Allgemeinplätze ("Film ist kein kulturelles Mauerblümchen mehr") und rechtfertigte trotzig ihr Verständnis von Kulturpolitik. "Glanz" wolle sie nach Hamburg holen, hatte Horáková bei ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren versprochen und dafür heftige Kritik einstecken müssen; jetzt zitierte sie lustvoll den Bundespräsidenten und den SPIEGEL, die sich mittlerweile ihre "Glanz"-Nummer zu eigen gemacht hätten. Es klang wie eine Abschiedsrede: Ende Februar wird in Hamburg gewählt; ob die Ära Horáková dann zu Ende ist, war das Hauptgesprächsthema des Empfangs.

Produzent Eichinger: "Nix eingefallen"
DPA

Produzent Eichinger: "Nix eingefallen"

Wie auf einem Parteitag der SPD ging es zu beim Treffen der Deutschen Filmakademie in der Akademie der Künste. Unter dem Motto "Was ich am deutschen Film hasse!" hielten deutsche Filmemacher und Schauspieler Leichenreden auf die eigene Branche. "Vielleicht sollte es so eine Art Urschreitherapie sein, auf dass aus Hass Liebe werde", spottete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Das Jammern ist töricht", hatte zwar der Regisseur Tom Tykwer erkannt, das hinderte einige Filmschaffende jedoch nicht daran, in Larmoyanz zu verfallen. "Ich sehne ich nach Identität", orakelte die Schauspielerin Corinna Harfouch; deutsche Filmfirmen könnten keine so großen Plakate bezahlen wie die Konkurrenz aus Hollywood, nölte der Regisseur Michael Verhoeven - was seinen Kollegen Rosa von Praunheim zu dem Kommentar veranlasste, Verhoevens Rede sei "so lahmarschig" gewesen "wie viele deutsche Filme".

Gegen Ende des Treffens, bei dem die deutsche Film- und vor allem Fernsehprominenz fast vollständig erschienen war, setzte dann der Produzent Bernd Eichinger "zum dialektischen Sprung an", wie er es nannte. Er habe sich gefragt, was er am deutschen Film liebe, dozierte Eichinger, "und da ist mir nix eingefallen". Die meisten Berlinale-Berichterstatter flüchteten danach ins Kino. Welcher Film? Egal: Hauptsache, kein deutscher.

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