Von Marco Dettweiler
Berlin/Hamburg - Die Schauspielerin Sibel Kekilli, 23, ist über Nacht bekannt geworden. Am Samstag stand sie mit Fatih Akin auf der Bühne der Berlinale, weil der deutsche Film "Gegen die Wand" überraschend den Goldenen Bären gewonnen hatte. Das Bild mit dem Bären ging durch sämtliche Medien.
"Bild" zeigt sie nicht wie alle anderen Medien stehend mit dem Goldenen Bären in der Hand, sondern nackt auf dem Boden knieend. In sechs Pornofilmen soll sie mitgewirkt haben. Die Schlagzeile "Film-Diva in Wahrheit ein Pornostar?" präsentierte "Bild" zusammen mit einem Pornobild, auf dem die junge Türkin eindeutig zu erkennen ist.
Die Frage der Zeitung beantwortet Kekilli selbst: "Ich stehe zu meiner Vergangenheit." Auch bestätigen Ralph Schwingel und Stefan Schubert von "Wüste"-Filmproduktion, die "Gegen die Wand" produziert haben, dass ihnen "zum Zeitpunkt der Besetzung Sibels Vorgeschichte bekannt war und von allen Seiten bewusst in Kauf genommen worden ist". Regisseur Akin äußerte sich bereits am Montag ähnlich: "Ich wusste von Anfang an von ihrer Vergangenheit, was mich nicht im geringsten gestört hat."
"Gegen die Wand" ist Kekillis erster echter Film. Vor anderthalb Jahren wurde sie in Köln von eine Streetcasterin angesprochen. An der Kasse im Supermarkt. Aus der gelernten Verwaltungsfachangestellten in Heilbronn wurde ein Berlinale-Star.
Damit Sibel Kekilli der Öffentlichkeit dennoch als "Pornostar" in Erinnerung bleibt, legte "Bild" am Dienstag nach: "Warum drehte die zarte Diva so harte Pornos?", fragt das Blatt und zeigte weitere Bilder aus den Sexfilmen. Weiterhin verrät "Bild" die Titel von zwei "Hardcore-Pornos", die das "das Mädchen mit dem Engelsgesicht" drehte.
Die Filme wurden alle von Klaus Goldberg und seiner Firma Magmafilm GmbH produziert. Die Vermutung liegt nahe, dass der Produzent "Bild" den Tipp gegeben hat, damit die Verkaufszahlen steigen. Doch Goldberg wehrt sich gegen diese Anschuldigungen. Der "taz" sagte er, die Zeitung habe ihn mit der Information konfrontiert. "Da gab es nichts zu leugnen, also habe ich es bestätigt."
"Nichts anderes als widerlich"
Der frisch gebackene Berlinale-Star wird es überleben. Aber das Etikett "Pornostar" bleibt an ihr haften. Da nützt es auch nichts, dass viele ihr helfen wollen. Wie zum Beispiel die "taz": "Dass sie die Story als Aufmacher auf die erste Seite gepackt haben, dass sie sie mit zwei Bildern aus den fraglichen Pornovideos garniert haben, dass sie sie dann auf der dritten Seite noch mal fotografisch groß hochziehen - das alles ist, selbst an Bild-Maßstäben gemessen, nichts anderes als widerlich", schrieb die Zeitung am Dienstag.
Kekilli bekommt auch E-Mails von Zuschauern, die ihr aufbauende Worte schreiben. Ihr Regisseur Akin springt ihr zur Seite und greift die "Bild"-Zeitung an: Die Berichterstattung über die Porno-Vergangenheit der Schauspielerin sei "bigott und ekelhaft". Einerseits frage das Blatt, warum "die zarte Diva" so "harte Pornos" drehte, andererseits biete sie zugleich online die Pornos selbst zum Anklicken an, sagte der 30-Jährige dem "Tagesspiegel". Dafür sollte man die Verantwortlichen "umboxen".
Ob es Kekilli geholfen hätte, wenn die Produktionsfirma ihre Pornovergangenheit vorher veröffentlicht hätte, weiß niemand, es ist auch schon egal. Regisseur Akin sagt, dass man mit dem Wissen um Kekillis Vorgeschichte vor allem deshalb nicht an die Öffentlichkeit gegangen sei, um die Darstellerin zu schützen, erklärte der Filmemacher. "Sibel und ich haben naiv gehofft, dass es nie rauskommt."
Die ersten Folgen der Enthüllung hat die junge Türkin bereits zu spüren bekommen. "Bild" machte sich auch die Mühe, Kekillis Vater zu fragen, was er denn von der Enthüllung halte. Er sagte dem "Bild"-Reporter: "Die Schmach für die Familie ist so groß. Das werde ich ihr niemals verzeihen. Ich will sie nicht mehr sehen."
Am Dienstag äußerte sich auch Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Auch er kritisierte die "Bild"-Berichterstattung über die Vergangenheit der Schauspielerin. Im Berliner "Radio Eins" sagte er, die Schlagzeilen seien für Kekilli "eine Katastrophe". Er sichere ihr seine volle Unterstützung zu: "Wir haben ihr einen Anwalt besorgt, einen der besten dieser Republik für solche Fälle. Ich habe alles mobilisiert, was wir können. Wir stehen hinter ihr wie eine Eins." Kosslick sagte weiterhin, er habe von Kekillis Vergangenheit nichts gewusst, wolle dies aber auch nicht moralisch bewerten. Das Medieninteresse an der Geschichte der in Heilbronn geborenen Schauspielerin sei jedoch jetzt schon groß, zu groß: "Sie kann nicht zur Tür rausgehen, sie wird belagert."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH