Von Oliver Hüttmann
Der Tag mit April Burns (Katie Holmes) beginnt frühmorgens. Sie will nicht aufstehen, wälzt sich bockig im Bett, bis ihr Freund Bobby (Derek Luke) sie unter die Dusche trägt. Sie flucht lange, sitzt schließlich noch länger auf der Toilette und starrt mit trübem Blick auf den Boden. Dort würde sie wohl gerne ausharren, bis dieser Tag vorüber ist.
Denn es ist Thanksgiving, und April hat ihre Eltern und Geschwister eingeladen, obwohl sie vor ihnen aus Pennsylvania nach New York geflohen ist. Und so beginnt auch für die Familie der Feiertag vor Sonnenaufgang, wobei die Mutter als Gegenteil ihrer Tochter erscheint: Joy (Patricia Clarkson) sitzt bereits angezogen im Auto, das in der dunklen Garage steht, während ihr Mann Jim (Oliver Platt) noch in Unterwäsche durchs Haus hetzt.
Gemeinsam ist April und Joy indes die gegenseitige Abneigung und damit Angst vor diesem Wiedersehen, aber auch eine unausgesprochene Sehnsucht nach Versöhnung. Davon erzählt Regisseur Peter Hedges unaufdringlich und tragikomisch in zwei Handlungssträngen, die bis zum Schlussakt parallel verlaufen. So illustriert schon ihr Ekel vor dem glitschigen Truthahn, der April beim Stopfen mit Äpfeln immer wieder entgleitet, wie schwierig dieses Familientreffen zu werden droht.
Genervt rührt sie Beigaben aus Konserven zusammen, schneidet sich beim Schälen der Kartoffeln in den Finger und ist dann doch geschockt, als ihr Ofen nicht funktioniert. Panisch und vergeblich telefoniert April, das Punkmädchen mit roten Haarsträhnen, Tätowierung am Hals, Netzstrümpfen und Springerstiefeln, nach einem Elektriker - damit sich nur ja nicht das Vorurteil ihrer Familie bestätigt, sie bekomme nichts auf die Reihe.
Unterdessen verzögert Joy die Anreise. Erst will sie einen Hamburger essen, dann muss sie aufs Klo. Sie hat Krebs und nicht mehr lange zu leben. Ihre Brüste wurden amputiert, ihre Haare sind ausgefallen. Jim, die jüngere Tochter Beth (Alison Pill) und Sohn Timmy (John Gallagher Jr.) nehmen alle Rücksicht auf sie. Beth stimmt sogar lautstark zu, wenn Joy auf April schimpft. Selbst wenn es ihr körperlich nicht schlecht geht, lässt sie herrisch jedem ihr Elend spüren. Einmal jedoch blickt sie melancholisch durch den Rückspiegel auf die senile Großmutter. Es ist der schönste Moment dieser ebenso skurrilen wie emotionalen Fahrt.
Hedges hat auf Video gedreht. Die Kamera ist stets dicht an den Charakteren, die wiederum keine persönliche Nähe zueinander finden. Und so wie er die Entfremdung zwischen Mutter und Tochter komplex auf einen Tag verdichtet, entwirft er auf engstem Raum eine universelle Welt, in der sich die Bewohner fremd bleiben. Während Aprils Familie sich im Wagen drängt, sind Treppen, Türen und Wohnungen ihres schäbigen Mietshauses schmal wie im Kerker.
Mit dem Truthahn im Topf klingelt April bei Nachbarn auf die Suche nach einem freien Ofen. Sie wird ignoriert oder abgewiesen, und dabei schneiden Singles besonders schlecht ab. Eine Veganerin reagiert empört auf Aprils innige Bitte. Der widerlich penible Wayne (Sean Patrick Hayes) überlässt ihr zwar seinen protzigen High-Tech-Herd, rückt ihr dann aber ungebührlich nahe. Schließlich wird sie von einem älteren schwarzen Ehepaar erlöst, das zudem ein paar Kochtipps für sie hat. Auch eine koreanische Großfamilie, an der April zuvor mehrmals vorbeigegangen ist, kommt ihr zur Hilfe.
Letztlich sind es die Männer, der gutmütige Jim und der schwarze Bobby, die ihre Frauen wieder zusammenbringen wollen. Bobby geht noch extra los, um sich für das Festmahl einen Anzug in einem Secondhand-Shop zu besorgen. Ausgerechnet sein Anblick bringt Jim jedoch dazu, den Besuch noch vor der Haustür abzubrechen. Das letztlich doch alles anders kommt, wobei sogar noch Motorradrocker hilfreich einspringen, gelingt Hedges in seinem Regiedebüt ohne Kitsch. Er hatte zuvor die Drehbücher zu "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa" und "About a Boy" geschrieben.
Mit einem wundervollen Ensemble, von dem Patricia Clarkson nach dem Golden Globe auch für den Oscar nominiert ist, balanciert er in "Pieces of April" die Komik in der Tragik aus. Hedges lässt bei allem menschlichen und multikulturellen Harmoniestreben seinen Figuren so viel Wahrhaftigkeit, dass man selbst Wayne die Liebe gönnen würde. Ein Tag aus dem Leben, den man seufzend mit einer Träne feiern sollte.
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