Von Oliver Hüttmann
William H. Macy, spätestens seit "Glengarry Glen Ross" und "Fargo" als geborener Verlierer mit dem liebenswürdigsten Dackelblick bekannt, spielt den professionellen Pechvogel Bernie. Er arbeitet im "Shangri-La", einem muffigen Kasino mit gedämpftem Licht und Tapeten aus den siebziger Jahren, das letzte dieser Art in Las Vegas. Bernie ist ein Cooler. Im Zockerjargon wird so jemand genannt, dessen Unglück schon auf andere abfärbt, wenn er nur neben ihnen steht.
Spieler sind meistens abergläubisch. Manche denken, einen Cooler spüren zu können. Es ist wohl aber nur ein Reflex, wenn die Glückssträhne reißt. Jemand muss Schuld sein, und wenn schon nicht der Croupier, die Kugeln, Würfel oder Slotmachines, dann eben der Verlierer, der neben einem spielt. Ob er sich nicht woanders hinsetzen könne, raunzt den stummen, scheu lächelnden Bernie ein Mann am Black-Jack-Tisch an, als er eine schlechte Karte erhält. Bernie symbolisiert eigentlich nur das Ende eines guten Laufs, das irgendwann immer eintritt, vor allem wenn ein Spieler nicht aufhören kann.
Besonders desperat und exemplarisch zeigt das ein Film, der wegen seiner Actionszenen noch immer unterschätzt wird. In "Heat" (1987) spielt Burt Reynolds den Privatdetektiv Nick, der sich für jeden miesen Job anheuern lässt. Als Spieler hat er alles verloren, selbst seine Würde. So trottet er genervt als Aufpasser hinter einem Jungmillionär her, der beim Spiel schon den Verlust von einem Dollar fürchtet. Als Nick an eine größere Summe kommt und sie beim Black Jack einsetzt, gewinnt er genau das Geld, um sich seinen Traum vom Leben in Venedig erfüllen zu können. Doch er macht weiter und setzt alles auf eine Karte.
In "The Cooler" überhöht Kramer das Wesen des Spielers nun zu einer Parabel auf das Spiel des Lebens. Bernie ist die einsamste Existenz von Vegas. Mit poetischer Tristesse und doch nicht ohne Witz wird das auch deutlich in einer von oben gefilmten Sequenz, die ihn bei der Arbeit zeigt. Bernie schlendert an einen Würfeltisch, wo Gewinner jubeln. Kurz darauf geht ein Spieler nach dem anderen weg, bis nur noch Bernie dasteht. Man erfährt, das ihm vor Jahren seine Katze abgehauen ist. In seinem billigen Motelzimmer sind seine Pflanzen verwelkt, so wie im "Shangri-La" auch der einstige Glanz stumpf geworden ist.
Bernies einziger Freund ist Shelly (Alec Baldwin), der Chef des Kasinos. Als halbseidener Patriarch kümmert er sich mit markigen Worten um seine Angestellten wie in einer Familie. Aber das ist ein wunderbarer Bluff wie so vieles in "The Cooler". Kramer deckt seine Karten und damit die Charaktere nur allmählich auf. Jeder glaubt, noch ein As in der Hinterhand zu haben. Bernie, der das "Shangri-La" endlich verlassen will, raus aus Vegas und in eine Stadt, "wo ich weiß, wann Tag und Nacht ist und Uhren an den Wänden hängen."
Oder Ron (Larry Sokolov), ein junger Schnösel, der das "Shangri-La" für die Besitzer auf einen modernen Stand trimmen soll und so bei Shelly aneckt. Der wiederum meint, alle noch ausstechen zu können. Aber er ahnt auch, das seine Zeit abläuft wie die des alternden, heroinsüchtigen Showsängers Buddy (Paul Sorvino), dem er nach dem Auftritt schon mal einen Slip aus der Boutique des Shangri-La mitbringt, um ihn zu trösten, dass er noch bei den Mädels ankommt.
Um Bernie als Cooler im Kasino zu halten, schickt Shelly ihm die blonde Kellnerin Natalie (Maria Bello) ins Bett. Doch damit setzt er auf die falsche Karte. Natalie verliebt sich in den trübsinnigen Typen, das Blatt wendet sich. Bernie blüht ebenso auf wie wieder seine Blumen, in seinem Beisein wird plötzlich an jedem Spieltisch die Bank gesprengt, Shelly verliert erst die Contenance und dann den Rückhalt bei seinen Gangsterfreunden. Alles auf Zero. Abgang und Aufbruch drehen sich wie ein Roulettekessel, es gibt Gewinner und Verlierer.
Kramers Film gewinnt vor allem mit seinem grandiosen Drehbuch und seinem exzellenten Ensemble. Bei den ebenso hingebungsvollen wie humorvollen Liebesszenen schenkt er Macy und Bello ("Man hat es mir schon schlechter besorgt") in der Freizügigkeit eine wahrhaftige Wärme. Mit deftigen Dialogen und drastischen Gewaltakten, die Shelly als verzweifelten alten Löwen kennzeichnen, durfte Baldwin sich hier zu Recht für seine Oscar-Nominierung empfehlen. "Der Strip war mal schön", sagt Shelly. "Er hatte Klasse wie eine teure Hure mit exklusiver Klientel. Dann kamen Touristenmanager, haben sie geschwängert und einen Familienbetrieb daraus gemacht." Ein Abgesang auf die verklärte, verblasste Pracht des einstigen Las Vegas und seine verlorenen Gestalten.
Kramer führt diesen bröckelnden Charme des Zwielichts herzerweichend zum gleißenden Sonnensstrahl. Nur die Liebe zählt: Auch das ist so ein Spruch, der zwar ein Märchen bleibt, aber manchmal gut tut.
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