Von Daniel Haas
"Ich bin nicht wahnsinnig, ich bin besessen!" - das klingt schon ziemlich verrückt, vor allem, wenn es aus dem Mund einer Psychiaterin kommt. Eine irre Geschichte, die Dr. Miranda Grey (Halle Berry) ihrem Kollegen da auftischt: In der sturmdurchbrausten Nacht, kurz bevor sie den Unfall hatte, bei dem sie ihr Gedächtnis verlor, sei ihr ein brennendes Mädchen auf der Straße erschienen.
Kein Fall für Freud, sondern für die Polizei: Grey, eigentlich für die Insassen einer Gefängnispsychiatrie zuständig, gehört nun selber hinter Gitter. Nach ihrem Blackout hat sie ihren Mann bestialisch ermordet - und niemand glaubt ihr, dass sie von übernatürlichen Kräften dazu gezwungen wurde.
Wer Halle Berry dazu gezwungen hat, diese Rolle anzunehmen, ist ebenfalls ein Rätsel. Geht es mit rechten Dingen zu, dass diese exzellente Darstellerin in Hollywood allenthalben Verwendung in Action- und Agentenstreifen findet? Hier kämpft sie sich nach Hitchcock-Rezept - ein Unschuldiger wird fälschlicherweise verdächtigt und gejagt - durch eine Story, die gespenstisch unlogisch ist. Wenn Übersinnliches im Spiel ist, so vermutlich das Kalkül der Filmemacher, muss die Handlung nicht wirklich einen Sinn ergeben.
Psychothriller, Horrorfilm, Knast-Drama - "Gothika" ist von allem etwas, nur eben nicht gothic: Vom klassischen Gruselfilm hat das US-Debüt des französischen Regisseurs Mathieu Kassovitz ("Die purpurnen Flüsse") lediglich den einen oder anderen Effekt. Es regnet viel, Blitze erhellen schlagartig düstere Kulissen, ansonsten spielt das Ganze in schick gestylten Gefängnis-Interieurs. Armani und Frankenstein designen eine psychiatrische Abteilung - willkommen in Horrorhausen, Hollywood.
Besessen also und verlassen - und zwar von allen guten Geistern, auch denen der Dramaturgie: Allein auf weiter Anstaltsflur sucht Grey nach einer Lösung. Was plant der Geist, der vielleicht Gutes will und stets das Böse schafft? Und was sollen diese obskuren Botschaften, die immer wieder auftauchen? "Not alone" erscheint da in blutroter Schrift auf Wänden und Körperteilen. In Stanley Kubricks "Shining" sind die Geister wenigstens noch so eloquent, ein konkretes "Murder!" an die Tür zu schmieren. Halle Berry und Robert Downey Jr., der ihren Kollegen spielt, spuken bis zum Ende tapfer durch eine Geschichte, die außer Stilbewusstsein und Anleihen bei Erfolgsfilmen des Genres wie "The Sixth Sense" nichts zu bieten hat.
Das Finale überrascht dann mit einer ganz irdischen Erklärung, "Gothika" will schließlich auch Serienkiller-Krimi sein. Die am Anfang von Kameramann Matthew Libatique souverän evozierte Spannung ist da aber schon längst tödlicher Langeweile zum Opfer gefallen. Ermüdend ist auch, wie hier ideologische Tendenzen wiederkehren, die schon in den sechziger Jahren das Horrorgenre bestimmten. In den damaligen Hexen- und Teufelsfilmen gehörte die sexuelle Besessenheit von Frauen und deren sadistische Bestrafung zum Standardrepertoire; derart brach sich die Angst vor der beginnenden sexuellen Befreiung und dem damit verbundenen Wandel der traditionellen Frauenrolle Bahn.
In "Gothika" muss Penelope Cruz deshalb als vermeintlich Geisteskranke vom Teufel als ultimativem Lover schwärmen: "Er öffnete mich wie eine Blüte des Schmerzes und es fühlte sich guuuut an!", schwärmt die laszive Schöne, die man gleichzeitig begehren und bedauern soll.
In dieser Perspektive erscheint auch Greys Inhaftierung als letztlich gerechte Strafe, schließlich herrscht zwischen der verheirateten Ärztin und ihrem Kollegen Dr. Graham (Downey Jr.) genügend erotische Spannung, um mindestens einen der schummrigen Gefängniskorridore zu erleuchten. Ähnlich wie für die Heldinnen des pubertären Metzelfilms gilt: Wer Sex hat oder Lust darauf, kommt unters Messer. Oder, wie hier, unter die Lupe der Psychiatrie. So geistert durch "Gothika" der böse Geist des Reaktionären, getarnt mit stilistischer Eleganz. Teufel auch!
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