Rom/Freiburg/München - Papst Johannes Paul II., Oberhaupt der katholischen Kirche, empfing den tief gläubigen US-Schauspieler am Montag, wie ein Vatikan-Sprecher mitteilte. Nach einer kurzen Unterhaltung habe der Papst den 35-jährigen Caviezel gesegnet. Über den Inhalt des Gesprächs ist nichts bekannt gegeben worden.
Im Anschluss an die Privataudienz habe Caviezel in Rom einer Vorführung des Films für einen ausgewählten Kreis von Kirchenmännern beigewohnt, hieß es. Papst Johannes Paul II. hatte den Film bereits im Dezember gesehen, jedoch keinen offiziellen Kommentar dazu verlauten lassen. Ein Vatikan-Sprecher hatte indes die vielfach geäußerte Kritik am latenten Antisemitismus des Films als unbegründet zurückgewiesen.
Drei Tage vor dem Deutschlandstart des umstrittenen Films ist auch hierzulande die Diskussion um Gibsons Machwerk voll entfacht: Der katholische Theologe und Film-Experte Reinhold Zwick bescheinigte Mel Gibsons Passionsspiel einen "fahrlässigen Antijudaismus". Über den reinen biblischen Text hinaus enthalte der Film "ein ganzes Bündel von teils subtilen, teils plakativen Verleumdungen der jüdischen Seite", schreibt Zwick im April-Heft der Zeitschrift "Herder Korrespondenz". In naiver Weise habe Gibson die wissenschaftliche Bibelauslegung und die historisch- kritische Rückfrage nach Jesus von Nazareth ausgeblendet.
Zwick wirft Gibson zugleich eine blutrünstige Konzentration auf das Leiden und die Kreuzigung Christi vor. Dahinter stecke eine überholte Sühneopfer-Theologie, die die Heilsbedeutung Jesu allein in der Passion sehe: "Dass das Nachdenken über den Tod Jesu zumindest nicht unter Absehung von seiner gesamten Wirksamkeit in Wort und Tat geschehen kann, mahnt die Theologie seit Jahrzehnten an. (...) Mit dem Ausfall der Botschaft von der Gottesherrschaft bricht bei Gibson auch die gesellschaftlich-politische Dimension von Jesu Wirken weg und konzentriert sich alles auf den Leidensleib."
"Mit vielen jüdischen Symbolen gearbeitet"
Der Regisseur der Oberammergauer Passionsspiele, Christian Stückl, sparte ebenfalls nicht mit harscher Kritik an "Die Passion Christi": "Für die Rolle des Jesus hätte Gibson sich den Schauspieler sparen können, ein Stuntman hätte es auch getan", sagte Stückl in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Wie Zwick moniert auch Stückl die Konzentration auf die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu. "Gibson ist an der Person Jesu wohl nicht interessiert, nur an seinem Leiden, das er in rasender Brutalität darstellt", sagte der 42-jährige Intendant des Münchner Volkstheaters.
Auch bei den alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspielen in Oberammergau flössen nach Angaben Stückls bis zu sieben Liter Theaterblut. Doch die Kreuzigung sei nur ein kleiner Teil des Spiels. "Wir wollen vor allem das Leben Jesus zeigen und versuchen, erfahrbar zu machen, was für ein Mensch er war", sagte Stückl. Die Bibel verkünde in den Evangelien schließlich auch eine Frohbotschaft. "Davon hätte ich in dem Film gerne etwas gespürt".
Den Vorwurf jüdischer Organisationen, der Film erzeuge Hass auf Juden, hält Stückl für berechtigt. Gibsons Film stärke alte Klischeebilder. "Erst seit wenigen Jahrzehnten gibt es einen jüdisch-christlichen Dialog, dieser Film bringt uns in dieser Hinsicht sicher nicht weiter." Auch den Oberammergauer Passionsspielen seien immer wieder antisemitische Züge vorgehalten worden. "Ich habe daher immer versucht, herauszustellen, dass Jesus vom Zeh bis zur Haarspitze Jude war und deshalb mit vielen jüdischen Symbolen gearbeitet", sagte Stückl, der die Passionsspiele im Jahr 1990 und 2000 inszeniert hat.
Bereits mit vereinzelten Mitternachtsvorstellungen (zum Beispiel in Dresden) oder "Frühstücks-Kino" um 6.00 Uhr (in München) wird "Die Passion Christi" am Donnerstag bundesweit starten. Die zweitgrößte deutsche Kinokette Cinemaxx (356 Leinwände) verzichtet allerdings auf solche Aktionen: "Wir fangen mit dem Film sehr gesittet an und zeigen ihn erst in den Mittagsvorstellungen", sagte ein Sprecher in Hamburg. Im Cinemaxx-Kino am Hamburger Dammtor-Bahnhof sollen an den ersten drei Tagen Seelsorger nach den Aufführungen zu Gesprächen bereit stehen.
"Der Film wird bei uns zwar nicht den Erfolg haben wie "Der Herr der Ringe", aber er dürfte Blockbuster-Chancen besitzen", sagte ein Sprecher der Kinokette. In Nordamerika hat der Film seit dem Start am Aschermittwoch (25. Februar) bereits mehr als 264 Millionen US-Dollar (214 Millionen Euro) eingespielt. Beim Constantin Verleih, der den Film mit rund 400 Kopien in Deutschland startet, betrachtet man "Die Passion Christi" als einen Film, an dem sich zwar die Geister scheiden, der aber zu ernsthaften Diskussionen führt. "Ich organisiere seit drei Wochen Voraufführungen mit dem Film, habe aber niemanden gesehen, der sagt 'Das berührt mich nicht'", sagte ein Constantin-Sprecher.
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