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18.03.2004
 

Trickfilm "Back to Gaya"

Animation mit Hindernissen

Von Leif Kramp

Mit "Back To Gaya" kommt der bisher aufwändigste deutsche Trickfilm in die Kinos. Doch nicht die Computeranimation des Fantasyabenteuers war die größte Herausforderung, sondern die Musik. Als Star-Komponist Michael Kamen während der Produktion überraschend starb, stand das kühne Unternehmen auf der Kippe.

Animationsfilm "Back to Gaya": Phantasievoller Kinder-Thriller
DPA

Animationsfilm "Back to Gaya": Phantasievoller Kinder-Thriller



Vielleicht lag es an den Londoner Maidemonstrationen des Jahres 2002, dass Michael Kamen lieber zu Hause blieb. Eigentlich sollte er nach Soho fahren, um einen jungen deutschen Filmemacher zu treffen, der ihn zu irgend etwas überreden wollte. Vielleicht sorgte sich der beleibte Komponist aber auch um die Queen, für deren Thronjubiläum er gerade am passenden Klang arbeitete. So kam es, dass das vereinbarte Treffen kurzfristig in Kamens geräumige Villa im Edelbezirk Notting Hill verlegt werden musste.

Lenard Fritz Krawinkel hätte in diesen Tagen aber ohnehin nichts und niemand stoppen können. Voller Tatendrang zog es den 35-jährigen Regisseur nach London, um bei seinem Idol vorzusprechen. Im heimischen Hannover stehen 30 wohl sortierte CDs mit Filmmusiken des Londoner Klangmagiers ("Robin Hood", "Lethal Weapon", "Stirb Langsam"). Nun wollte er den Hollywood-Komponisten für sein Projekt begeistern - den animierten Kinderfilm "Back to Gaya".

Regisseur Krawinkel: "Ich war so aufgeregt, dass ich aufs Geratewohl losplapperte"
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DPA

Regisseur Krawinkel: "Ich war so aufgeregt, dass ich aufs Geratewohl losplapperte"

Die Chancen, so hatte sich Krawinkel ausgerechnet, standen nicht schlecht: Mit "Der Gigant aus dem All" (1999) hatte Kamen schon einmal für einen Trickfilm komponiert. Nun, vor der massiven Tür der stattlichen Villa mit ihren zwei Türmchen und der gepflegten Fassade stehend, packte den Hannoveraner aber doch noch die Nervosität. Innen warteten ein imposanter Steinway-Flügel, viele emsige Assistenten und der Fünf-Uhr-Tee. Zu allem Überfluss kam auch noch Ex-Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour mit seinem Neugeborenen zu Besuch. "Ich war so aufgeregt, dass ich aufs Geratewohl losplapperte", erzählt Krawinkel.

Das wirkte, man war sich sofort sympathisch. Und als Kamen, der seine Karriere als einer der zehn wichtigsten Hollywood-Komponisten der vergangenen Jahrzehnte in den siebziger Jahren als Rock'n'Roller begann, auch noch erfuhr, dass der junge Deutsche seinen Film probeweise mit einer Auswahl seiner bisherigen Kompositionen unterlegt hatten, war er überzeugt.

Woran es wirklich lag, dass Kamen so schnell einwilligte, ist selbst den Beteiligten bis heute nicht klar. Schließlich ist der Film um eine Handvoll kleiner Trickfiguren aus einer TV-Serie, die von einem wahnsinnigen Wissenschaftler in die reale Welt gezaubert werden und dort einige Abenteuer bestehen müssen, zwar putzig, aber im Vergleich zu Kamen-Filmen wie "Mr. Holland's Opus" oder "Fear and Loathing in Las Vegas" nicht unbedingt ein Meilenstein der Filmgeschichte.

Komponist Kamen: "Michael war Feuer und Flamme"
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AP

Komponist Kamen: "Michael war Feuer und Flamme"

"Es waren die Figuren, in die er sich sofort verguckt hat", sagt Kamens Assistent Rupert Christie. "Ein großer Musiker mit noch größerem Herz", urteilt der altgediente Kamen-Geiger John Underwood. Regisseur Krawinkel dagegen meint: "Er hat zwei Töchter in meinem Alter". Die spontane Begeisterung des Star-Komponisten gab dem ehrgeizigen Unternehmen entscheidenden Auftrieb. Kamen, der schon einige Jahre an Multipler Sklerose litt, konnte seine Arbeit für "Back to Gaya" aber leider nicht mehr vollenden. Am 18. November 2003 verstarb er in seiner Villa im Alter von 55 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts.

Monatelang lag die Produktion daraufhin auf Eis. Die Filmabgabe am 15. Januar wurde schnell verworfen. Doch der Verleih Warner Bros. wollte den auf Mitte März terminierten Kinostart nicht verschieben. Die Geldgeber der im zweistelligen Millionenbereich liegenden Produktion wurden nervös. Krawinkel wurde schon einen Tag nach Kamens Tod mit Anrufen bombardiert. Wie sollte es weiter gehen? Er konnte es nicht sagen, urteilt aber heute rückblickend: "Ein bisschen mehr Würde wäre angebracht gewesen." Kamen sei wie ein Vater für ihn gewesen, versucht Krawinkel die Dimension seiner Misere zu erklären.

Der Tod seines Mentors bescherte ihm aber nicht nur persönlichen Kummer, sondern auch handfeste finanzielle Probleme. Das Hannoveraner Filmteam hatte selbst einen Großteil der Produktionskosten aufgebracht. So musste Produzent und Co-Regisseur Holger Tappe eine ertragreiche Erbschaft investieren, damit seine "Kinder auch mal was davon haben werden". Scherereien mit einem der externen Geldgeber hätte die bisher aufwändigste deutsche Trickfilmproduktion zu einem der teuersten Flops des deutschen Films machen können.

Regisseur Krawinkel und Dirigent Brown (mit Orchestermusikern im Londoner Abbey-Road-Studio): "Mancher Fan wird sicherlich die eine oder andere Melodie erkennen"
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Leif Kramp

Regisseur Krawinkel und Dirigent Brown (mit Orchestermusikern im Londoner Abbey-Road-Studio): "Mancher Fan wird sicherlich die eine oder andere Melodie erkennen"

Dabei wurden in das farbenprächtige Leinwandabenteuer für die Kleinen schon seit Beginn der vier Jahre dauernden Produktion große Hoffnungen gesetzt. Zeitweise arbeiteten in den Räumen der Produktionsfirma Ambient Entertainment bis zu 75 Tüftler an den Animationen. Als erster komplett am Computer generierter deutscher Langfilm muss sich "Back to Gaya" nicht hinter erfolgreichen US-Produktionen wie "Findet Nemo" oder "Toy Story" verstecken. Ganz emotionslos ist der Vergleich mit den Trickschmieden von Hollywood für die Hannoveraner aber nicht. "Es müssen jetzt ja nicht alle Filme so aussehen wie 'Ice Age' oder 'Shrek'. Wir gliedern uns zwar in die Strukturen ein, wollen aber realistischer sein als das bisher Dagewesene", erklärt Regisseur Krawinkel.

Die Story des Films vermischt Realität und Fantasywelt zu einem spannenden Thriller: Ein verrückter Wissenschaftler, der sich als Erfinder von TV-Serien versucht, fühlt sich von der erfolgreichen "Gaya"-Serie um seinen Sendeplatz betrogen. Mithilfe eines phantasievollen Geräts stiehlt er die Energiequelle des Phantasieparadieses Gaya.

Auf der Suche nach diesem magischen Stein namens Dalamit, mit dessen Verschwinden auch allmählich jedweder Lebenshauch aus dem Reich der Gayaner weicht, machen sich die liebenswerten Gnome Buu (gesprochen von Michael "Bully" Herbig) und Zino auf in die reale Welt, um dort allerhand Abenteuer zu bestehen. Bis ein Happy End zu erahnen ist, rütteln die Tricktechniker aus Niedersachsen fleißig am Disney-Thron. Ab Donnerstag brauchen Kinder den direkten Vergleich nicht zu scheuen: Disneys Tierdrama "Bärenbrüder" startet dann ebenfalls in den deutschen Kinos.

Trotz dieser Konkurrenz und dem plötzlichen Rückschlag durch den Tod Michael Kamens herrscht Euphorie in den Reihen der deutschen Trickfilmmacher. Grund hierfür waren vor allem die geglückten Filmmusik-Aufnahmen mit dem London Metropolitan Orchester in den legendären Abbey Road Studios, wo nicht nur die Beatles und Sting gefeierte Alben einspielten, sondern auch die Musik zu millionenschweren Filmproduktionen wie "Herr der Ringe" und "Star Wars" aufgenommen wurde. "Es war Michaels letztes Projekt. Er hätte sich gewünscht, dass wir es hier durchziehen", sagt Steve McLaughlin, ein langjähriger Produzent Kamens.

Trickfilmhelden in "Back to Gaya": Auf der Suche nach dem Dalamit
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DDP

Trickfilmhelden in "Back to Gaya": Auf der Suche nach dem Dalamit

Gemeinsam mit seinem Kollegen Christopher Brooks aus Los Angeles und Orchestrator Bob Elhai sorgte McLaughlin für die Vollendung der erst zu zwei Dritteln von Kamen fertig gestellten Kompositionen. Sie bedienten sich aus dem Privatarchiv der Familie und bearbeiteten bekannte Partituren für Filme wie "Baron Münchhausen" und "Die drei Musketiere" beinahe bis zur Unkenntlichkeit. "Mancher Fan wird aber sicherlich die ein oder andere Melodie erkennen", meint Krawinkel, der während der langen Studio-Termine die Rolle des staunenden Zuhörers einnahm. Während die wuchtigen Klänge des "Main Title", der tragenden Melodie des Films, eingespielt wurden, schien der Regisseur wie weggetreten. Gebannt schaute er auf das 65-köpfige Orchester und seinen Dirigenten Andy Brown, die allesamt lange Jahre für Kamen tätig waren. Kopfschüttelnd registrierte er, wie die Musiker die Partituren ohne vorherige Proben notengetreu und harmonisch zu klanglichem Leben erweckten.

Zum Deutschlandstart wird es in der Hannoveraner Staatsoper eine ganz besondere Premiere des Films mit Live-Orchestrierung geben. Spielen werden dort allerdings nicht Andy Browns Musiker, sondern das Niedersächsische Staatsorchester. Eigentlich wollte Kamen selbst dirigieren, schließlich sei ihm die Arbeit an "Back to Gaya" eine Herzensangelegenheit gewesen, sagt sein Verehrer Krawinkel. Aber auch Rubert Christie, als persönlicher Assistent Kamens an der Komposition beteiligt, kann sich kaum zügeln: "Michael war Feuer und Flamme."

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