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02.04.2004
 

Kino aus Russland

Von Sibirien in den siebten Himmel

Julia und Rüdiger Sturm

Nach langer schöpferischer Pause sorgt Russland mit "Die Rückkehr" im internationalen Kino für Furore. Die Renaissance der Filmnation wird von Außenseitern wie Andrej Swjaginzew getragen.

"Die Rückkehr": Mythisch-poetisches Drama
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Movienet

"Die Rückkehr": Mythisch-poetisches Drama

Für einen russischen Regisseur trägt Andrej Swjaginzew ein peinliches Stigma: Er stammt aus der düstersten Provinz von Nowosibirsk - undenkbar für einen Kulturbetrieb, den die Eliten von Moskau und St. Petersburg prägen. Auch in seinem Auftreten ist nichts von genialischer Geziertheit zu spüren. Die kleine, schmale Gestalt ließe sich eher als Ingenieur einer Maschinenfabrik vorstellen.

Stattdessen ist der 40-Jährige zum größten Hoffnungsträger einer Filmindustrie geworden, deren Protagonisten einst die Bildsprache des Kinos revolutionierten. Zu Beginn des dritten Jahrtausends hatte die Heimat Eisensteins und Tarkowskijs ihre stilprägende Rolle in der Filmgeschichte längst verloren. Die Perestroika ebnete billigen Unterhaltungsfilmen den Weg, in deren Flut sich nur wenige Veteranen wie Andrej Sokurow ("Russian Ark") oder Alexej Herman behaupten konnten. Heutzutage werden 89 Prozent des heimischen Kinomarktes von Hollywood okkupiert, der russische Film bleibt mit einem Anteil von fünf Prozent ein Nischenphänomen.

Deshalb war es umso erstaunlicher, als bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig ausgerechnet ein Film aus dieser Diaspora den Goldenen Löwen gewann. Andrej Swjaginzew stach mit seinem mythisch-poetischen Drama "Die Rückkehr" nicht nur arrivierte Kollegen wie Alejandro González Iñárritu ("21 Gramm") aus, er erhielt beim europäischen Filmpreis auch den Fassbinder Award für die "Entdeckung des Jahres" und eine Nominierung für den Golden Globe als Bester Auslandsfilm.

Garin, Dobronrawow in "Die Rückkehr": Lobende Worte von Isabelle Huppert
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Movienet

Garin, Dobronrawow in "Die Rückkehr": Lobende Worte von Isabelle Huppert

Schon bei der Moskauer Vorführung vor der Biennale witterten die lokalen Kritiker die "größte russische Filmsensation der vergangenen Jahre." Für die sorgte ausgerechnet der Kinodebütant Swjaginzew. Auch wenn er schon 1986 nach Moskau gekommen war, galt er in der Branche als unbeschriebenes Blatt. "Ich bin ein Niemand, der keinerlei Beziehungen zu Kulturministerium und Filmstudios hat", beschreibt er sich selbst. Sein einziger Kontakt mit Einfluss war Dmitrij Anatoljewitsch Lesnjewski, Produktionschef von REN-TV, einer der erfolgreichsten Fernsehproduzenten des Landes. Unter seiner Ägide hatte Swjaginzew drei Kurzfilme für die TV-Serie "Schwarzes Zimmer" abgeliefert.

Doch "Die Rückkehr" richtet sich bewusst gegen den Mainstream des russischen Kinos: "In den letzten 15 Jahren ist unsere Industrie darauf ausgerichtet, Kommerzfilme zu drehen. Jede Produktion schreit zum Zuschauer: Kauf mich!", klagt Swjaginzew. "Und genau diese Filme sind sehr schlampig gemacht."

Mit seiner symbolgeladenen Bildsprache und religiösen Konnotationen markiert Swjaginzews Film auch über den Titel hinaus eine Rückkehr zu den legendären Traditionen des russischen Kinos. "Andrej Tarkowskij hat einen sehr großen Einfluss auf mich ausgeübt", gibt er zu, auch wenn er noch andere Regisseure des internationalen Kinos als Leitfiguren nennt. Aus dieser Perspektive bekommt der Gewinn des Goldenen Löwen eine schicksalhafte Note. Immerhin erhielt Tarkowskijs erster Langfilm, "Iwans Kindheit", vor 40 Jahren die gleiche Auszeichnung.

"Rückkehr"-Szenenfoto: symbolgeladene Bildsprache
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Movienet

"Rückkehr"-Szenenfoto: symbolgeladene Bildsprache

Die Hoffnungen, dass "Die Rückkehr" eine Renaissance des russischen Films einläuten könnte, erscheinen nicht ganz unberechtigt. Im letzten Jahr lief eine ganze Reihe von gepriesen Produktionen an, darunter "Die Alten" von Gennadi Sorow oder "Koktebel" von Boris Chlebnikow. "Langsam entstehen immer mehr interessante Filme, die nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zielen", urteilt auch Swjaginzew.

Wie er sind viele dieser Kollegen Regie-Novizen, die nie ein Studium an einer Filmhochschule absolviert haben. Und auch für sie sind die Metropolen nicht mehr der Nabel der Filmwelt. Moskau und St. Petersburg sind als Schauplätze uninteressant geworden. Die neue russische Welle ist eine Bewegung der Außenseiter. Und so lange es mit Unternehmen wie REN-Film Produktionsfirmen gibt, die diese Newcomer fördern, könnte daraus ein lang anhaltender Trend werden.

Selbst die politische Erstarrung scheint für Filmemacher noch kein Hindernis zu sein: "Die Leute machen Filme, wie sie wollen und mit welchen Themen sie wollen", meint Swjaginzew, obwohl er erschränkt: "Ich sehe die Dinge nur subjektiv."

Darsteller Lawronjenko, Dobronrawow, Garin: neue Avantgarde
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Movienet

Darsteller Lawronjenko, Dobronrawow, Garin: neue Avantgarde

Zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht geht es dem Filmmarkt gut: 2003 wuchsen die nationalen Einspielergebnisse gegenüber dem Vorjahr um 80 Prozent, und das trotz der auch in Russland grassierenden Piraterie. Selbst die neue Avantgarde der Filmemacher dürfte davon profitieren. "Die Rückkehr" spielte in nur einem Monat 343.000 Dollar ein - fast das gesamte Budget.

Einige der alten Branchenvertreter sehen diese Bewegung indes mit Missfallen. Sogar "Die Rückkehr" bekam böse Seitenhiebe ab. Doch Swjaginzew ließ sich davon nicht beeindrucken: "Isabelle Huppert sagte mir solch lobende Worte zu meinem Film, dass ich im siebten Himmel schwebte. Danach war ich gegen alle Angriffe immun."

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