Von Oliver Hüttmann
Wer zu seiner Dienstzeit jung war, hat "Derrick" nicht geschaut. Als Junge verfolgte man in den siebziger Jahren die Draufgänger "Starsky & Hutch" und "Die Pofis", in den Achtzigern staunte man über "Miami Vice" und "Magnum", zuletzt beeindruckten die unheimlichen FBI-Fälle von "Akte X".
Dagegen waren die Akten von Stephan Derrick, rund 30 Jahre lang Oberinspektor der Münchner Mordkommission, so farblos, langsam und trocken wie seine Anzüge, sein BMW und seine Formulierungen. "Derrick", die erfolgreichste deutsche Krimiserie, erschien wie das Fernsehen der Eltern und Großeltern. Zudem sah Horst Tappert in der Rolle seines Lebens schon immer alt aus. Die Japaner, stets empfänglich fürs Bizarre, waren natürlich entzückt von dem biederen Beamten.
"Derrick" wäre ein Fall für Michael "Bully Herbig", der bereits mit "Der Schuh des Manitu" den teutonischen Western persifliert hat. Auch Leslie Nielsen könnte man besetzen für eine komödiantische Würdigung, dessen ungerührt agierender Cop Frank Drebin in "Die nackte Kanone" schon eine Groteske von Derrick war. Denn so ähnlich haben die Filmemacher für "Derrick - Die Pflicht ruft!" den großen Stoiker Stephan auch angelegt. Allerdings reichten der Mut oder das Geld nur für einen drittklassig animierten Trickfilm.
Unter der Regie von Michael Schaack, der schon die letzten "Werner"-Filme gedreht hat, sind die Figuren von der Schlichtheit alberner Zeichentrickserien für Kleinkinder, wie sie morgens im Fernsehprogramm laufen. Das ist deshalb besonders schade, da neben einigen grellen und etwas geschmacklosen Gags das Drehbuch ansonsten aus viel hintersinnigem Humor besteht. Im Fokus der Geschichte, in der ein narzisstischer Schlagersänger beim Eurovision Song Contest die Konkurrenten ermordet, wird gar nicht dumm das unverrückbare Verhältnis zwischen Derrick und seinem ewigen Assistenten Harry Klein alias Fritz Wepper veralbert.
Vor allem Harry darf sich endlich mal den Frust von der Seele reden darüber, dass er immer nur den Wagen holen muss. Er weint sich bei einer Psychiaterin aus, macht im Übereifer aber nur Fehler und hofft sich beweisen zu können, wenn sein Chef doch nur mal in den Urlaub fliegen würde. Allerdings lässt der mehrmals seinen Abflug sausen, weil ihm erst nach der vermeintlichen Lösung des Falles jene Gedankenblitze kommen, die man schon in der TV-Serie selten nachvollziehen konnte. Denn: "In meinen anderen Fällen war der Hauptverdächtige auch nie der Täter."
Dann wird der solide, steife Derrick ("Wo das Verbrechen zuschlägt, ist meine Party"), der nie ein Liebesleben hatte und selbst in einer Schwulendiskothek unaufgeregt ermittelt wie bei einem Kaffeekränzchen, wegen sexueller Belästigung suspendiert. Pflichtbewusst erklärt er: "Wenn ein Polizist sich nicht mehr unter Kontrolle hat, kann er nur noch als Schimanski auftreten."
Nun mutiert Harry Klein zu Dirty Harry, holt die Knarre raus und lebt alles aus, was man bei "Derrick" nie erleben konnte. Er rast im Sportwagen los und mit dem Motorboot auf der Isar, ballert herum und geriert sich als Casanova. München, die sauberste und sicherste Stadt der Welt, verkommt ohne Stephan Derrick zu einer Hochburg der Kriminalität, wie man sie aus den amerikanischen Actionserien kennt. Zum Finale kehrt Derrick natürlich zurück und zeigt im Stil eines Italo-Westernhelden, dass er manchmal auch anders kann.
Horst Tappert und Fritz Wepper haben ihre Figuren selbst synchronisiert. Wepper, der seine Dialoge früher entsetzlich tonlos gesprochen hatte, klingt dabei herrlich hysterisch. Und in Tapperts nüchterner Stimme schwingt tatsächlich so viel Selbstironie mit, dass er jetzt, als Pensionär, doch noch eine unerwartete Wandlungsfähigkeit beweist.
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