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08.04.2004
 

Interview mit Tim Burton

"Die Wirklichkeit ist unschlagbar"

Der US-Regisseur Tim Burton, 45, erzählt mit "Big Fish" die bizarre Biografie eines großen Aufschneiders. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über seine phantastische Weltsicht, sein ganz privates Alien-Erlebnis und gibt touristische Tipps für den US-Präsidenten.

Regisseur Burton: "Was glauben Sie, warum ich in England lebe?"
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DPA

Regisseur Burton: "Was glauben Sie, warum ich in England lebe?"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Burton, Ihr neuer Film "Big Fish" feiert die Macht der Phantasie. Ist sie tatsächlich mächtiger als die Realität?

TIm Burton: Sie ist mehr oder weniger das Gleiche wie die Wirklichkeit. Sehen Sie sich die Nachrichten an: Viele Meldungen sind surrealer oder irrealer als manche Märchengeschichte. Und Märchen und Mythen wiederum enthalten emotionale Wahrheiten. So jedenfalls nehme ich die Welt wahr.

SPIEGEL ONLINE: Erklärt diese Wahrnehmung auch den erstaunlichen Einfallsreichtum Ihrer Filme?

Burton: Vielleicht. Ich versuche die Merkwürdigkeit in unserem alltäglichen Leben zu sehen. Wenn du diesen Blickwinkel aufsetzt, entdeckst du, dass hinter scheinbarer Banalität etwas ganz Außergewöhnliches steckt. Das hält dich geistig wach und hilft dir bei deiner Arbeit als Künstler.

Burton-Film "Big Fish" (mit Ewan McGregor): "Ein richtiges Glückserlebnis"
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Columbia TriStar

Burton-Film "Big Fish" (mit Ewan McGregor): "Ein richtiges Glückserlebnis"

SPIEGEL ONLINE: Aber haben solche Merkwürdigkeiten Platz im heutigen Hollywood?

Burton: Hollywood weiß doch selbst nicht wirklich, was es genau will. Das heißt, du kannst als Künstler deine Nische finden. "Big Fish" ist das beste Beispiel dafür. Nach dem Blockbuster-Vehikel "Planet der Affen" war dieser Film ein richtiges Glückserlebnis: Seine Geschichte hatte alle Elemente, die die Studios abschrecken. Es gab keinen großen Star. Der Autor wurde nicht gefeuert. Und trotzdem wurde das Ganze von einem Studio realisiert.

SPIEGEL ONLINE: Sogar das amerikanische Publikum ließ sich auf dieses unkonventionelle Paket ein.

Burton: Hollywood versucht immer das Verhalten seiner Zuschauer auszurechnen. Es gibt Testvorführungen, wo man die kleinsten Details überprüfen lässt. Alles, was das Publikum verstören könnte, wird aus Drehbüchern herausgestrichen. Deshalb bin ich froh, dass "Big Fish" funktionierte. Die Studiomanager, mit denen ich dabei zu tun hatte, haben selbst zugegeben: Wenn der Film gut läuft, dann können wir mehr von dieser Sorte machen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel die Verfilmung von Roald Dahls Geschichte "Charlie and the Chocolate Factory" mit Johnny Depp.

Burton: Dahl ist einer meiner Lieblingsautoren, denn er vermittelt eine riesige Palette von Gefühlen. Er macht keinen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen. Ich halte es falsch, zwischen beiden zu differenzieren. Wir tragen alles in uns. Auch Kinder haben dunkle Phantasien. Deshalb ist es auch völlig absurd, wenn Eltern ihnen verbieten, sich bestimmte Filme anzusehen.

SPIEGEL ONLINE: Vor wenigen Monaten wurden Sie selbst Vater. Werden Sie das bei Ihrem Sohn beherzigen?

Burton: Ich hoffe schon. Fürs erste möchte ich mich ihm nur so oft widmen, wie ich nur kann. Jede Minute seiner Existenz ist für mich eine unglaubliche Erfahrung. Deshalb war ich auch bei der Geburt dabei. Ich hatte das Gefühl, ich würde in meinem eigenen "Alien"-Film mitspielen.

SPIEGEL ONLINE: War es eigentlich Zufall, dass Sie sich mit "Big Fish" eine Vater-Sohn-Geschichte aussuchten?

Burton-Blockbuster "Planet der Affen" (mit Mark Wahlberg und Helena Bonham-Carter): "Alles, was  das Publikum verstören könnte, wird aus Drehbüchern herausgestrichen"
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20th Century Fox

Burton-Blockbuster "Planet der Affen" (mit Mark Wahlberg und Helena Bonham-Carter): "Alles, was das Publikum verstören könnte, wird aus Drehbüchern herausgestrichen"

Burton: Ich habe erst während des Drehs erfahren, dass meine Lebensgefährtin (die Schauspielerin Helena Bonham-Carter, d. Red.) ein Kind erwartet. Trotzdem gab es da ein paar merkwürdige karmische Zusammenhänge. Erstmal wussten wir nicht, dass es ein Sohn werden würde. Dann sah er dem Baby im Film auch noch ähnlich. Und sogar die Geburten verliefen ähnlich. Wie ich schon sagte, du musst genauer hinsehen und du entdeckst, wie seltsam dein Leben ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Tipp, wie sich dieser Blick schulen lässt?

Burton: Reisen Sie! Da können Sie seltsamsten Dinge entdecken. Vor allem Asien ist dafür gut geeignet. Das sollte auch eine Anforderung für den US-Präsidenten sein. Wie will der seinen Job machen, wenn er vorher noch nie in einem fremden Land war?

SPIEGEL ONLINE: Um Ihren Job zu machen, müssten Sie keine Länder bereisen. Sie können alles im Computer erschaffen.

Burton: Ich habe etwas Handgemachtes lieber. Und es hilft auch den Schauspielern, möglichst viele reale Bauten am Set zu haben. Das war die Devise für "Big Fish". Wir hätten zum Beispiel ein digitales Auto in den Baum zaubern können. Aber ein wirkliches Auto brachte eine ganz andere Energie. Die Wirklichkeit ist eben unschlagbar.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der phantastischste Ort in dieser Wirklichkeit?

Burton: Los Angeles. Ein Stadt ohne Wetter und ohne Jahreszeiten. Hier gibt es kein richtiges Leben. Alles dreht sich nur um Filme. Jeder steht im Wettbewerb mit jedem. Das kannst du nur eine begrenzte Zeit ertragen. Was glauben Sie, warum ich in England lebe?

Interview: Rüdiger Sturm

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