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11.04.2004
 

Trickfilm "Das große Rennen von Belleville"

Vergesst Nemo

Von Marco Dettweiler

Ein kleiner, europäischer Film hat sich unerkannt unter viel besprochene und hoch gelobte computeranimierte US-Filme wie "Findet Nemo" und "Shrek 2" geschmuggelt. "Das große Rennen von Belleville" setzt nicht auf riesige Arbeitsspeicher, sondern auf künstlerische Handarbeit.

"Das große Rennen von Belleville": künstlerische Handarbeit
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"Das große Rennen von Belleville": künstlerische Handarbeit

In den letzten Jahren hat das Genre "Animationsfilm" durch computeranimierte Filme wie "Toy Story" oder "Shrek" eine Renaissance erlebt. Die Geschichte mit den Spielzeughelden überraschte mit detailgetreuen und dreidimensional wirkenden Bildern, die so nur der Computer zeichnen konnte. Sechs Jahre später kam dann das grüne Ekelmonster Shrek in die Kinos. Die Animation überzeugte hier zum einen durch noch ausgefeiltere Computertechnik. Zum anderen begeisterte die Geschichte nicht nur Kinder und Jugendliche, die traditionelle Zielgruppe von Animationsfilmen, sondern auch Erwachsene.

Als hätte es diese Entwicklung nie gegeben, präsentiert Sylvain Chomet mit "Belleville Rendezvous" (deutscher Titel: "Das große Rennen von Belleville") einen Trickfilm, der mit traditioneller Zeichentechnik produziert wurde. Für den Zuschauer wirkt das altmodisch, man hat sich an Bilder mit Computerspielästhetik gewöhnt. Chomets bewegte Zeichnungen scheinen wie aus einer anderen, längst vergangenen Zeit. Sie erinnern an künstlerisch anspruchsvolle Comics. Es macht Spaß, diese Bilder auf der Leinwand anzuschauen. Die Story wird visuell so verständlich erzählt, dass der Film sogar ohne Dialoge auskommt. Ein Zeichentrickstummfilm, sozusagen.

Gelungene Alternative zu all den Nemos und Shreks

Eines ist klar: Ein Film wie "Belleville Rendezvous" ist keine echte Konkurrenz für Animationsfilme. Das hat auch die Oscarverleihung gezeigt, bei der "Findet Nemo" als bester Animationsfilm ausgezeichnet wurde. "Belleville Rendezvous" stellt auch die computertreue Entwicklung der Filmtechnik nicht in Frage. Er ist vielmehr eine gelungene Alternative zu all den Nemos, Shreks und Bären. Wenn man allerdings genau hinschaut, dann erkennt man, dass auch Belleville nicht ohne Bits und Bytes auskommt. Zum Beispiel sind die Explosionen während der Verfolgungsfahrt in Belleville computeranimiert. Chomet kennt sich also auch mit neuer Computertechnik aus, er setzt sie aber bewusst sparsam ein.

Champion, Großmama: Mensch wird zur Maschine
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Champion, Großmama: Mensch wird zur Maschine

Der französische Regisseur weiß, dass er wie ein Filmemacher wirken könnte, der den Anschluss verpasst hat. Die nostalgische Haltung bei der visuellen Gestaltung des Films findet der Zuschauer sogar in der zivilisationskritischen Story wieder. Chomet mag die Moderne nicht, und erst recht nicht die Neue Welt: Damals - und in Europa sowieso - war alles besser. Damit der Zuschauer gleich am Anfang erkennt, wohin die zeichentrickfilmische Reise geht, beginnt der Film mit einer Hommage an Varietéshows der dreißiger Jahre.

Dass auf der Leinwand zunächst nur ein Film im Film zu sehen ist, deuten das Geräusch eines Filmprojektors sowie weiße, dünne Fäden an, die - wie bei alten Filmkopien - horizontal über die Leinwand zittern. Fred Astaire, Josephine Baker und Django Reinhardt treten nacheinander auf die Bühne und auf ungewöhnliche Art wieder von ihr ab. Zynismus ist in "Belleville Rendezvous" Programm: Als Josephine Baker im Bananenkleid durch ihren erregenden Tanz die Ehemänner im Publikum heiß macht, stürmen diese zum Entsetzen ihrer Ehefrauen auf die Bühne und fressen das Bananenkleid wie Tiere auf. Solch gemeine Visionen eines Trickfilmers können in dieser Konsequenz wohl nur auf dem Zeichenbrett entstehen. Wer richtig böse sein will, hat mit dem Animationsfilm sein künstlerisches Instrument gefunden.

Straßenszene: Entweder rappeldürr oder unglaublich fett
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Straßenszene: Entweder rappeldürr oder unglaublich fett

Die Varietéshow ist aber nur der Film im Film. Eigentlich geht es um den Radprofi Champion, der wohl auf diesen Namen getauft wurde, weil er es später einmal werden soll. Deswegen trainiert ihn seine Großmutter Madame Souza für die Tour de France: Champion darf nur Rad fahren, essen und schlafen. Der Mensch wird zur Maschine. Als es dann endlich soweit ist, und sich Champion während der Tour de France durch die Berge quält, entführen ihn zwei merkwürdige Gestalten in schwarzen Anzügen mit Schnurrbart und Zigarette. Madame Souza und ihr Hund nehmen erfolgreich die Spur auf und verfolgen die Entführer bis nach Belleville. In Wirklichkeit ist das ein Pariser Stadtteil, aber im Film ist es unverkennbar ein verfremdetes New York. Die pummelige Freiheitsstatue ist ein eindeutiges Indiz.

Die Moderne verdrängt die gute alte Zeit

Apropos pummelig: Chomets Figuren sind entweder rappeldürr oder unglaublich fett. Die Beleibten erinnern an die Menschen in den Bildern des Künstlers Fernando Botero. Ob dick oder dünn, alt oder neu, hässlich oder schön, "Belleville Rendezvous" spielt häufig mit Gegensätzen. Konflikte kommen meist dadurch zustande, dass durch die Modernisierung Altbewährtes und Traditionelles verdrängt wird. Exemplarisch dafür steht das Haus, in dem Champion, Madame Souza und ihr Hund wohnen. Als die Welt noch in Ordnung war, stand das Gebäude, das eher einem Turm gleicht, noch unbedrängt in dünn besiedelter Natur. Nach und nach machen sich die Folgen der Industrialisierung bemerkbar. Als das Haus zum schiefen Turm von Pisa wird, weil eine Hochtrasse der Bahn so dicht daran gebaut wird, dass es sich gefährlich neigt, hat die Moderne die gute alte Zeit auch physisch verdrängt.

Omas Haus: die gute alte Zeit
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Omas Haus: die gute alte Zeit

Am Ende kehrt die Story in "Das große Rennen von Belleville" zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Madame Souza lernt die drei Sängerinnen, die "Triplettes", kennen (in der englischen Übersetzung heißt der Film "The Triplets of Belleville"), die schon in der Varieté-Show am Anfang des Films zu sehen waren. Damals waren sie junge, erfolgreiche und dynamische Damen in der Blüte ihrer Sangeskunst. Als Madame Souza nun den drei Sängerinnen begegnet, trifft sie nur magere, senile Wracks, die mittlerweile moderne Musik machen. Auch der Abstieg der Triplettes steht symbolisch für den Untergang der guten alten Zeit.

Regisseur Chomet spart nicht mit Zeichen, die die Interpretationsmaschine im Kopf des Zuschauers im hochfrequenten Takt halten: Anspielungen auf Filme von Jacques Tati ("Die Ferien des Monsieur Hulot"), sozialkritische Tritte gegen die Freunde der Globalisierung, romantische Visionen vom Leben in der Natur und - möglicherweise - autobiografische Andeutungen an seine Kindheit. All das hat der Film. Er braucht es aber nicht. Die Bilder, die Story und die Musik reichen völlig aus, um dem Zuschauer zu zeigen, dass die gezeichnete Kinowelt an Ideen immer mehr zu bieten hat als die reale.


Das große Rennen von Belleville (Belleville Rendezvous)


Frankreich/Belgien/Kanada/Großbritannien 2003. Regie und Drehbuch: Sylvain Chomet. Sprecher: Michèle Caucheteux, Jean-Claude Donda, Mari-Lou Gauthier, Charles Linton, Michel Robin Monica Viegas. Produktion: Les Armateurs. Verleih: Concorde. Länge: 80 Minuten. Start: 8. April 2004

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