Von Rüdiger Sturm
"Wieso läuft mein Film nicht in Deutschland?" John Cusack kann es nicht fassen. Ob im Psychothriller "Identität", im Actionknaller "Con Air" oder in Kultkomödien wie "High Fidelity", bislang war der 37-jährige US-Star ständig auf den heimischen Leinwänden präsent. Doch dann produzierte er das Herzensprojekt "Max", ein fiktionales Drama um die jungen Jahre Adolf Hitlers, und bislang hat kein Verleiher angebissen.
Cusack ist nicht der einzige, dem es so geht. Nicht einmal das Oscar-Siegel scheint ausländischen Filmen auf ihrem Weg zum deutschen Publikum zu helfen. Im August beendete Istvan Szabo, der sich mit "Mephisto" die Trophäe für den Besten Auslandsfilm holte, den Dreh zur Somerset-Maugham-Adaption "Being Julia". Mit von der Partie: Oscar-Gewinner Jeremy Irons und Annette Bening, nominiert als Beste Hauptdarstellerin für "American Beauty". Das Drehbuch stammt von Ronald Harwood, der im letzten Jahr für "Der Pianist" ausgezeichnet wurde. Trotz dieses Prestige-Pakets ist unklar, ob und wann das hochkarätig besetzte Drama hierzulande zu sehen sein wird.
Filme, die nicht gerade mit phantastischen Actionszenen klotzen oder heimische Geschichte zelebrieren, haben es schwer im Kino. Besonders in Deutschland. Während etwa in Frankreich der Marktanteil des so genannten "Arthaus"-Films bei 20 bis 25 Prozent liegt, interessieren sich diesseits des Rheins gerade mal 10 Prozent der Zuschauer für künstlerisch anspruchsvolle Produktionen. Ist das deutsche Publikum ein Volk der Banausen?
Womöglich liegt alles nur an der richtigen Kommunikation. In keinem anderen europäischen Land ist es für eine kleine Produktion so schwer, ihre Zuschauer zu finden. Französische oder englische Verleiher starten ihre Perlen gezielt in den Hauptstädten, in denen die Meinungsmacher konzentriert sind. Hat ein Film erstmal Paris oder London erobert, hat er bald darauf den Rest des Landes eingenommen. In Deutschland dagegen ist die Medienbranche zersplittert. Positive Reaktionen in Berlin haben keine Auswirkung auf Hamburg oder München. Dabei sind gerade Kunstkino-Filme, die das Land nicht mit massiven Werbekampagnen überziehen können, auf ein einhelliges Kritiker-Echo angewiesen.
Doch selbst die Medien wollen nicht mitspielen: "Wenn ein Film mit unter 100 Kopien startet, sind sie in der Regel wenig bereit darüber zu berichten", so Stephan Hutter, Chef des Prokino-Verleihs ("Lola rennt"). Auch auf den Leinwänden wird es eng. Klassische Kunstkinos buchen zunehmend Blockbuster wie "Herr der Ringe" oder "Troja". Wie schwierig es bei derartigen Filmen ist, auf seine Kosten zu kommen, zeigt ein Rechenbeispiel: Bei Lizenzgebühren von 250.000 Euro braucht ein Film 300.000 Zuschauer, um nach dem Kinostart alle Ausgaben zu decken. Derartige Zahlen erreichen indes nicht einmal viele Hollywood-Streifen.
Früher war die Auswertung von TV-Rechten ein Standbein der Klein-Verleiher, aber mittlerweile haben sich die Bedingungen massiv verschlechtert. Selbst Filme mit 200.000 bis 300.000 Kinozuschauern werden in der Regel nicht vor 23.30 Uhr gezeigt. Derart schlechte Abspielplätze drücken auf die Preise. In der Regel schaffen es solche Produktionen erst über den DVD- und Videovertrieb in die schwarzen Zahlen. Doch auch in diesem Sektor ist der Wettbewerb härter geworden.
Selbst hochkarätige Streifen wie ein "Being Julia" müssen daher um ihren Platz auf der Leinwand kämpfen. Hinzu kommt, dass sie in der Akquisition nicht gerade billig sind. Aus diesem Grund kamen etwa die letzten beiden Woody-Allen-Komödien nicht in die deutschen Kinos. Manchmal ist der Sprung nach Deutschland nur mit Komplikationen möglich. Im Sommer startet David Cronenbergs Killer-Psychogramm "Spider" - zwei Jahre nach seiner Fertigstellung. Dem phantasievollen Teenager-Drama "Donnie Darko", war nur ein Leben im DVD-Markt beschieden, wo es zum Kultfilm avancierte. Aber ist der Zuschauer gewillt, diese kleinen Juwelen auszugraben?
Prokino-Chef Hutter ist pessimistisch: "Im Gegensatz zu anderen Ländern zeigt das deutsche Publikum geringes Interesse, Neues zu entdecken." Auch sein Kollege Peter Heinzemann von Solo-Film ("Pieces of April") hat wenig Hoffnung: "Die Zuschauer interessieren sich immer weniger für schwierige Filme. In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation wollen sie leichte Ablenkung." Eine "Bereinigung im Arthaus-Markt" ist demnach laut Heinzemann unvermeidlich.
Doch jeder der Kleinverleiher hat seine Überlebensstrategien. Stephan Hutter reüssiert gerade mit dem Dokumentarfilm "Die Geschichte vom weinenden Kamel", den bislang über 200.000 Zuschauer sehen wollten. Denn: "Die Deutschen sind für solche Stoffe mit esoterischem Inhalt sehr sensibel". Das bestätigt auch der Erfolg des neuseeländischen Jugenddramas "Whale Rider", für den hierzulande über 450.000 Tickets verkauft wurden.
Arthaus-Erfolg "Amélie" (mit Audrey Tautou): Trumpfkarte Komödie
Eine weitere Trumpfkarte des Arthaus-Kinos sind Komödien, ob "Italienisch für Anfänger" oder "Elling". Hutters Prokino kam mit "Die wunderbare Welt der Amélie" auf über drei Millionen Zuschauer.
Haben "Max" und "Being Julia" im rauen Deutschland also doch noch eine Chance? Den Produzenten zufolge laufen alle Verkaufsverhandlungen nach Plan. Und Regisseur Istvan Szabo hat das Argument, das jedem Kunstfilm Hoffnung geben müsste: "Ich versuche eine Geschichte zu erzählen, die mich wahnsinnig interessiert. Und weil ich ein Mensch wie jeder andere bin, gehe ich davon aus, dass sich auch andere dafür interessieren."
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