Von Oliver Hüttmann
Es passiert über Nacht. Warum und woher es kommt, wird nicht erklärt und spielt auch keine Rolle. Denn jede Erklärung dafür, ob Viren oder dunkle Mächte, sind noch unglaubwürdiger als das Ergebnis. Wichtig ist nur, dass plötzlich Menschen zu Monster werden, die wiederum Menschen fressen. Und Regisseur Zack Snyder kommt in "Dawn Of The Dead" schnell zum Wesentlichen: Nach drei Minuten bereits sind Mann und Tochter der Krankenschwester Ana (Sarah Polley) mutiert. Und als sie verstört aus ihrem Haus stürzt, bietet sich ihr eine bizarre Apokalypse. In der langweiligen Idylle eines typischen amerikanischen Vorortes mit seinen schablonenhaft angelegten Eigenheimen, Straßen und Gärten herrscht Chaos. Überall brennt es und versuchen sich Nachbarn gegenseitig umzubringen, blockieren verlassene Autos und Unfälle die Kreuzungen, liegen Leichen herum und wanken blutverschmierte Zombies.
"Dawn Of The Dead" ist ein Remake des gleichnamigen Zombiefilms aus dem Jahr 1978 von George A. Romero, der schon 1968 mit "Die Nacht der lebenden Toten" den Klassiker dieses Genres schlechthin schuf. In seismographischen Abständen belebten die Wiedergänger in den vergangenen Jahrzehnten immer mal das Horrorkino, da sie sich zur Allegorie auf nahezu alle möglichen Entwicklungen und Missstände einer zur Selbstzerstörung neigenden Menschheit eignen. Zwischen der großen Depression in den dreißiger Jahren und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges entstanden die ersten erfolgreichen Zombiefilme in den USA. Danach, während der fortschrittsgläubigen Wohlstandsperiode der Fünfziger und Sechziger, blieben die Untoten weitgehend begraben. Es war die Ära des Science-Fiction und außerirdischen Grusels wie mit "Das Ding aus einer anderen Welt" oder "Die Körperfresser". Erst "Die Nacht der lebenden Toten" löste zum eskalierten Vietnamkrieg eine bis in die frühen Achtziger andauernde Welle von Zombiefilmen aus, zu denen vor allem auch burleske Italo-Streifen gehörten.
Die Welt geht in Flammen auf
So wurde auch Romeros "Dawn Of The Dead" etwa vom surrealistischen Schreckenskünstler Dario Argento produziert. Darin geht es um ein Dutzend Leute, die sich vor den Zombies in einem Einkaufszentrum verschanzt haben. Die Konstellation wurde damals als Kritik an einer blindwütigen Konsumgesellschaft gedeutet. Und obwohl das Motiv noch heute passen würde, wäre es so zu kurz gegriffen, ja anachronistisch. Seit dem Ende des Kommunismus sickert der Kapitalismus in immer mehr Ländern der Erde ein. Man kann auch sagen, die Globalisierung assimiliert langsam alle anderen Zivilisationen. Daher lässt sich die Neuverfilmung, wer denn will, als Kulturkampf lesen und als Parabel auf die Zustände seit dem 11. September 2001.
Snyder hat die Grundzüge des Originals beibehalten. Ana, der schweigsame Polizist Kenneth (Ving Rhames), der aggressive Andre (Mekhi Phifer) mit seiner hochschwangeren Frau Luda (Inna Korobkina) und der nüchtern denkende Verkäufer Michael (Jake Weber) flüchten sich in eine Shopping-Mall. Der Song "Don¹t Worry, Be Happy" rieselt aus den Lautsprechern der Lucuspassage. Dort treffen sie auf drei Sicherheitswächter, die den Ankömmlingen zunächst misstrauen, später stoßen noch ein paar Überlebende mehr hinzu. Eingeschlossen von einem Meer aus Zombies, das mit jedem Tag größer wird, verfolgen sie vor gleich mehreren riesigen Fernsehgeräten in einem Elektronikgeschäft, wie die Welt in Flammen aufgeht. Dabei ähneln die Bilder den eskapistischen Eindrücken, die man von CNN und anderen Nachrichtensendern bei ihrem Kriegs- und Katastrophenjournalismus hat. Im Medienzeitalter scheint das Grauen weit weg woanders zu geschehen, dabei steht das Problem bereits vor der Tür.
Nach den anfänglichen Scharmützeln mit den Zombies charakterisiert Snyder an jeder Person erst mal ebenso zugespitzt wie ausführlich die Psychologie und Dynamik einer Gemeinschaft. Machtansprüche, Toleranz, Egoismus, Vertrauen. So wird etwa gestritten, ob ein älterer Mann liquidiert werden muss, da er wahrscheinlich von einem Zombie gebissen wurde und nun das böse Blut ins sich trägt. Mit allem Lebensnotwendigen versorgt, verbringt die Gruppe die Zeit wie in einem Schlaraffenland. Der arrogante Geschäftsmann Steve (Ty Burrel) spielt Golf auf dem Dach und freut sich nach jedem Abschlag, wenn der Ball den Kopf eines Zombies trifft. Kenneth spielt Schach mit einem Mann, der einige hundert Meter gegenüber auf der Terrasse eines Waffengeschäfts hockt. Und mit makabrem Humor suchen sie sich später Zombies als Zielscheibe heraus. Kenneth schreibt beispielsweise "Jay Leno" auf ein Schild, sein Partner auf der anderen Seite sucht sich aus der Masse jenen heraus, der dem Genannten ähnelt.
Interpretationen nach Herzenslust
Wenn man in der Shopping-Mall also die Dekadenz und Ignoranz der Vereinigten Staaten von George W. Bush sieht und den Waffenladen als britische Insel mit Tony Blair, dann wären die Zombies die islamischen Terroristen. Oder auch die hungernden Massen der Dritten Welt vor den Toren des Westens. Vielleicht wurde die Seuche sogar von Saddams nie entdeckten Bio- und Chemiewaffen verursacht! Jedenfalls kann man bei den Interpretationen nach Herzenslust herum spinnen. Oder als Fan von Horrorfilmen schlicht spannenden Spaß haben.
Snyder, der als Kinodebütant wie Ridley Scott, David Fincher oder Markus Nispel mit dem Remake von "The Texas Chainsaw Massacre" zuvor Reklamespots gedreht hat, zeigt dabei viel Sinn für die Filmästhetik der Siebziger. Und obwohl seine Zombies wendiger als früher sind, hat er aus den tumben Gestalten dennoch keine Martial-Arts-Mega-Monster gemacht. Es ist noch immer der Druck einer schieren Masse auf das Individuum, der hier beklemmt. Zielstrebige Klötze, auf die ohne manierierte Zeitlupe panisch gefeuert wird, bis das Magazin leer ist.
Schließlich dringen die Zombies natürlich doch ins Paradies ein. Die restlichen Überlebenden fliehen in zwei Laster. Und es gehört zum besten Schockmoment des Films, wenn sie stecken bleiben, weil die sture Menge vor ihnen alle Straßen füllt.
"Dawn Of The Dead", USA 2004. Regie: Zack Snyder; Drehbuch: James Gunn; Darsteller: Sarah Polley, Ving Rhames, Jake Weber, Mekhi Phifer, Ty Burrell, Michael Kelly, Kevin Zegers; Produktion: Strike Entertainment, New Amsterdam Entertainment; Verleih: UIP; Länge: 95 Minuten; Start: 15. April 2004
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