Von Oliver Hüttmann
Dem Thriller ging es in Deutschland schon immer schlecht. Ja, eigentlich hat es ihn hier nie wirklich gegeben. Die Fernsehkommissare und ihr eintöniges Einmaleins der Ermittlungen prägten den Spannungsaufbau in den Wohnstuben. In den Kinos lachten sich die Zuschauer lieber tot als sich von einem deutschen Thriller mörderisch fesseln zu lassen. Das gilt gerade für die neunziger Jahre, seit Jonathan Demme mit "Das Schweigen der Lämmer", und im TV die Mysteryserie "Akte X" einen bis heute einflussreichen Stil vorgaben, in Deutschland aber lediglich Beziehungskomödien oder Klamotten zogen und auch gedreht wurden.
Nun hat sich der Münchner Mennan Yapo mit "Lautlos" an dieses Genre gewagt, das zu den klarsten und zugleich kompliziertesten gehört, da die besten Filme dieser Art immer auch von emotionaler Anspannung, unterdrückten Gefühlen, der Unmöglichkeit von Liebe handeln. In Yapos Regiedebüt erschießt der Auftragskiller Viktor (Joachim Król) nachts einen Mann in dessen Wohnung. Im Bett des Opfers findet er schlafend die junge blonde Nina (Nadja Uhl) vor.
Er setzt seine Pistole an ihre Schläfe. Plötzlich summt sie ein Lied. Er lässt sie am Leben und verschwindet. Später folgt er ihr und rettet sie, als sie versucht, sich umzubringen. So lernen sich das Mädchen und der Killer kennen. Und so kommt auch der Profiler Lang (Christian Berkel) immer näher heran an den Mann, der einem Phantom gleicht. Denn es gehört zu den Regeln des Genres, dass Vertrauen dem einzelgängerischen Perfektionisten zum Verhängnis wird. "Sie werden nicht treffen", erklärt Lang in der Auftaktsequenz bei der Prüfung eines Scharfschützen, den eine Pappfigur an seinen Vater erinnert hat. "Sie sind zu nah am Ziel."Yapo und sein Drehbuchautor, der Filmkritiker Lars-Olav Beier, sind auch nah dran. Beide sind Filmkenner, so genannte Cineasten. Sie wissen alles über die Meisterwerke des Thrillers, vermutlich können sie deren markanteste Szenen einwandfrei schildern - und das sieht man dem Film an. Als Viktor fasziniert Nina beschattet, bis sie von einer grauen Stahlbrücke in einen Fluss springt, bringen Yapo und Beier dabei bemerkenswert Schlüsselszenen aus Hitchcocks "Vertigo" und Melvilles "Der eiskalte Engel" zusammen. Darauf muss man erst kommen.
Auch sonst machen sie alles richtig. Viktors Mord am Anfang, als er wie ein Schatten durch das Zimmer huscht, wie die Kamera dicht am Körper bleibt, sie die Räume mit Ausschnitten begrenzt und so die Gefahr stimuliert, während im Nachbarhaus zwei Polizisten ahnungslos vor ihren Überwachungsgeräten hocken, ist ebenso packend und präzise inszeniert wie sein Attentat mit einer Armbrust auf einem Hoteldach oder der verblüffende Showdown. Ebenso beflissen buchstabieren Yapo und Beier bei den Charakteren die Genregesetze nach. Der Profiler (denn so heißen Kommissare im Kino heute) hat manische Macken, bekommt einen neuen Assistenten frisch von der Polizeischule und ist mit seinen unorthodoxen Methoden ein vereinsamter Profi wie sein Gegner. Viktor hat einen alten Mentor und ein unauslöschliches Trauma.
Doch im Laufe des Films gerät auch Yapo zu nah an seine Vorbilder beziehungsweise seine Vorstellung von ihnen, wirken seine streng stilisierten Bilder allzu selbstverliebt. So bringt er die Figuren dem Zuschauer eben nicht näher, sondern entfernen sie sich immer mehr. Warum Viktor ausgerechnet in Nina eine Chance sieht, sein Dasein als Killer aufgeben zu können, wird nur vage begründet. Nadja Uhl hat jedenfalls nicht den Zauber einer Catherine Deneuve, die Yapo womöglich vorschwebte. Es soll die Melodie sein, die sie im Schlaf summte und die seinen Gefühlspanzer aufbricht, wohl auch seine Erinnerung zurückbringt an seine Kindheit: Als Bub hat er den Mann gerichtet, der seine Eltern ermordet hatte.
Zudem sprechen alle Personen mit einer unterkühlten Mischung aus Tonlosigkeit und Theatralik, die keinem eine eigene, lebendige Persönlichkeit über die Optik hinaus verleiht. So ist Yapos überhöhte Killerballade am stärksten, wenn sie tatsächlich vollkommen lautlos bleibt - zumal der nervige elektronische Score nicht die sensiblen Momente hervorhebt, sondern den ohnehin spürbaren Thrill. Und so sehr man Respekt hat vor der Leistung von Joachim Król, der sich für die Rolle sichtbare Muskulatur antrainiert hat - ein Killer ist er nicht. Er lebte als Schauspieler gerade von Betonungen und Bewegungen. Hier wirkt er eingeschränkt.
Stilisierung ist eine Kunst, die leichthändig anmuten muss. Mennan Yapo hat es, zuweilen verkrampft, zu oft übertrieben. So bleibt "Lautlos" eine beachtliche Fingerübung, kenntnisreiches Handwerk, bei dem vereinzelt Brillanz aufflackert. Vielleicht wollte er gleich einen künstlerisch großen Wurf schaffen. Leider hat er damit die Chance vertan, einem größeren Publikum endlich mal einen echten, guten Thriller vorzuführen.
"Lautlos", BRD 2004. Regie: Mennan Yapo; Drehbuch: Lars-Olav Beier; Darsteller: Joachim Król, Nadja Uhl, Christian Berkel, Rudolf Martin, Lisa Martinek, Wilhelm Manske, Peter Fitz; Produktion: X Filme; Verleih: X Verleih; Länge: 90 Minuten; Start: 29. April 2004
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH