Von Oliver Hüttmann
Am Anfang blickt man weit in die Vergangenheit des Kinos. Die Bilder sind schwarzweiß, so wie 1931 in James Whales "Frankenstein", dem hier in den ersten zehn Minuten gehuldigt wird. Eine Menschenmenge mit Fackeln drängt aufgebracht zu einem Schloss, in dem der ebenso visionäre wie verrückte Wissenschaftler Dr. Frankenstein gerade einen Koloss aus Leichenteilen zum Leben erweckt. Mit seinem toten Schöpfer in den Armen flüchtet das Ungetüm schließlich in eine Windmühle, die der Mob in Brand setzt.
Am Anfang also ist Regisseur Stephen Sommers noch recht nahe dran am Vorbild. Doch am Ende des gesamten Films hat man das Gefühl, diese nostalgische Ästhetik war lediglich eine künstlerisch mäßige Abbitte, als habe er kurz an das stilistische Gespür von "Shadow of the Vampire" gedacht, einer kongenialen Liebeserklärung an Murnaus "Nosferatu", bevor er mit einem Seufzer in "Van Helsing" all die alten Gruselklassiker verramscht. Denn Sommers mag im Herzen ein Fan sein, im Kopf ist er ein kühl kalkulierender Popcornverkäufer.
Als solcher hat er für die Teenager mit bombastischer Effektekosmetik bereits "Die Mumie" aufgefrischt und gewinnbringend veräußert. Das Original mit Boris Karloff in der Titelrolle war 1932 ein Hit von Universal Pictures, die mit Bela Lugosi als "Dracula" (1931) von Tod Browning, "Der Wolfsmensch" (1941) und eben "Frankenstein" die Meilensteine des frühen Horrorfilms produziert haben. Nun hat Sommers den Fundus des Studios geplündert und den Monstern von einst ein digitales Update verpasst. Alle treten in "Van Helsing" auf und gegeneinander an. Ein Gipfeltreffen ähnlich dem der literarischen Legenden in "Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen". Dass Dr. Jekyll alias Mr. Hyde bei Sommers recht schnell als Erster draufgeht, mag daran liegen, dass die Erstverfilmung von Paramount stammt, nicht von Universal.
Die Hauptfigur im Filmtitel ist allerdings eher eine Randfigur. Van Helsing heißt der Arzt und Vampirexperte aus "Dracula", der immer ein wenig im Schatten von Bram Stokers Blutsauger stand. Bei Sommers ist der ältere Herr, den exzellente Schauspieler wie Laurence Olivier und Anthony Hopkins verkörpert haben, jetzt ein furchtloser Superheld des Actionkinos. Dargestellt von Hugh Jackman, dem Wolverine aus der Marvel-Comic-Verfilmung "X-Men", jagt und erlegt er das Böse als Agent im Auftrag des Papstes. Er trägt einen Schlapphut wie Indiana Jones, einen langen Ledermantel wie Wesley Snipes in "Blade" und raffinierte Waffen wie James Bond. Mit jenen hat "Van Helsing" letztlich mehr gemeinsam als mit den Schauerwerken.
Der Geheimdienstchef M ist hier der Kardinal von Paris, ein Mönch wird zum Gimmickerfinder Q. Und die Gefahr lauert noch einmal im Osten. Der Killer der Kirche wird instruiert, in Transsylvanien die natürlich heißblütige Anna (Kate Beckinsale) zu unterstützen. Sie ist die letzte Überlebende einer Adelsfamilie, die über Jahrhunderte gegen Dracula (Richard Roxburgh) gekämpft hat. Zuletzt wurde ihr Bruder in einen Werwolf verwandelt und steht nun im Bann des Obervampirs. Der sucht mit seinen drei Bräuten, die wie Fledermäuse herumflattern, nach Frankensteins Monster, weil dessen Energie irgendwie der Schlüssel dafür ist, um Draculas Kinder in ihren "Alien"-Eiern zum Schlüpfen zu bringen. Und das klingt nicht nur hanebüchen, es sieht auch so aus.
Nun wird von keinem Regisseur heute erwartet, einen Schwarzweißfilm zu drehen oder die Originale nachzubeten. Auch kann man an ein derartiges Actionspektakel keinen Maßstab wie Glaubwürdigkeit anlegen. Es soll Entertainment sein, um Spaß, Spannung und Schauwerte gehen. Doch genau dabei patzt Sommers. Er entwirft Filme, wie Frankenstein sein Monster erschuf. Er nimmt Versatzstücke populärer Filme, setzt alles zu einem wackeligen Konstrukt zusammen und jagt statt Stromstöße ungeheure Mengen von Bits und Bytes durch die Kulissen.
Und wie bei Frankensteins Monster ist das Ergebnis nicht gerade ansehnlich. Es gibt in "Van Helsing" nicht eine echte Landschaftsaufnahme. Und wurden ein, zwei Szenen doch in Prag gedreht, wirkt die Stadt noch weniger realistisch als die computergenerierten Monstrositäten. Zudem gehen die meisten visuellen Effekte in eintöniger Düsternis unter und kaschieren die mit Hochgeschwindigkeit geschnittenen Actionsequenzen, dass die CGI-Elemente ziemlich läppisch und die Kampfchoreographien einfallslos sind. "Van Helsing" ringt um Erinnerung, kreist permanent um Momente, die man schon vor Jahrzehnten besser gesehen hat. So bleibt alles nicht nur im Leerlauf, sondern verspürt man auch Leere im Kopf. Man muss schon sehr jung sein und allenfalls die Pokémons kennen, um davon beeindruckt zu sein.
So wiegt bei "Van Helsing" der Mangel an Seele, Witz und ordentlichen Dialogen dann doch schwerwiegend. Wenn die Effektemaschine mal still steht und sich die Augen etwas erholen, schmerzen die Ohren von den unfassbar unsinnigen Dialogen. "Ich war noch nie am Meer", sagt Anna einmal, als sei die schaurige Besinnlichkeit ebenfalls vom Rechner simuliert worden, um so ihre Romanze mit Van Helsing anzuschieben. Sie gibt sich forsch und kämpferisch und rennt dann meist doch nur weg, um von ihm gerettet zu werden. Kate Beckinsale, obwohl mit "Underworld" gerade in einer ähnlichen Rolle zu sehen, macht nicht mehr als eine schöne Figur. Und Hugh Jackman blickt nur sauertöpfisch, irritiert, ja fast schon überfordert. Sogar beim erwartungsgemäßen Kuss ("Pass auf dich auf") können die beiden kaum miteinander etwas anfangen.
Dagegen wirkt Frankensteins Monster, das vor 70 Jahren kaum ein Wort herausgebracht hatte, diesmal geradezu überraschend eloquent.
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