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01.07.2004
 

Jan Kounens "Blueberry"

Im Westen was Neues

Von Andreas Borcholte

Übler Drogentrip oder geniale Western-Dekonstruktion? Jan Kounens Kino-Adaption der Comic-Reihe "Blueberry" polarisiert und verstört. Frankreichs junge Filmemacher nehmen auf Sehgewohnheiten keine Rücksicht mehr.

Szene aus "Blueberry" (mit Vincent Cassel):  Sensibelchen auf Selbstfindungstour
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Tobis

Szene aus "Blueberry" (mit Vincent Cassel): Sensibelchen auf Selbstfindungstour

"Das französische Kino ist sehr seltsam. Einerseits versuchen wir, Hollywood-Filme zu kopieren, andererseits möchten wir etwas Künstlerisches schaffen. Auf diese Weise entstehen so merkwürdige Filme wie der mystische Western 'Blueberry'. Niemand in Amerika würde Geld in etwas Derartiges investieren, noch dazu mit einem Regisseur, der als verrückt gilt."

Aus diesem Zitat des französischen Filmemachers Mathieu Kassovitz spricht leiser Spott, aber auch heimliche Bewunderung. Während Kassovitz derzeit versucht, mit Hollywood-Auftragsproduktionen wie dem Horrorthriller "Gothika" vor allem Geld zu machen, sammelte sein Kollege Jan Kounen in Frankreich rund 40 Millionen Euro für sein ambitioniertes "Blueberry"-Projekt zusammen - eine stattliche Summe für eine europäische Produktion. Leider blieb dem prestigeträchtigen Euro-Western der große Erfolg verwehrt. Selbst in Frankreich lockte "Blueberry" seit Februar nur eine knappe Million Zuschauer in die Kinos. Heute läuft Kounens eigenwillige Verfilmung des gleichnamigen Western-Comics mit einigen wenigen Kopien in Deutschland an. Ein kommerzieller Flop auf ganzer Linie.

Dabei war das Anliegen des 40-jährigen Niederländers durchaus ambitioniert, zu sehr vielleicht für den Massengeschmack. Die Comicvorlage gehört zu den bekanntesten Werken des belgischen Zeichners Jean Giraud, der allerdings eher unter dem Pseudonym Moebius und für seine Kreation psychedelischer Science-Fiction-Welten bekannt ist. Mit "Leutnant Blueberry" hatten Giraud und Texter Jean-Michel Charlier in den siebziger Jahren jedoch eine eher bodenständige Figur erschaffen, die im "Wilden Westen" brutale, aber durchaus weltliche Abenteuer besteht.

Regisseur Kounen (r., mit Darstellern Cassel und Lewis in Monaco): Genre-Dekonstrukteur und Irritator
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AP

Regisseur Kounen (r., mit Darstellern Cassel und Lewis in Monaco): Genre-Dekonstrukteur und Irritator

Zeichenstil und Dramaturgie der populären Comic-Reihe haben nichts mit späteren Moebius-Phantasmen wie "John Difool" oder "Die hermetische Garage des Jerry Cornelius" gemeinsam. "Blueberry" zitiert die großen Pferdeopern der Ford-Ära, aber auch die zynischen Einzelgänger-Szenarien des Spaghetti-Western.

Ein Western aus Frankreich? Allein die Absurdität dieser Idee musste Kounen gereizt haben. Gleich mit seinem ersten Spielfilm, dem kruden, überstilisierten Gewalt-Dramolett "Dobermann" (1997), hatte sich der Filmemacher als Genre-Dekonstrukteur und Irritator eingeführt. Für "Blueberry" wechselte Kounen nun vom Thriller- ins Westernressort, aber natürlich nicht, ohne die Strukturen des amerikanischen Ur-Genres gehörig durchzurütteln.

Die Story ist schnell erzählt: Mike S. Blueberry, einst Bürgerkriegsleutnant, jetzt Marshall einer kleinen Stadt im Südwesten der USA, macht seit Jahren Jagd auf den Gangster Wally Blount. Nicht so sehr motiviert durch hehre Gesetzeshütertugenden, sondern vorrangig durch Rache: Blount war einst mitverantwortlich für den Tod einer von Blueberry geliebten Hure. Im Zuge der eher nachlässig erzählten Geschichte kreuzen sich die Wege der beiden Kontrahenten erneut, es kommt zum Showdown im Inneren eines heiligen Bergs der Indianer.

Schamanen-Szene aus "Blueberry": Drogen-Trip als Selbstfindungsmaßnahme
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Tobis

Schamanen-Szene aus "Blueberry": Drogen-Trip als Selbstfindungsmaßnahme

Wie bei Giraud ist Blueberry auch hier ein Antiheld. Weil er die Sprache der Indianer beherrscht, gilt der Marshall bei seinen Schutzbefohlenen als Sonderling und Außenseiter. Doch damit genug der Gemeinsamkeiten zwischen Comic und Film. Kounens Story soll zwar auf den beiden "Blueberry"-Bänden "Die vergessene Goldmine" und "Das Gespenst mit den goldenen Kugeln" basieren, doch ging es dem Regisseur offensichtlich nur am Rande darum, eine Comicverfilmung im klassischen Sinne abzuliefern.

Er habe nach "Dobermann" eine Kehrtwendung machen wollen, erzählte der Regisseur unlängst in einem Interview. Sein alter und neuer Hauptdarsteller Vincent Cassel habe ihn mit den Schriften des Ethnologen und Mystikers Carlos Castaneda vertraut gemacht, woraufhin er beschloss, eine Geschichte über kulturelle Gegensätze und Verschmelzungen zu drehen. Mehrere Jahre lebte Kounen in Peru mit Schamanen des Indio-Stammes Shipibo-Conibo zusammen. Am Ende heuerte er die Zauberer sogar als Berater bei den Dreharbeiten an und erhob den Schamanismus zum zentralen Motiv seines Films.

So beginnt "Blueberry" zwar mit opulenten, Western-typischen Prärie-Totalen, schon bald jedoch merkt man, dass das Saloon- und Steppen-Setting nur Staffage ist. Blueberry, von Cassel nicht wie bei Giraud als knurriges Raubein, sondern als schmächtiges Sensibelchen dargestellt, begibt sich nur äußerlich auf die Suche nach Blount (Michael Madsen), in Wahrheit sucht er nach sich selbst und den verschütteten Dramen seiner Vergangenheit. Dabei bedient sich Blueberry der magischen Kräfte seiner Indianerfreunde. Zweimal schluckt er im Laufe des Films ein Drogen-Gebräu aus Magic Mushrooms und anderen Ingredienzien, das ihn auf der spirituellen Ebene mit seinem eigenen Unterbewusstsein vereint.

Noé-Film "Irréversible" (mit Vincent Cassel): Revolutionäre Kameraperspektive
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Alamode Film

Noé-Film "Irréversible" (mit Vincent Cassel): Revolutionäre Kameraperspektive

Auf dem zweiten Trip muss er sich nicht nur seinen eigenen Dämonen stellen, er trifft dort auch den ebenfalls unter Drogen gesetzten Blount zur finalen Schlacht. Kounen erhebt diese psychedelischen Sequenzen zu Angel- und Höhepunkten seines Films. Mittels digitaler Technik stattet er die Drogendelirien mit allerlei schlängelnden Phantasie-Reptilien und Skorpionen aus, entwirft Spirographen-Muster und geometrische Formen in Gold und Braun, die sich ständig überlappen und überblenden. Man wähnt sich bald nicht mehr im Western, sondern in einer obskuren Vermählung von "Fear And Loathing In Las Vegas" und Kubricks "Odyssee im Weltraum".

Hier wird kräftig deformiert, das zeigt sich schon allein daran, dass Kounen den klassischen Western-Showdown, das finale Duell zwischen Gut und Böse, von der staubigen Mainstreet ins Reich der Drogen-Halluzination verlegt. Während er jedoch das Genre damit verformt, fügt er gleichzeitig die beiden unterschiedlichen Comic-Identitäten von Giraud und Moebius zusammen.

Dass "Blueberry" trotzdem scheitert, ist den handwerklichen Schludereien geschuldet: Längen, unmotivierte Dialoge und zahlreiche Logik-Fehler führen dazu, dass der über zwei Stunden lange Film zur Geduldsprobe wird. Die verwendete CGI-Technik erinnert oft unangenehm an den digitalen Overkill der dritten "Matrix"-Episode. Neben dem fahrig und unkonzentriert wirkendem Cassel und dem gewohnt stoischen Madsen bevölkern zudem viele überflüssige Nebenfiguren den Film, die zum Teil unnötig prominent (Juliette Lewis, Tcheky Karyo, Eddie Izzard, Djimon Hounsou) besetzt sind. Ein freudiges Wiedersehen gibt es immerhin mit Hollywood-Veteran Ernest Borgnine als Senior-Sheriff, der seine Schrotflinten im Rollstuhl versteckt.

"Blueberry"-Stars Cassel, Borgnine: Saloon- und Steppen-Setting als Staffage
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Tobis

"Blueberry"-Stars Cassel, Borgnine: Saloon- und Steppen-Setting als Staffage

Böse Zungen behaupten, Regisseur Kounen und Darsteller Cassel hätten bei den Dreharbeiten selbst zu viele Psycho-Drogen geschluckt und am Ende den Überblick verloren. Der Selbstfindungs-Odyssee der Filmemacher wurde wichtiger als der innere Zusammenhang des Films. Dennis Hopper und sein unseliger Ego-Koller "The Last Movie" fällt einem dabei ein, der 1971, zur Hochzeit der New-Hollywood-Pioniere entstand.

Der Vergleich passt, denn auch wenn "Blueberry" als misslungen gelten muss, gehört Jan Kounen zu einer neuen Generation französischer Filmemacher der Post-Besson-Ära, die das amerikanische Blockbuster-Schema mitsamt seinen Action- und Effektspektakeln als Basis für ihre persönliche Vision benutzen. Wie Kounen bediente sich im vergangenen Jahr auch Gaspar Noé in seinem verstörenden Rache-Drama "Irréversible" der Errungenschaften digitaler Technik und bettete sie in einen völlig neuen Kontext ein.

"Irréversible" wurde vor allem wegen seiner 15-minütigen Vergewaltigungs-Sequenz kritisiert und zum Skandalfilm erhoben, doch das eigentlich Radikale des Films (ebenfalls mit Vincent Cassel in der Hauptrolle) ist seine revolutionäre Kameraperspektive: Mit Hilfe digitaler Tricks wird die Schwindel erregende Illusion ständiger Kamerabewegung um die eigene Achse erzeugt. Ein Effekt, der eine bis unbekannte Subjektivität und Beklemmung erzeugt, dem Zuschauer allerdings auch einiges an Nerven und Durchhaltevermögen abverlangt.

Auch "Blueberry" stellt den Kinogänger mit seinen digital inszenierten Drogendelirien auf eine harte Probe. Der Mut des Filmemachers und seiner Geldgeber, mit Seh- und Konsumgewohnheiten zu brechen, um eine neue Ästhetik und Filmsprache zu erfinden, muss dennoch honoriert werden. Jan Kounen, das zeigt er mit seinem sehr persönlichen und experimentellen Film, steht erst am Anfang einer viel versprechenden Karriere.


Blueberry und der Fluch der Dämonen (Blueberry - L'expérience secrète)


Frankreich/Mexico/USA 2004. Regie: Jan Kounen. Drehbuch: Matt Alexander, Gérard Brach, Jan Kounen. Darsteller: Vincent Cassel, Michael Madsen, Juliette Lewis, Ernest Borgnine, Eddie Izzard, Djimon Hounsou. Produktion: TF1 Films Productions, Crystalcreek Ltd., La Petite Reine u.a.. Verleih: Tobis. Länge: 124 Minuten. Start: 1. Juli 2004

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