Filmfestspiele Venedig
Das süßeste Kinn der Welt
Aus Venedig berichtet Wolfgang Höbel
Das Journalistenleben ist ein Quiz, und wir sind nur die Kandidaten: Während Steven Spielberg, Michael Mann und Jonathan Demme Hollywood nach Venedig verlegen, wird man für Interviews mit Stars wie "Vanity Fair"-Hauptdarstellerin Reese Witherspoon nicht mehr akkreditiert - man muss sich "nominieren" lassen.
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"Vanity Fair"-Darstellerin Witherspoon (r. mit James Purefoy): Anmutige Rotbackigkeit
Fangen wir mit den ekelhaften Dingen an - damit die Menschen, die nicht in Venedig sein dürfen, nicht allzu neidisch werden: Gut, die Sonne scheint von einem makellos blauen Himmel; über das grün schillernde Wasser der Lagune blickt man vom Lido aus auf eine durch die Gewitter zu Wochenanfang blitzblank geputzte Stadt. Fröhliche und zumeist verblüffend junge Zaungäste freuen sich vor dem Festivalpalast über die Ankunft von Stars wie Meryl Streep, Tom Hanks, Denzel Washington und John Travolta. Nur, machen wir uns nichts vor: Für Journalisten sind Filmfestivals immer auch Orte, an denen sie rituell gedemütigt, zur Schnecke gemacht und wie lästige Bittsteller behandelt werden.
Wehe, man trägt sich mit der verwegenen Idee, einen der angereisten britischen oder amerikanischen Schauspieler oder Regisseure zu interviewen - dann nämlich muss man sich ins Büro einer der britischen oder amerikanischen Filmbetreuungsagenturen begeben und sich anreden lassen, als sei man der letzte Idiot.
Als die arrogantesten waren mir schon von früheren Festivals die Mitarbeiter der Agentur DDA in Erinnerung, die diesmal im Hotel des Baines ihr Büro eingerichtet haben. Mit schroffer Stimme und eiskaltem Blick blafft mich dort eine Agenturfrau an, dass sie schon wisse, dass ich für ein Interview mit Reese Witherspoon, die in Mira Nairs Klassikerverfilmung "Vanity Fair" die Hauptrolle spielt, "nominiert" sei. Nominiert? Das ganze Journalistenleben ist ein Quiz, und wir sind nur die Kandidaten: Es geht gar nicht darum, dass das Interview natürlich nie zustande kommen wird. Es geht darum, auf welch blasierte, abstoßende, grob unhöfliche Weise die Frau es einem tags darauf mitteilt: Als spucke sie dem nichtswürdigen Bettelmann ins Gesicht.
60 golden beflügelte Löwen auf Säulen
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Regisseur Spielberg, Darsteller Hanks in Venedig: Die Zuschauer für zwei Stunden in eine schönere, glücklichere Welt entführen
Jetzt aber Schluss mit dem Tagebuchgejammer und her mit dem Festivaljubel: Die Eröffnung der 61. Filmfestspiele mit Steven Spielbergs "Terminal" am Mittwochabend war eine nette Party, die durch den Protest und eine ulkige "Strandbesetzung" durch ein paar Dutzend Globalisierungsgegner eher aufgelockert als gestört wurde.
Der neue Festivalchef Marco Mueller hat's offenbar mit dem Pomp. Erstens hat er 60 goldene beflügelte Löwen auf hohen Säulen vor dem Palast aufstellen lassen, was eher lachhaft aussieht. Zweitens erfüllten ihm viele Eröffnungsgäste seinen Wunsch nach feierlicher Kleidung und kamen in Smoking und Glitzerrobe. Drittens ließ er ein paar Raketen in den noch hellen Abendhimmel böllern. Und viertens bewachten so viele Carabinieri und andere Uniformierte die Zeremonie, dass die Show aus manchen Winkeln an eine Truppenparade erinnerte.
Noch mehr amerikanisches Eskapismuskino
Egal, Spielbergs Flughafen-Märchen "Terminal" erweist sich als voll funktionsfähiges Rührstück: Tom Hanks, der im Scheinwerferlicht von Venedig noch zerknautschter aussieht als im Film, müht sich in der Rolle des kaukasischen Gemütsmenschen, der auf einem US-Flughafen monatelang festsitzt, um Slapstickeinlagen im Stil von Charlie Chaplin. Das ist zwar überhaupt nicht lustig, aber sehr sympathisch. Außerdem passt Catherine Zeta-Jones die Stewardessen-Uniform ganz vorzüglich, so dass man sich fragt, warum sie unbedingt Schauspielerin werden musste. Das Schönste an Spielbergs Film ist sein Optimismus, der herzerwärmende Kinderglauben, dass alle Menschen Freunde sein können. Fast trotzig sagt der Regisseur dann auch bei seiner Pressekonferenz, dass er es nicht verwerflich, sondern toll finde, wenn Filme ihre Zuschauer für zwei Stunden in eine schönere, glücklichere Welt entführen.
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"Manchurian Candidate"-Darsteller Schreiber: Monumentaltheater im Format griechischer Tragödien
Deshalb kopfüber hinein in noch mehr amerikanisches Eskapismuskino: Der Thriller-Virtuose Michael Mann präsentiert - ebenso außerhalb des Wettbewerbs wie Spielbergs Eröffnungsfilm - sein neues Werk "Collateral". Tom Cruise spielt einen Profikiller, der sich von einem schwarzen Taxifahrer (Jamie Foxx) durch Los Angeles kutschieren lässt und nacheinander rund ein Dutzend Menschen abmurkst. Der Star des Films ist die nächtliche Stadt, die der Regisseur in großartigen, funkelnden Bildern zeigt. Es ändert nichts an der Pracht, dass der Film mit Digitaltechnik gedreht wird, aber es sorgt dafür, dass der hier plötzlich grauhaarige Bösewicht Cruise und sein Widersacher in vielen Einstellungen aussehen, als seien sie animiert und die Helden eines Computerspiels.
Es gibt Leute, die mäkeln an der Story des Films: Wie kommt ein Profikiller darauf, einen Taxifahrer als Geisel zu nehmen? Kann sich der mit allen Waffenschikanen ausgerüstete Mann keinen Leihwagen leisten oder hat er keinen Führerschein? Es gibt auch Leute, die finden Tom Cruise nicht schurkisch genug (tatsächlich scheint er oft milde zu schmunzeln). Trotzdem gelingt Michael Mann packendes Actionkino - und die Diskothekenschießerei kurz vor Schluss inszeniert er mit einer geradezu musikalischen Eleganz.
Bruno Ganz murkelt durch einen Nebenpart
Jonathan Demmes "The Manchurian Candidate" ist der dritte große Amerikaner, der zu Beginn des Festivals (und abermals außer Konkurrenz) in Venedig zu sehen ist - und obwohl Demme einen gleichnamigen Film aus Hollywoods Nachkriegskino variiert, erzählt er eher Eskapismus-unverdächtig vom aktuellen amerikanischen Politikgeschäft.
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"Collateral"-Star Cruise: Nicht schurkisch genug?
Eine taffe Senatorin (Meryl Streep) will gemeinsam mit einem Riesenkonzern namens Manchurian (den man keinesfalls mit echten Konzernen wie Halliburton verwechseln sollte) ihren eigenen Sohn zum Vizepräsidenten der USA machen und dann den Präsidenten abmurksen lassen. Um den Kandidaten (Liev Schreiber) mit einer in Amerika fast immer unwiderstehlichen Kriegsheldenlegende auszustatten, hat man im Golfkrieg des Jahres 1991 den Kandidaten selbst und ein paar Soldaten in einem Spezialcamp der Gehirnwäsche unterzogen. Einer von diesen Mitkämpfern (Denzel Washington) macht sich nun auf, das große Verschwörungskomplott aufzudecken.
Demmes Film quält sich, die Helden und die Zuschauer ein bisschen mit den nur sehr allmählich zurückkehrenden Erinnerungs-Fetzen seiner Helden, aber die US-Politik zeigt er als Monumentaltheater im Format griechischer Tragödien. Verblüffend ist, wie sich Bruno Ganz als eine Art durchgedrehter Professor durch einen Nebenpart murkelt - weil man den Mann schon jetzt fast ständig als Hitler-Darsteller vor Augen hat und sich die Rolle des bösen Adolf über die Ganz-Bilder im "Manchurian Candidate" schiebt.
Zum Schluss noch zurück zu Reese Witherspoon und "Vanity Fair". Mira Nairs Film läuft im Wettbewerb und ist wunderhübsch anzuschauen. Die indische Regisseurin schwelgt im englischen Großstadtschmutz, in der englischen Landschaft und in der englischen Adels- und Bürgerwelt des frühen neunzehnten Jahrhunderts - aber anders als etwa Ang Lee schafft sie es nicht, aus der Distanz ihrer Herkunft poetische Kraft in die sehr gemächliche Literaturverfilmung zu zaubern. Witherspoon spielt die aus ärmsten Verhältnissen nach oben strampelnde und schließlich strauchelnde Heldin mit anmutiger Rotbackigkeit und dem süßesten Kinn der Welt.
Bestimmt hätte man sich im Interview ausgezeichnet mit ihr darüber unterhalten können, warum "Vanity Fair" als Buch noch ein wenig spannender ist als in dieser Filmversion. Ob mich das Schicksal oder der Agentenhaufen von DDA für so eine schöne Interviewaufgabe je wieder nominiert?
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