"Collateral" Die kalten Augen von L.A.
Von Oliver Hüttmann
Im Thriller "Collateral" spielt Tom Cruise erstmals einen Killer. Bei Regisseur Michael Mann ("Heat") gehört die Hauptrolle aber nicht dem Superstar, sondern dem mit viel Stilwillen und faszinierenden Farben verfremdeten Moloch Los Angeles.

UIP
Hollywood-Star Cruise in "Collateral": Richtig böse
Tom Cruise hat mal wieder einen Film gedreht. Es ist sein siebenundzwanzigster in zwei Jahrzehnten, während der er zum erfolgreichsten Schauspieler neben Tom Hanks aufgestiegen ist. Weil er also hohe Einspielergebnisse garantiert, freuen sich vor allem Kinobetreiber, wenn ein neuer Film mit Cruise angekündigt wird. Bei Filmkritikern indes bleibt er umstritten. Sie finden ihn endlich mal gut oder noch immer schlecht. So geht das jedes Jahr. Bei "Collateral" wird um ihn allerdings mehr Aufhebens gemacht, als man es vom üblichen Hype um den Superstar kennt. Denn Cruise ist in dem Thriller von Michael Mann erstmals böse. Richtig böse.
Cruise spielt einen Killer und damit jene Rolle, für deren abgründigen Fatalismus man zwar Faszination, aber nicht unbedingt Sympathie empfindet. Diese eiskalten Todesengel haben von Alain Delon über Lee Marvin bis zu Anthony Hopkins aus geachteten Schauspielern erst Ikonen gemacht. Publikumslieblinge wie Tom Cruise und Tom Hanks, die als Helden oder kämpferische Außenseiter die Sehnsucht des gewöhnlichen Zuschauers verkörpern, wollten mit einer solchen Figur nicht ihren Ruf riskieren. Hanks, der immerhin schon mit zwei Oscars prämiert wurde, hat es in "Road to Perdition" schließlich doch gewagt. Eine Altersfrage: Er konnte nichts mehr verlieren. Cruise wiederum hofft, endlich den Oscar zu gewinnen.
"Collateral" funktioniert wie Jazz
Und so legt sich Cruise als Profimörder Vincent auch ordentlich ins Zeug: Ein grauer Anzug, graumelierte Haare und stählern anmutende Bartstoppeln machen optisch aus dem Sunnyboy einen Eisschrank. In der Dämmerung von Los Angeles steigt er ins Taxi des Schwarzen Max (Jamie Foxx), der nach dieser Fahrt eigentlich Feierabend hat. Doch Vincent bietet ihm 500 Dollar. Dafür soll Max ihn nacheinander auf dem schnellsten Weg zu fünf Adressen bringen. Er sei Immobilienmakler, müsse mehrere Deals abschließen. Bereits beim ersten Stopp fliegt seine Tarnung auf: Ausgerechnet aufs Dach von Max' Wagen knallt ein Mann, den Vincent aus dem Fenster eines Mietshauses gestoßen hat. Tatsächlich soll Vincent fünf Kronzeugen beseitigen, die am nächsten Tag im Prozess gegen einen Drogendealer aussagen würden.

Szene aus "Collateral" (mit Tom Cruise und Jamie Foxx): Duell auf dem Schachbrett Los Angeles
Die Story gehört zu jener Sorte, die man auf einer Serviette skizzieren könnte. Der Produzent Jerry Bruckheimer hätte daraus mit jedem beliebigen Regisseur einen Actionreißer gedreht, in dem sekündlich Autos, Gags und schwere Waffen aufeinander krachen. Dies aber ist ein Film von Michael Mann, der Bewegung nicht linear verfolgt und Spannung aus der Ästhetik zieht. "Collateral" funktioniert wie Jazz, den Vincent in einer Nachtbar hört, wo sein drittes Opfer als Trompeter auftritt.
Mann hat eine verschlungene Komposition aus Kameraperspektiven und Montagen geschaffen, deren schleppender Rhythmus fesselt und noch die banalste Stelle des Plots zum magischen Moment stilisiert. Die Wucht einer Schießerei in einer überfüllten Disko bändigt er mit Zeitlupe, stets unterbrochen von kurzen Szenen im normalen Tempo, was die Hektik dieser Situation nur noch verstärkt, während dazu beständig ein Elektrobeat hämmert. Das fühlt sich an, als erwache man für einen Wimpernschlag aus einer Hypnose.
Körnige, kühle Farbenpracht
Gedreht auf digitalem Videomaterial, entsteht so ein verfremdetes Panorama von Los Angeles. Die Stadt ist bei Michael Mann nicht Kulisse, sondern der eigentliche Hauptdarsteller, der Vincent und Max zu einsamen Statisten macht und gleichzeitig ihr Duell spiegelt. Wie ein Schachbrett sieht L.A. aus, als die Kamera einmal über den Hochhausblocks schwebt. Eine körnige, kühle Farbenpracht aus Neon, gleißenden Laternen und weit entfernt glitzernden Lichtern bestimmt die fluoreszierende Atmosphäre. Es ist ein unwirklicher, fahler Ort mit meist menschenleeren Straßen, über die Kojoten huschen, und mit Seitengassen, in die sich allenfalls Kleingangster verirren, die Vincent auch noch erschießt. Zweimal in die Brust, einmal in den Kopf, so macht er es immer.
Max fürchtet selbstverständlich auch um sein Leben, verwickelt Vincent vergeblich in einen moralischen Disput und versucht schließlich, dessen geplante Morde zu vereiteln. Plausibel ist das nicht immer. Weshalb
flüchtet Max mit Vincents Laptop, auf dem alle Daten für die Mordtaten sind, trotz großen Vorsprungs eher ziellos statt zu seinem in der Nähe geparkten Auto? Wieso legt Vincent den lästigen Mitwisser nicht auch sofort um und
steigt in ein anderes Taxi? Warum nimmt er überhaupt ein Taxi? Jeder gehobene Mietwagen ist mit einem System ausgerüstet, das ihn problemlos zu den Adressen leiten würde.

UIP
"Collateral"-Kontrahenten Cruise, Foxx: Für wenige Minuten ein Actionfilm
Doch Mann kaschiert die Schwächen der Story mit überwältigenden Bildern. Es scheint für einen Perfektionisten wie Vincent zwar auch unnötig riskant, dass er Max zum Besuch von dessen Mutter (Irma P. Hall) begleitet. Aber das ist eher ein Machtspiel als ein
Anflug von Menschlichkeit. Vincent ist es gewohnt, sich gegen jeden durchzusetzen. So zwingt der Zyniker den sanften Max auch dazu, dass jener seinen Chef in der Zentrale über Funk ein Arschloch nennt.
"Collateral" reicht nicht ganz an Manns Meisterwerke wie "Heat" (1995) und "The Insider" (1999) heran. Aber er hat auch hier wieder einem Stoff, an dem er mit zwei Drehbuchautoren basteln musste, seinen Stilwillen und sein Thema von zwei rastlosen Männern aufgezwungen. In "Heat" sind Robert De Niro und Al Pacino, bei "The Insider" Pacino und Russell Crowe die Getriebenen, deren Charaktere sich mehr durch visuelle Motive als durch Dialoge erschließen. Es ist die Umgebung, die sie prägt. Bei Max ist es sein Wagen, in den er am Anfang steigt. Extreme Zooms und Ausschnitte zelebrieren geradezu seine liebevolle Haltung zu dem Taxi. Geduldig beginnt die Fahrt, und auch mit Vincent im Fond steigert Mann kaum die Geschwindigkeit. Erst im Schlussakt, als Max gänzlich seine Angst überwindet und aufs Gaspedal drückt, wird "Collateral" für wenige Minuten zu einem Actionfilm, wie man ihn von Cruise kennt.
Mit Michael Mann hat Tom Cruise sich wieder einmal für einen Regisseur entschieden, der ihn besser aussehen lässt, als sein Talent es verheißt. Schon über seine Besetzung als Lestat in Neil Jordans "Interview mit dem Vampir" hatte sich die Romanautorin Anne Rice beklagt. Unverständlich schien, dass Stanley Kubrick ihn für "Eyes Wide Shut" engagierte. Aber Cruise hat seine Sache immer ordentlich gemacht. Als Killer Vincent ist er makellos, aber keine Sensation. "Collateral" ist ein Film, nach dem man fasziniert über alles sprechen wird, nur nicht über Tom Cruise.
Collateral
USA 2004. Regie: Michael Mann. Drehbuch: Stuart Beattie, Frank Darabont, Michael Mann. Darsteller: Tom Cruise, Jamie Foxx, Jada Pinkett Smith, Mark Ruffalo, Irma P. Hall. Produktion: DreamWorks, Paramount, Edge City Films. Verleih: UIP. Länge: 120 Minuten. Start: 23. September 2004
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