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30.09.2004
 

"Aufschneider - In the Cut"

Der feuchte Film

Von Wiebke Brauer

Sex, Lügen und Tabus: In Jane Campions freizügigem Erotik-Thriller "Aufschneider" verfängt sich Meg Ryan als verklemmt-enthemmte Lehrerin in einem Geflecht aus Begierde und Bedrohung.

Meg Ryan in "Aufschneider": Fischäugig und maushaarig
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Meg Ryan in "Aufschneider": Fischäugig und maushaarig

Das Gesicht des Mannes liegt im Dunkeln, der Kopf der Frau in seinem Schoß. Gut zu erkennen ist nur die tätowierte Pik drei auf seinem Handgelenk und die Finger mit den blau-metallischen Nägeln der Dame, die sich um seine Erektion schließen. Hinter dem Türrahmen versteckt beobachtet eine unscheinbare, bebrillte Frau so erschrocken wie fasziniert die Szene. Dabei hatte sie doch nur die Toilette gesucht und sich in den Kellerräumen der Bar verirrt. Die Voyeurin ist Meg Ryan.

Schon hat Regisseurin Jane Campion mit einigen ungeschriebenen Gesetzen des amerikanischen Hollywood-Kinos gebrochen: Männliche Geschlechtsteile zeigt man nicht, Frauen sind keine Spanner, und Sonnenschein Meg Ryan ("Schlaflos in Seattle") schon gar nicht. Wie irritierend, wie unschicklich.

Vom Tisch-Orgasmus zur waschechten Sex-Szene


Dabei ist die Geschichte des Films "Aufschneider" nicht bahnbrechend neu: Franny Avery (Meg Ryan) ist Englisch-Lehrerin in New York und wird von Detective Malloy (Mark Ruffalo) zu einem gräuslichen Mordfall befragt. Die Krux an der Geschichte: Franny beginnt eine Affäre mit ihm, bei dem Opfer handelt es sich um die dienstbare Dame mit den blauen Fingernägeln, und Malloy trägt die tätowierte Pik drei an besagter Stelle. Er leugnet das Intermezzo, dazu kommen weitere verdächtige Subjekte in Frannys Umfeld: Der neurotische Ex stellt ihr auf das Unangenehmste nach, das Lieblingsthema ihres Schülers Cornelius ist der Serienmörder John Wayne Gacy, die Semesterarbeit über sein Steckenpferd beliebt er mit Blut zu illustrieren. Das kann nicht gut gehen, insbesondere, weil alsbald weitere Leichen auftauchen.

Szene mit Meg Ryan: Bruch mit dem süßlichen Image
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Szene mit Meg Ryan: Bruch mit dem süßlichen Image

Dass Frauen im Thriller-Genre wie Opferlämmer gleich reihenweise ans Messer geliefert werden, ist keine Novität. Dass sich die Hauptverdächtigen in nächster Nähe der Protagonistin tummeln, liegt ebenfalls nahe. Aber dass Meg Ryans bloße Brüste einen unübersehbaren Teil des Films mehr oder weniger ausfüllen, entspricht nicht dem gewohnten Bild. Durch den Film "Aufschneider" wollte sie mit ihrem süßlichen Image brechen - ein von Erfolg gekrönter Versuch. Statt mit lustigen Locken und keckem Näschen präsentiert sie sich nun fischäugig und maushaarig, und sie träumt nicht nur von hartem Sex, sie praktiziert ihn auch. Der simulierte Restaurant-Tisch-Orgasmus aus "Harry und Sally" ist zu einer waschechten Sex-Szene geworden.

New York ist feindselig


Genau in die Kerbe des Unmoralischen schlug schon 1995 die Romanvorlage des erotischen Thrillers. Das Buch mit dem unübersetzbaren Titel "In the Cut" von Susanna Moore, die auch am Drehbuch mitschrieb, schlug in den Vereinigten Staaten Wellen ob seiner drastischen Schilderung von weiblicher Begierde und unverschnörkeltem Sex. Skandalös fand man, dass sich die Hauptdarstellerin durch vermeintlich männliche Attribute auszeichnete. Bei Männer betrachtet man körperliches Verlangen als normales Brunftverhalten, bei Frauen gilt es als schamlos. Dann nennt man es Pornografie.

Leicht hätte aus der umstrittenen Vorlage ein zweiter "9 1/2 Wochen" werden können, wenn die Regisseurin nicht Oscarpreisträgerin Jane Campion ("Das Piano", "Portrait einer Lady") wäre. Unerfüllte Wünsche der weiblichen Spezies sind ihre Spezialität, und so vermag sie es in "Aufschneider", eine kalte Kulisse mit klaffenden Sehnsüchten zwischen Romantik und Sex zu füllen. New York ist feindselig, fast alle Bilder des Films sind mit der Handkamera gefilmt, hektisch bei Tag, düster bei Nacht. Die Farbe rot ist allgegenwärtig, ob als sündhaftes Symbol in Form eines Frauenkleides, als Blut oder amerikanische Flagge. Fast immer verheißt der Farbton eine Bedrohung, selbst in der golden-heilen und intimen Welt, die Franny mit ihrer Halbschwester Pauline (Jennifer Jason Leigh) teilt, bricht sich die Farbe Bahn.

Zwielichtiger Cop Malloy (Mark Ruffalo): Derb, aber nicht ungalant
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Zwielichtiger Cop Malloy (Mark Ruffalo): Derb, aber nicht ungalant

Blutrünstig ist der Film zwar, gewalttätig jedoch nicht. Auch wenn Malloy vor der Waschmaschine sitzt, aus der die Kriminaltechniker einen Frauenarm fischen und mit Filmblut nicht gespart wird - jeder "Tatort" am Sonntag um viertel nach acht ist inzwischen brutaler. Dazu kommt, dass die Krimi-Handlungsebene nicht den wichtigsten - und schon gar nicht den besten - Bestandteil des Films ausmacht. Zu offensichtlich sind die Hinweise und der Aufbau des "Whodunit"-Prinzips, zu überflüssig der Showdown.

Flüssigkeiten jeglicher Couleur


"Aufschneider" brilliert eher in der Darstellung der feindlichen männlichen Welt, in der Männer meist unterschwellig sexuell bedrängend und immer unberechenbar sind. So sammelt Frannys Ex (herrlich manisch: Kevin Bacon) in Ärztekluft plus roter Jacke erst mit einem OP-Handschuh die Ausscheidungen seines Nackthundes vom Bürgersteig auf, um dann zu explodieren, als sie sich weigert, auf seinen Hund aufzupassen. Die Frauen in "Aufschneider" sind verlorene Träumerinnen. In den Gesprächen des Geschwisterpaars ist Romantik ein allgegenwärtiger Wunsch, Pauline sinniert jedoch, dass sie sich zwar an jeden sexuellen Wunsch ihrer Liebhaber erinnern könne, an ihre eigenen jedoch nicht.

Frannie hat sexuelle Wünsche, aber ein gutes Omen ist das beileibe nicht. Im Film werden Frauen oftmals für ihre körperlichen Sehnsüchte oder für den Vollzug mit dem Tod bestraft, Frannys Verlangen nach einem eventuellen Mörder setzt dieses Gesetz sehr präzise um. Ihre Unterwerfung ist komplett, die Gefahr dräut. Dass diese Konstellation funktioniert, ist insbesondere Mark Ruffalo als kerligem New Yorker Cop zu verdanken. Seine Avancen sind zwar derb, aber nicht ungalant: "Ich kann alles sein, was du willst." Im Laufe der Zeit verzweifelt er an einer immer hysterischer werdenden Franny. Sie fragt zu viel, sie begehrt ihn immer verzweifelter und misstraut ihm gleichzeitig. "Du bist anstrengend", äußert er ratlos - und man kann es ihm nicht verdenken, denn je länger der Film währt, desto mehr Tränen fließen über ihr nun stetig verquollenes Gesicht. Zweifelsohne: Flüssigkeiten jeglicher Couleur sind ein zentrales Element des Films.

Frauenfiguren Franny (Meg Ryan) und Pauline (Jennifer Jason Leigh, r.): Allgegenwärtiger Wunsch nach Romantik
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Frauenfiguren Franny (Meg Ryan) und Pauline (Jennifer Jason Leigh, r.): Allgegenwärtiger Wunsch nach Romantik

Ob Nicole Kidman, wie zunächst geplant, in der Rolle der Franny eine bessere Figur gemacht hätte, kann man nur mutmaßen. Das Maß an Verklemmtheit, das der Englisch-Lehrerin mit dem Sinn für Poesie in U-Bahnen und ihrer Sammel-Leidenschaft für Slang-Ausdrücke zu eigen ist, brächte Kidman von Natur aus mit. Ob sie sich im Film auch so überzeugend nach einem Mann verzehrt hätte, ist indes fraglich. Vielleicht ist es gut, dass sie sich auf eine Rolle als Co-Produzentin beschränkte.

In den USA lief der Film "Aufschneider" schon vor etwa einem Jahr an - und mit mäßigem Erfolg. Dass schöne und erfolgreiche Schauspielerinnen sich hässlich und ungeschminkt abfilmen lassen, hat seit Halle Berry in "Monsters Ball" und Charlize Theron in "Monster" keinen Sensations-Wert mehr. Zum Glück hat "Aufschneider" mehr zu bieten als eine deflorierte Meg Ryan.


Aufschneider (In the Cut)


USA/AUS 2003. Regie: Jane Campion. Drehbuch: Jane Campion, Susanna Moore. Darsteller: Meg Ryan, Mark Ruffalo, Kevin Bacon, Jennifer Jason Leigh. Produktion: Pathé!, Red Turtle. Verleih: Senator Film. Länge: 119 Minuten. Start: 29. September 2004

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