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29.10.2004
 

"Die Reise des jungen Ché"

Später nannten wir das Interrail

Von Oliver Hüttmann

Mit dem Mexikaner Gael Garcia Bernal in der Titelrolle hat der Brasilianer Walter Salles die Erweckung des Argentiniers Ernesto Guevara zum Revolutionshelden Ché verfilmt. Das wunderbar fotografierte Epos scheut keinen Romantizismus, zementiert das Bild eines Heiligen und findet dennoch zu einer mitreißenden Wahrhaftigkeit.

Szene aus "Die Reise des jungen Ché": Heitere Reise mit ernsten Episoden
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Constantin Film

Szene aus "Die Reise des jungen Ché": Heitere Reise mit ernsten Episoden

Sein Bildnis sieht man immer wieder mal, kürzlich erst in Hamburg als Aufkleber an einem verdreckten roten Peugeot. Natürlich war es das einzig mögliche Motiv, jene leicht von unten fotografierte Schwarzweißaufnahme, die sein Gesicht so bekannt gemacht hat wie das der Mona Lisa. Alberto Kordas Foto hat ihn zur Ikone werden lassen, zum Jesus der Studentenrevolte und zum unauslöschlichen Bild in unseren Köpfen. Als Legende ist er der James Dean unter den Revolutionären: ein glühendes Versprechen, früh verstorben, bevor er seine Utopie vollenden konnte.

Wie der Mythos begann, zeigt nun der Brasilianer Walter Salles ("Central Station") in seinem nostalgischen Epos "Die Reise des jungen Ché". Im Original heißt der Film "The Motorcycle Diaries", was verwegener klingt, aber auch die Authentizität betont, weil er sich an Guevaras Tagebüchern orientiert. Als jener noch nicht Ché war, sondern der angehende Medizinstudent Ernesto, brach er 1952 mit seinem Kumpel Alberto Granado zu einem Motorrad-Trip durch den südamerikanischen Kontinent auf. Dabei notierte er Eindrücke und Erlebnisse, die ihn veränderten und den Rebellen in ihm weckten. So sagt es jedenfalls der Film.

Revolutionär Guevara (1962): Held aus Herzenskummer
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AP

Revolutionär Guevara (1962): Held aus Herzenskummer

"Dies ist keine Geschichte über heldenhafte Männer", diktiert Salles im Vorspann. In der Tat startet sie als Roadmovie mit der Abenteuerlust zweier junger Männer vor dem Studium. Bei uns hieß das später Interrail, hier ist es noch eine klapprige, knatternde Norton 500, die zudem ständig Pannen hat und schließlich frühzeitig ganz liegen bleibt. Ernesto, zumeist schweigsam und nachdenklich, und der ältere, schwatzhafte Alberto brettern mit ihrem Gefährt über staubige Pisten, schieben es auf unwegsamen Pfaden oder finden Unterschlupf bei einem alten misstrauischen Farmer in seiner abgelegenen Hütte bei Mahlzeiten mit kichernden Mädchen.

Heiter verläuft ihre Reise, dennoch deutet sich Ernestos bevorstehende Erweckung in einigen ernsten Episoden an. Erst gibt der Asthmatiker Ché einer sterbenskranken Greisin seine Medizin, dann überlässt er einem halb verhungerten Paar sein letztes Geld, von dem er eigentlich seiner Freundin in den USA ein Kleid kaufen wollte. In den Minen einer nordamerikanischen Firma, wo die ausgemergelten Arbeiter kaltherzig für die nächste Schicht ausgewählt werden, wird er renitent und wirft mit Steinen. Bei einem Aufenthalt in einer Leprastation ist er dann reif für die Revolution, fordert in einer Ansprache vor Kollegen die Einheit Südamerikas und durchschwimmt anschließend geradezu symbolisch den Fluss, der Ärzte und Kranke voneinander trennt.

Fotograf Korda mit legendärem Ché-Bild: Jesus der Studentenrevolte
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AP

Fotograf Korda mit legendärem Ché-Bild: Jesus der Studentenrevolte

"Die Reise des jungen Ché" ist keine intellektuelle Auseinandersetzung mit Guevara oder der kubanischen Revolution, sondern reines, großes und auch großartiges Gefühlskino. Denn so sehr Salles zwar einfach, aber unmissverständlich das Elend der Einheimischen und vor allem der Indios zeigt, verortet er den Kreuzweg im Leben des jungen Ché doch in der Liebe. Die Eltern seiner Freundin sind privilegierte Snobs, und während er unterwegs ist, teilt sie ihm in einem Brief auch noch mit, einen anderen heiraten zu wollen. Es gehörte schon immer zum Mythos, dass Helden aus Herzenskummer erwachsen. Diese Romantik ist nicht revolutionär, aber Salles inszeniert sie mit einer zarten Melancholie, die mehr sagt als ein politischer Diskurs.

Die Aufrichtigkeit eines Charakters, der ohnehin verklärt ist, vermittelt vor allem Gael Garcia Bernal in der Titelrolle - obwohl oder gerade weil der Mexikaner fast noch schöner aussieht als der Ché auf dem berühmten Foto. In seinen tiefen Blicken spiegeln sich hinreißend Idealismus und Leidenschaft, wie man es sich bei Guevara immer vorgestellt hat. Das ist nur konsequent. "When the legend become fact, print the legend", heißt ein selbst schon legendärer Satz aus John Fords Western "The Man Who Shot Liberty Valance". Auch Salles wollte kein Denkmal demontieren, sondern feierlich den Sockel dafür errichten. Und das ist ihm grandios gelungen. Die Widersprüche und zweifelhaften Taten im Leben des Revolutionärs Ché Guevara - vom Sturz des kubanischen Regimes bis hin zu seinem Tod im bolivianischen Dschungel - gehören in einen anderen Film.

Szene mit Gael Garcia Bernal: Noch schöner als Ché
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Constantin Film

Szene mit Gael Garcia Bernal: Noch schöner als Ché

So zelebriert Salles hier mit humorvollen Schlenkern wehmütig die Geburt eines Messias, die sich in Südamerikas mythologisch dampfenden Landschaften vollzieht. Prächtig hat er diese urwüchsige Natur aus gigantischen Bergen, Wüsten, Steppen und Wäldern mit der Handkamera eingefangen - Schauplätze, die Grenzenlosigkeit verheißen. Ernesto "Ché" Guevara plante, 8000 Kilometer in vier Monaten zurückzulegen. Nicht einmal einen Bruchteil dieses weiten Landes sollte er in den späteren Jahren befreien, wie er es sich ausgemalt hatte. Wenn jetzt jedoch ein brasilianischer Regisseur und ein mexikanischer Schauspieler einen Film über einen argentinischen Träumer gemacht haben, schwingt doch noch mal die Hoffnung auf ein vereintes Südamerika mit.


Die Reise des jungen Ché (The Motorcycle Diaries)

USA 2004. Regie: Walter Salles. Drehbuch: José Rivera. Darsteller: Gael Garcia Bernal, Rodrigo de la Serna, Mia Maestro, Mercedes Morán, Ulises Dumont, Gustavo Bueno. Produktion: South Fork Pictures, Tu Vas Voir. Verleih: Constantin. Länge: 126 Minuten. Start: 28. Oktober 2004

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