Von Daniel Haas
Es ist noch gar nicht so lange her, da landete Ray Charles mit seinen Songs nicht in den Hitparaden, sondern auf dem Index. "What I'd Say", diese Lobpreisung körperlicher Liebe, war den Sittenwächtern zuviel des Unguten; das Stück wurde 1959 aus dem Radio verbannt. Es ist auch gar nicht lange her, dass ein Autor des amerikanischen Edelblatts "New Republic" bei einer Kritik des Thrillers "Collateral" ausgerechnet einen Namen kein einziges Mal erwähnte: den des Afroamerikaners Jamie Foxx, der neben Tom Cruise die Hauptrolle spielt.
Being Ray Charles
Jamie Foxx wird in Zukunft niemand mehr übersehen: Der 37-Jährige ist der Star von "Ray", Taylor Hackfords großem Biografiefilm über den blinden Soulmusiker Ray Charles. Foxx hat Charles noch kennen gelernt, er hat bei ihm vorgesprochen und am Klavier unter Beweis gestellt, dass er der Richtige für die Rolle ist. Nur wer den Blues spielen kann, kann auch Ray Charles spielen.
Charles war zufrieden und sagte "Du hast es!", woraufhin sich Foxx akribisch vorbereitete. Ein Jahr lang stand er vor dem Spiegel und übte, Ray zu sein, Brother Ray, der Schöpfer des Soul, der Frauenheld und Junkie, der Business-Man und Nationalheld, der Blinde, der in die Zukunft der Popmusik sehen konnte und deren Horizont erweiterte.
Foxx soll lichtundurchlässige Plättchen über den Augenlidern getragen haben, um sich noch authentischer durch die Nacht dieses Musikerlebens bewegen zu können, und wenn es mit rechten Dingen zugeht, wird er einen Oscar für seine Darstellung bekommen. Es klingt vielleicht befremdend, so, als sei die größte schauspielerische Leistung, sich selber auszulöschen, aber Foxx "ist" Charles: am Klavier sitzend, das rechte Bein auf den Boden hämmernd; sich selbst umarmend; den Kopf nach hinten gedreht, den Oberkörper hin und her schwingend. Man hat diese Choreografie schon unzählige Male gesehen - und erlebt sie hier wie zum ersten Mal.
Groove statt Moral
Zudem tappt "Ray" nicht in die Falle vieler Biopics, eine eingängige Moral zu verkaufen. Zwar gibt es sie, die klassischen Momente des Heldenlebens: das frühe prägende Leid, die glücklichen Zufälle, die den Weg in eine große Zukunft ebnen, den Aufstieg und anschließenden Fall, die finale Läuterung. Aber die Hauptrolle spielt die Musik selbst: Nicht Charles' Entwicklung zum Vorzeigeamerikaner strukturiert den Film, sondern sein kreativer Werdegang. Hackford vertraut dem Groove des Soul mehr als dramaturgischen Prinzipien, und deshalb wirkt das für Filmbiografien so typische Abhaken entscheidender Lebensstationen hier nie hölzern oder bemüht.
Die Handlung umspannt die Zeit der späten vierziger Jahre, als Charles als Pianist im McSon-Trio begann, bis in die späten Sechziger, als der Musiker wegen Drogenmissbrauchs im Gefängnis landete und daraufhin von vorn begann. Man ist bei den frühen Auftritten in Seattle dabei und jenen Aufnahme-Sessions, bei denen Charles noch versuchte, ein zweiter Nat King Cole zu werden.
Es folgen die historische Begegnung mit Ahmet Ertegun (Curtis Armstrong), dem Gründer des Atlantic-Labels, der Charles gemeinsam mit Produzent Jerry Wexler (Richard Schiff) unter Vertrag nahm, die Freundschaft mit Quincy Jones (Larenz Tate), das Auftrittsverbot im von Rassismus dominierten Georgia (Charles hatte dort ein Konzert kurzfristig abgesagt), die Affäre mit Margie Hendricks (Regina King), einer der Raelettes, die mit ihm furiose Nummern wie "(Night Time) Is the Right Time" einspielte; der Wechsel zu ABC-Paramount Records, wo er als erster Künstler des Popgeschäfts unumschränkte Rechte für seine Kompositionen bekam.
Doch es sind nicht die großen Wendepunkte, die den Ton angeben, sondern die intimen Momente, aus denen heraus das Außerordentliche dieser Künstlervita erklärt wird. Hier nimmt sich der Film interpretatorische Freiheit und dringt gerade dadurch zum Kern von Charles' Genius vor. Etwa dann, wenn sich der Sänger nach einer ersten Liebesnacht mit Bea (Kerry Washington), seiner späteren Frau, ans Klavier setzt und ein paar deftige Avancen intoniert.
"Das ist ein Gospelsong!", empört sich die Angebetete, "das ist Gotteslästerung!" Genau diese Form des Sakrilegs - die Verschmelzung von Blues und Gospel, von weltlicher Hingabe und religiösem Feeling zu Soul - wird den Entertainer zum Revolutionär machen. Oder wenn Charles und "Raelette" Hendricks wieder einmal streiten, und sie schimpft, er solle abhauen. "Du hast Recht", sagt er und improvisiert mit der enttäuschten Geliebten über einen hämmernden Beat das legendäre "Hit The Road Jack".
Zwang zur Erklärung
Nicht immer vertraut "Ray" der assoziativen Logik der Musik und gibt dem Zwang zur Erklärung nach. Was machte Ray Charles zum populären Genius? Was ließ ihn erblinden? Wie kam er von seiner Heroinsucht frei? In einer Traumsequenz lässt Hackford seinen Helden in jenes armselige Dorf zurückkehren, wo er hilflos seinen Bruder in einem Waschbottich ertrinken sah. Kurz darauf wurde der damals siebenjährige Ray blind. Im Traum trifft der erwachsene Charles mit wieder hergestelltem Augenlicht auf Mutter und Bruder. Sie sprechen ihn frei von aller Schuld und ermahnen ihn, nicht der Sklave der Drogenabhängigkeit zu bleiben.
Die auf simple Zusammenhänge abzielende Psychologie der Szene ist ein Schnitzer im ansonsten fulminanten Lebensfilm. Auch dass Charles sehen kann im Traum, hat einen merkwürdigen Beigeschmack: Die Verkoppelung von Einsicht in das eigene Dilemma mit der Fähigkeit zu sehen, passt nicht ganz zur selbstbewussten Darstellung eines Blinden, der über Musikalität, Kampfgeist und harte Arbeit die Welt eroberte.
Ansonsten aber gelingt Hackfords Film eine Schule des Hörens mit den Mitteln des Kinos: Die Rede vom Rhythmus der Bilder wurde selten anschaulicher als hier.
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