Von Daniel Haas
Er möge politische Filme, erklärte der freundliche Berliner Taxifahrer, den "Untergang" zum Beispiel, den habe er mit seinem 20-jährigen Sohn gesehen, der anschließend Fragen gestellt habe. Das sei schön gewesen. Aber den Kult um Einzelpersonen, den verstehe er nicht.
Die Dokumentation über George Michael, die gestern im Berlinale-Panorama gezeigt wurde, hätte ihm vermutlich trotzdem gefallen, gerade weil es um Starruhm geht - und welchen Preis er unter Umständen kostet.
Glamour und Ironie
"A Different Story" - eine andere Geschichte will der Film präsentieren, und tatsächlich ist Regisseur Southan Morris eine Dokumentation gelungen, die mit viel Humor und Tempo einen Pop-Mythos menschlich werden lässt, ohne seinen Glamour einzuebnen. George Michael tritt hier als gefallener und wieder auferstandener Engel der Popindustrie in Erscheinung, ein mehrfach totgesagter Megastar, der als kreativer David gegen den Industrie-Goliath Sony kämpfte. Den Rechtsstreit gegen den Konzern verlor der Sänger damals, aber die Herzen des Berlinale-Publikums eroberte er im Sturm.
Die ersten Wham!-Videos, in denen Michael und sein Sidekick Andrew Ridgeley als heitere Aerobic-Boys herumturnten; der "Freedom"-Clip mit den Supermodels Cindy, Naomi und Linda, die damals die Presse mit der Bemerkung schockte, für weniger als 30.000 Dollar steige sie erst gar nicht aus dem Bett; das legendäre Tribute-Konzert für Freddie Mercury, die große Liebe zu Anselmo, dem langjährigen Partner, der an Aids verstarb: Das alles zeigt "A Different Story", unterbrochen von mal selbstironischen, mal ernsten Reflexionen eines Superstars, der seinen Ruhm erst mit den Jahren verkraften und verwalten gelernt hat.
Ein Meer von Ideen
Auch für Wes Anderson, den Regisseur des Wettbewerbfilms "Die Tiefseetaucher", scheint die eigene Prominenz manchmal ein Problem zu sein. Bei der Pressekonferenz gefragt, ob er die Einsamkeit auf dem roten Teppich, wie sie sein Filmheld Steve Zissou erlebt, selber kenne, meinte der Regisseur: "Ja, Ruhm kann eine sehr irritierende Erfahrung sein." Dabei wirkte er bei der Pressekonferenz am Nachmittag höchst konzentriert: Mit Anjelica Huston zur Linken und Cate Blanchett zur Rechten war der Amerikaner ein kreativer Hahn im Korb, der selbstbewusst Auskunft gab. Ja, Fellini sei ein entscheidender Einfluss gewesen, zumal man den neuen Film in Cinecittà, der berühmten römischen Filmstadt bei Rom gedreht habe. Nein, Jerry Lewis habe er nicht zitieren wollen mit jener Szene, in der man das Boot des Ozeanforschers im Querschnitt sieht. Und ja, "Die Tiefseetaucher" handle sowohl von einem Wissenschaftler als auch von einem Filmemacher.
Denn Zissou, gespielt von einem wunderbar lakonischen Bill Murray, ist eine Art schrulliger Jacques Cousteau, der seine Forschungsarbeit medial zu nutzen weiß. "Die Tiefseetaucher" beginnt mit einer Pressevorführung eines Zissou-Films in einem Theater, dessen Ausstattung merkwürdig dem des Berlinale-Palastes glich. Hätte man Murray später im Entree des Hauses getroffen, ausgestattet wie sein Leinwand-Alter-Ego mit roter Fischermütze und schicker Phantasie-Uniform - es hätte einen nicht gewundert.
Zissous Film floppt und ein neuer Geldgeber muss her, zumal das nächste Projekt so ehrgeizig wie waghalsig ist: Der Forscherfilmer will den Monsterhai fangen, der seinen besten Freund gefressen hat. Da kommt Ned, der angebliche Sohn, gerade recht. Er unterstützt die chaotische Truppe, zu der ein Kameramann, ein Gitarrist und ein Koch gehören, mit Geld, Zuneigung und jener Coolness, wie sie nur ein Darsteller wie Owen Wilson verkörpern kann. Und Blanchett und Huston? Die spielen eine Reporterin und eine reiche Erbin - zwei Frauen, die dafür sorgen, dass ihre reichlich verwirrten Männer nicht vollends baden gehen.
"Die Tiefseetaucher" ist ein eigensinniger, assoziativer, selbstreflexiver Film, und Huston erklärte, sie habe ihn bereits sechs Mal gesehen, entdecke aber immer wieder neue Facetten. Als plötzlich der "Star Wars"-Klingelton eines Reporters ihre Ausführungen unterbrach, wurde man schmerzhaft daran erinnert, dass es noch jenes andere Kino gibt, das alles in Schauwerten ertränkt und künstlerisch doch nur im Trüben fischt.
Bittere Bilanz
Eine Gefahr, die bei Andreas Dresen nicht besteht: Schon nach wenigen Minuten seines neuen Films "Willenbrock", der ebenfalls in der Panorama-Sektion läuft und am Abend im Berliner Zoo-Palast Premiere feierte, war klar, dass hier der karge Stil von "Halbe Treppe" fortgesetzt wird. Wieder spielt Axel Prahl den kleinen Mann, der in eine große Krise schlittert. Wieder wird dokumentarisch nüchtern eine bürgerliche Existenz so lange von Lebenslügen ausgehöhlt, bis sie zusammenbricht.
Die Adaption des gleichnamigen Christoph-Hein-Romans zeigt einen Ostdeutschen, der in der Westgesellschaft mit Vollgas angekommen ist: Gebrauchtwagenhändler Willenbrock weiß, wie man Mehrwert generiert - beim Losschlagen günstig erworbener Karren, beim billig mit Parfum entlohnten Quickie im Hotel. Doch dann werden Firma und Ferienhaus überfallen und die bürgerliche Saturiertheit ist gegen Gefahr viel weniger gefeit als angenommen. Den polnischen Angestellten mag man ausbeuten, gegen gewaltbereite Underdogs aus Russland hilft letztlich nicht der Staatsanwalt, sondern nur die illegal besorgte Knarre.
Wenn Willenbrock am Ende alles verloren hat - Frau, Freundin, Geliebte - hat Dresen dem Besitzbürgertum die Quittung präsentiert. Schön ist sie nicht, diese Bilanz, rund eineinhalb Jahrzehnte nach der Wende.
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