Los Angeles - Martin Scorsese machte gute Miene zum bösen Spiel. Was blieb ihm auch übrig? Sechsmal war der 62-jährige Filmemacher schon für einen Regie-Oscar nominiert - auch diesmal blieben ihm die höheren Hollywood-Weihen verwehrt. Wenigstens sah der glücklose "Marty" nicht so geknickt aus wie noch vor zwei Jahren, als er für "Gangs Of New York" nominiert war und gegen Roman Polanski verlor. Dieses Mal schien er sich für seinen Kontrahenten sogar ein bisschen zu freuen. Als der Name Clint Eastwood verlesen wurde, sprang Scorsese von seinem Sitz und applaudierte dem zwölf Jahre älteren Kollegen mit einem herzlichen Lächeln.
Clint im Glück
Clint im Glück, so könnte man diese 77. Oscar-Verleihung überschreiben, denn der 74-Jährige räumte mit seinem Boxer-Melodram "Million Dollar Baby" die wichtigsten Preise ab: Neben seinem zweiten Regie-Oscar (den ersten bekam er 1993 für seinen Western "Erbarmungslos") gewann er die goldene Statue für den besten Film des vergangenen Jahres; als beste Schauspielerin wurde seine Hauptdarstellerin Hilary Swank ausgezeichnet, die ebenfalls ihren zweiten Oscar nach Hause trägt (den ersten gab es 2000 für "Boys don't Cry"), Morgan Freeman wurde als bester Nebendarsteller geehrt.
Eastwood nahm seine Trophäe sichtlich gerührt, aber mit einem verschmitzten Lächeln entgegen. Mit Blick auf den zuvor für sein Lebenswerk ausgezeichneten Regisseur Sidney Lumet, 80, sagte er respektvoll: "Gemessen an Sidney bin ich doch nur ein kleiner Junge."
Dabei hatte eigentlich Martin Scorseses Howard-Hughes-Biografie "Aviator" als Oscar-Favorit gegolten. Das fast dreistündige, opulent ausgestattete Epos war in elf Kategorien nominiert worden - gewann letztlich jedoch nur fünf Oscars. Den vielleicht Aufsehen erregendsten gab es für Cate Blanchett, die für ihre Rolle als Katherine Hepburn mit dem Preis für die beste Nebendarstellerin geehrt wurde. Zusätzlich bekam "Aviator" Oscars für die beste Kamera, die beste Art Direction (Altmeister Dante Ferreti), den besten Schnitt und die besten Kostüme. Ehrenvoll, aber nicht strahlend.
Aber das galt eigentlich für die ganze Oscar-Show, die in diesem Jahr sehr routiniert, sehr straff und eigentlich auch sehr ereignislos über die Bühne des Kodak Theatres am Hollywood Boulevard ging. Komiker Chris Rock, der im Vorwege der Verleihung wegen spitzer Bemerkungen über die ehrwürdigen Academy Awards zum Buhmann und Risikofaktor stilisiert wurde, erwies sich in seiner Rolle als Oscar-Gastgeber als nervös und leidlich komisch. Sein roter Faden war die Rolle des afroamerikanischen Darstellers, von denen in diesem Jahr vier nominiert waren. Aber seine Betonung der stärker werdenden Präsenz Schwarzer bei der Verleihung beschränkte sich auf ein paar zotige Bemerkungen im Slang und die - zugegeben effektvolle - Begrüßung des Publikums mit einem patzigen "Sit your asses down!" (etwa: Setzt Euch endlich auf Eure Hosenböden!).
Bye bye, Bush-Bashing
Lustig wurde es nur kurz, als er zu Beginn der Show mit einem Schlenker auf die (nicht nominierte) Anti-Bush-Dokumentation "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore einging und nach der Einleitung "Ich werde heute Abend nicht auf Bush herumhacken" erklärte, wie es dem US-Präsidenten ergangen wäre, hätte er als Angestellter der Modekette "Gap" ein Haushaltsdefizit in so astronomischer Höhe verursacht und dann noch dem Konkurrenzlabel "Banana Republic" den Krieg erklärt. Doch das Interesse am Bush-Bashing scheint in Hollywood weitgehend erloschen zu sein. Rock schickte seiner launigen Anekdote einen ernsthaften Gruß an die US-Truppen im Irak hinterher, Academy-Präsident Frank Pierson widmete gar die ganze Show den Soldaten am Golf. Politisch aktive Schauspieler wie Tim Robbins und Sean Penn, die beide als Presenter auftraten, sparten sich ihre sonst üblichen Spitzen. Da vermisste man Michael Moore schon fast ein wenig, und wenn auch nur wegen des Krawall-Faktors.
Brav und ohne Überraschungen ging es weiter im Reigen der Oscar-Preisträger: Ray-Charles-Darsteller Jamie Foxx gewann erwartungsgemäß den Preis als bester Schauspieler, bedankte sich allerdings mit einer rührenden Rede über seine Großmutter, die ihm das Schauspielerhandwerk mit auf den Weg gegeben habe: "Und wenn ich mich wie ein Idiot benahm, dann hat sie mir eine geknallt. Sie hätte selbst einen Oscar dafür bekommen müssen für die Art, wie sie mir eine geknallt hat, denn sie war großartig darin. Und danach hat sie mit mir geredet und mir erklärt, warum sie mir eine heruntergehauen hat. Sie sagte: 'Ich will, dass du ein Südstaaten-Gentleman wirst'", erzählte der 37-jährige Texaner, der für seine Rolle in Michael Manns Thriller "Collateral" auch in der Kategorie "Bester Nebendarsteller" nominiert war.
Untergang der deutschen Hoffnungen
Es war also tatsächlich die Oscar-Verleihung der schwarzen Schauspieler (neben den Gewinnern Freeman und Foxx waren auch noch die "Hotel Ruanda"-Darsteller Don Cheadle und Sophie Okonedo nominiert) und - überraschend - der spanischen Filmemacher: Der Titel "Al Otro Lado Del Rio" aus dem Film "Die Reisen des Jungen Ché" gewann als erstes spanisches Lied den Oscar als bester Song und wurde kongenial dargeboten von dem Hobby-Sänger Antonio Banderas und dem Gitarrenmeister Carlos Santana. In der Kategorie "Bester nicht englischsprachiger Film" gewann zudem Alejandro Amenábars Sterbehilfe-Drama "Mar adentro" ("The Sea Inside").
Der Triumph des spanischen Regisseurs bedeute gleichzeitig das Ende aller Hoffnungen für den deutschen Beitrag "Der Untergang". Das Hitler-Drama von Oliver Hirschbiegel konnte sich trotz guter Kritiken und positiver Resonanz in den USA nicht bei den Oscar-Juroren durchsetzen. Und auch bei den Dokumentationen war den Deutschen kein Erfolg vergönnt: "Die Geschichte vom weinenden Kamel", der erfolgreiche Abschlussfilm der Münchner Filmstudenten Luigi Falorni und Byambasuren Davaa, verlor gegen die indisch-amerikanische Doku "Born into Brothels" über die in Armut lebenden Kinder indischer Prostituierter.
Was bleibt? Ein Showdown der Regie-Giganten, der keiner war und eine Oscar-Verleihung, die an Höhepunkten und emotionalen Momenten zu wünschen übrig ließ. Immerhin: R&B-Star Beyoncé durfte gleich drei der nominierten Filmsongs vortragen (einen mit Andrew LLoyd Webber, einen mit Popsänger Josh Groban und einen auf Französisch) - und begeisterte jedes Mal aufs Neue mit stimmlicher Brillanz und betörender Schönheit. Da konnte eigentlich nur Oscar-Gewinnerin Hilary Swank mithalten, die eine raffinierte blaue Robe trug, die vorn sehr züchtig und hochgeschlossen war, hinten aber dafür gefährlich tief blicken ließ. Ein paar mehr solcher Offenherzigkeiten hätten den 77. Academy Awards ganz gut getan.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH