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13.05.2005
 

Cannes-Tagebuch

Geisterbeschwörung mit Grunge-Rock

Von Wolfgang Höbel

Langsam löst sich das Festival von Cannes aus der Verkrampftheit des ersten Tages. Entertainment-Parabeln und Showbusiness ist angesagt: Gus van Sants neuer Film "Last Days" schildert Kurt Cobains Himmelfahrt, zwei andere Regiehelden huldigen dem Hollywoodkino der Fünfziger.

Szene aus "Last Days" (mit Cobain-Darsteller Michael Pitt): Letzte Tage im Bunker
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Szene aus "Last Days" (mit Cobain-Darsteller Michael Pitt): Letzte Tage im Bunker

Als die Dichter noch keine Angst vor schwülstigen Vergleichen hatten, ließ sich der große, heute ziemlich aus der Mode gekommene Schriftsteller Jean Cocteau mal zu der Behauptung hinreißen, das Filmfestival in Cannes sei wie ein Komet, der an der Cote d'Azur gelandet sei und die Welt dort für ein paar Tage ins schönste und hellste Licht tauche.

Das ist poetisch nett, physikalisch aber leider absolut unhaltbar: Kometen landen nicht, sondern sie schlagen ein; und statt am Ort ihrer Niederkunft tagelang friedlich vor sich hinzuglühen, wirbeln sie dort in Wahrheit ein Menge Staub auf, richten allerlei Verwüstungen an und versetzen die Menschen in schwere Hysterie.

Aschenputtels stangenlange Schwester

Insofern geht Cocteaus Vergleich dann vielleicht doch heute noch in Ordnung: Auch dieses Jahr, beim 58. Filmfestival von Cannes, kreischen und applaudieren nachmittags und abends die Zuschauermassen vor dem Festivalpalast, wenn Charlotte Gainsbourg, Eva Herzigova, Woody Allen oder Dennis Hopper über den roten Teppich gehen. Selbst die Ankunft der notorisch unartigen Jungmillionärin Paris Hilton wird hier gefeiert, als lasse das Mädchen die Erde beben und Sternenstaub regnen - dabei hilft Frau Hilton nur dabei, einen Film zu verkaufen, der gar nicht im offiziellen Festivalprogramm, sondern auf dem Markt der Rechtehändler läuft. Das Werk heißt "Pledge This!", auf dem sagenhaft unvorteilhaften Werbeplakat dazu sieht die von Männerzeitschriften wie dem britischen "Maxim" als "Göttin" gefeierte Heldin aus wie Aschenputtels stangenlange dämliche Schwester.

Ersatzchristus nimmt ein Bad am Wasserfall

Medienstar Hilton in Cannes: Notorisch unartig
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AFP

Medienstar Hilton in Cannes: Notorisch unartig

Die Story eines jungen Gottes, auf jeden Fall eines jungen Götterlieblings erzählt Gus Van Sant in seinem Wettbewerbsfilm "Last Days". Genauer gesagt: das Ende der Story von Kurt Cobain, der als Sänger der Band Nirvana die westliche Welt rockte und durch seinen Selbstmord für Millionen junger Menschen so eine Art Ersatzchristus wurde. Was sieht man? Einen verwirrten Kerl mit dunkelblonden Wirrhaaren, der durch den nordamerikanischen Frühlingswald irrt. Der arme Kerl murmelt halbverständliches Zeug vor sich hin, strauchelt ab und zu und nimmt schließlich an einem Wasserfall ein Bad.

Zwischendurch sitzt der junge Mann in einem schlossähnlichen Gemäuer grübelnd herum, es gibt ein Schlagzeug, eine Gitarre und andere Musikinstrumente, und auch ein paar andere junge Leute, die manchmal auf ihn einreden. Aber immer wieder kehrt der Regisseur Van Sant mit seinem Helden in den Wald und zum Wasser zurück: als wolle er die Gewalt und die Reinheit beschwören, die nicht nur die Natur auszeichnet, sondern auch das Werk seines im Holzfällerhemd berühmt gewordenen Helden.

Szene aus "Last Days": Leidenschaftliche Geisterbeschwörung
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Szene aus "Last Days": Leidenschaftliche Geisterbeschwörung

Dieser Held darf übrigens nicht Kurt Cobain heißen, sondern hört auf den Namen Blake. Und weil dem Regisseur neben den Rechten an der Lebensgeschichte Cobains auch die an dessen Musik verweigert wurden, muss "Last Days" ohne einen einzigen Originalsong auskommen. Van Sant macht aus diesem Manko das Beste: eine leidenschaftliche Geisterbeschwörung.

Juchzen und Jaulen

Es ist überhaupt nicht wichtig, ob der Schauspieler Michael Pitt nun exakt aussieht wie Kurt Cobain oder doch eine Spur zu schmolllippig und selbstverliebt: Come as you are - er sieht Cobain ähnlich genug. Es ist vielleicht sogar ganz gut, dass nicht wie in jeder blöden MTV-Hommage die Greatest Hits des wichtigsten aller sogenannten Grunge-Rocker abgenudelt werden. Stattdessen hört man Velvet Underground und Opernarien, einmal juchzt und jault Pitt sogar ein selbstgebasteltes Verzweiflungslied, in dem er den langen traurigen Weg vom Tod bis zur Geburt besingt (weil's Poesie ist in dieser Reihenfolge).

"Last Days" ist also reines Stimmungskino. Das Drehbuch (falls es je eines gab) basiert auf der Tatsache, dass Cobain die Tage vor seinem Selbstmord mit ein paar anderen jungen Leuten in seinem Haus bei Seattle herumhing, wobei angeblich nicht mal seine Bandkollegen wussten, wo er war: letzte Tage im Bunker des großen Grunge-Anführers. Der war ein kranker, von körperlichem und seelischem Leid geplagter Mann - und nebenbei ein Genie, das die Welt ein bisschen heller gemacht hat. Jean Cocteau würde ihn einen Kometen nennen.

Szene aus "Where the Truth Lies": Schwelgen in bunten Farben
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Szene aus "Where the Truth Lies": Schwelgen in bunten Farben

Ein einziges Mal aber haut Gus Van Sant, der den Schwulst und die Körper junger Männer mindestens ebenso liebt wie einst Cocteau, mit allem Pomp daneben: Da lässt er aus Blakes von eigener Hand niedergestrecktem Leib dessen Seele entsteigen, der nackte Held macht sich auf zur Himmelfahrt ins Nirvana. Schon sehr abgeschmackt.

Weg vom Spülstein- und Politdrama

Fest steht, dass der Wettbewerb in Cannes durch "Last Days" fürs erste weg ist vom Spülstein- und Politdrama, wie es etwa "Lemming" aus Frankreich und "Bashing" aus Japan vorgaben - jetzt geht's erstmal ums Showbusiness, und das - außer bei Van Sant - auch gleich noch in Atom Egoyans vergnüglichem Entertainer-Thriller "Where the Truth Lies" und in Shane Blacks durchgeknallter Hollywoodfarce "Kiss, Kiss, Bang Bang" (im Wettbewerbsprogramm, aber außer Konkurrenz).

Der in Kanada lebende Filmemacher Egoyan entführt die Zuschauer zuerst ins US-Showbiz der fünfziger Jahre, wo das smarte Sänger- und Komikerduo Vince (Colin Firth) und Lanny (Kevin Bacon) eine große Benefiz-Fernsehshow für Opfer der Kinderlähmung machen. Die beiden sind fast so ein tolles Team wie Frank Sinatra und Dean Martin, nehmen Drogen und gehen keiner willigen schönen Frau und keiner Schlägerei aus dem Weg. Doch eines Tages liegt ein totes Mädchen in der Badewanne ihrer Hotelsuite - und die beiden treten nie wieder zusammen auf.

Egoyan schickt fünfzehn Jahre später eine junge rothaarige Journalistin (Alison Lohmann), die dem toten und offiziell von einer Drogenüberdosis gekillten Mädchen sehr ähnlich sieht, auf Nachforschungstour. Dabei schwelgt der Regisseur fast mit noch mehr Begeisterung in den bunten Farben, verwegenen Frisuren und Möbel der frühen Siebziger als zuvor in den strengeren Formen der Fünfziger.

Szene aus "Kiss Kiss, Bang Bang": Gealbert bis zum Abwinken
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Szene aus "Kiss Kiss, Bang Bang": Gealbert bis zum Abwinken

Der Film springt bald gut gelaunt zwischen den Zeiten hin und her, entwickelt allerdings kaum die Spannung eines echten Thrillers. So ist "Where The Truth Lies" ein prachtvoller, cleverer und ziemlich liebenswerter Film, in dem alles perfekt ausgeklügelt wirkt. Doch statt einen auch nur ein einziges Mal aus dem Kinosessel zu reißen oder vor lauter Mitbibbern unter die Rückenlehne des Vordermanns zu treiben, verschafft sich Egoyan vor allem freundlichen Respekt: mit sehr gewitztem Unterhaltungskino.

Fast wie in "Sunset Boulevard"

Auf Witz-komm-raus nimmt sich der als Drehbuchschreiber (etwa für "Lethal Weapon") einst gerühmte und dann wohl ziemlich abgestürzte US-Amerikaner Shane Black in "Kiss, Kiss, Bang, Bang" Hollywood vor. Robert Downey Jr. spielt einen New Yorker Kleingangster, den es durch Zufall als Schauspieler nach Hollywood verschlagen hat. Er tritt wie einst bei Billy Wilder als Erzähler einer aberwitzigen Krimihandlung auf - vom Swimmingpool einer Hollywood-Villa aus, fast wie in "Sunset Boulevard". Allerdings steht Downey lebendig am Rand des Pools und schwimmt nicht als Leiche darin.

Val Kilmer ist ein schwuler Agent und Detektiv, dessen von Mama spendierte, unfassbar teure Pistole sein Klient und Partner Downey bald achtlos in einen See wirft. Michelle Monaghan gibt eine erfolglose Schauspielerin, die brillant über andere erfolglose Schauspielerinnen lästert und in deren Dekolleté irgendwann eine Spinne krabbelt. Downey Jr. schließlich ist ein Charmebolzen, der dauernd verprügelt wird und verzweifelt versucht, eine Frauenleiche loszuwerden, die ihm ein paar Gangster ständig hinterhertragen.

Man merkt schon: Hier wird gealbert bis zum Abwinken - und die meisten Filmjournalisten in Cannes bogen sich in der Pressevorführung vor Lachen. Kann sein, dass Shane Blacks Film letztlich die Eleganz fehlt oder auch nur eine halbwegs vernünftige Erzählökonomie. Aber einen einzigen deutschen Regisseur möchte ich erleben, der den pubertären und zugleich absolut smarten Überschwang dieses 43-jährigen Filmemachers besitzt. Tja, in Deutschland gehen halt auch keine Kometen nieder.

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