Von Lars-Olav Beier
Bei einer gesittet ablaufenden Wahl treten die Abstimmungsberechtigten an die Urne und werfen ihre Zettel hinein. In "Election" dagegen, dem Wettbewerbsbeitrag des chinesischen Regisseurs Johnnie To, müssen die Wähler fürchten, in der Urne zu landen - falls sie für den Falschen gestimmt haben. Mit hingebungsvoller Detailtreue beschreibt der Film den Versuch der "Triaden" genannten Hongkonger Gangsterbanden, einen neuen Boss der Bosse zu küren.
So was geht naturgemäß nicht ohne Reibereien ab. Denn da gibt es einige, die glauben, dass ein einfacher Handschlag noch gilt, und andere, die überzeugt sind, dass man mit Handkantenschlägen weiter kommt. Vor allem der Kandidat Big D (Tony Leung Ka Fai), dessen angegriffenen Nerven ein wenig Tai Chi gut tun würde, erweist sich als schlechter Verlierer, nachdem er gegen den bis ans Herz coolen Lok (Simon Yam) den Kürzeren gezogen hat.
Big D ficht das Votum an - mit Moneten und Macheten; und kämpft um jede Stimme - bis aufs Blut. Da werden Männer in Kisten gesteckt und mehrfach einen Berg hinuntergerollt, bis sie keinen heilen Fetzen Haut mehr am Leib haben, da werden Bäuche durchbohrt und Schädel zertrümmert, und die Qualbeteiligung steigt auf neue Rekordwerte. Im Grunde ist dieser Film also ein einziger warnender Ratschlag an die Cannes-Jury - nach dem Motto: Redet euch die Köpfe heiß. Aber bitte schlagt sie euch nicht ein.
Lemming im Abflussrohr
Natürlich ist "Election" weit mehr als der in Cannes immer gern genommene Brutalo-Asiate, der von Jahr zu Jahr ins Programm gestreut wird wie das Chili-Pulver in den Kunstfilm-Eintopf - voller Stolz und Wehmut erzählt Johnny To auch vom Ringen um Traditionen, vom Zelebrieren der Rituale und von Männern, die zwar ihre Gegner aus dem Weg räumen, aber den Kampf gegen den Lauf der Zeit und die Veränderungen, die er mit sich bringt, auf Dauer nicht gewinnen können. Und auch wenn da ein paar Kerlen und Frauen übel mitgespielt wird, so erweist der Film zumindest den Tieren gegenüber Respekt.
Fachmännisch zieht Lok einem Fisch, den er gefangen hat, den Angelhaken aus dem Maul - bevor er im nächsten Moment Big D mit einem Stein malträtiert. Da hätte man auch als Zuschauer doch lieber Flossen als Hände, während man mit dem Lemming, der in Dominik Molls Eröffnungsfilm in einem Abflussrohr stecken bleibt und später elendig verhungert, und dem Hahn, der in Michael Hanekes Wettbewerbs-Beitrag "Caché" geköpft wird und danach über einen Bauernhof irrläuft, weniger gern tauschen würde. Einige Lemminge seien bei den Dreharbeiten seines Film gestorben, bekannte Moll verblüffend freimütig. Ob eines natürlichen Todes oder aus Stress - das wisse er leider nicht. Da fühlte sich die eine oder andere Frau mit Nerz bei der Premiere nicht mehr so ganz wohl in ihrer zweiten Haut.
Doch das sind alles nur Kinkerlitzchen verglichen mit Lars von Triers "Manderley", dem der Ruf vorauseilt, einige Schauspieler seien abgesprungen, weil ein Esel vor der Kamera geschlachtet werden sollte - der Film wird am Montagmorgen erstmals in Cannes gezeigt. Also ist dieser Tage zu beobachten, wie Rehpinscher von ihren Frauchen besorgt an den Busen gedrückt werden und Journalisten ihre Austern minutenlang auf Lebenszeichen untersuchen, bevor sie sie verschlingen.
Besucher im Kinosaal - ratlos
Im Grunde rechnet man in Cannes, das sich in diesem Jahr verblüffend demonstrationslos und streikfrei gibt, jederzeit mit einer Protestkundgebung des Tierschutzbundes und einer öffentlichen Kunstpelz-Verbrennung von Brigitte Bardot. Doch nicht nur der Tierschutz kommt in diesem Jahr in Cannes ziemlich auf den Hund: Die beklagenswerte Unsitte des öffentlichen Urinierens auf der Leinwand, vom Autor auf der diesjährigen Berlinale bereits beklagt, nimmt immer schlimmere Ausmaße ein: Andauernd sieht man in den Cannes-Filmen Jungen und Männer, die ihren Strahl ins Gebüsch richten; in Christoph Hochhäuslers Spätpubertäts-Drama "Falscher Bekenner", das in der angesehenen Nebenreihe "Un Certain Regard" läuft, erleichtert sich der Held Armin (gespielt von Constantin Vonjascheroff) gar in der Badewanne.
Schon zu Beginn des Films hört Armin im Bus eine Frau sagen, dass sich ein Mann spätestens dann als Schwein erweise, wenn er ins Badewasser pinkle. Und ein Mann, vielleicht sogar ein Schwein, würde Armin, der gerade seinen Realschul-Abschluss gemacht hat, gern sein. Da hilft es wenig, dass ihm seine fürsorglichen Eltern raten, jeden Tag ein Bewerbungsschreiben zu verfassen, oder dass ihm die Dorfschönheit Katja (Nora von Waldstätten) zielsicher den Kopf verdreht.
Überaus geschickt, scheinbar immer schnurgerade auf das Klischee zusteuernd und es zum Glück immer haarscharf verfehlend, beschreibt Hochhäusler das betäubend ereignislose Leben in der deutschen Provinz. Mit einem beeindruckend genauen Blick für familiäres Alltagsleben beschreibt er eine stille Rebellion: Lieber ist Armin für ein Verbrechen verantwortlich, das er nicht begangen hat, als weiterhin das täglich Einerlei ohne jede Perspektive zu erdulden.
Doch nicht nur Hochhäuslers Film, dessen kryptisch-elliptische letzten zehn Minuten dem Zuschauer Rätsel aufgeben, zeigt: Die Regisseure entlassen ihre Zuschauer in diesem Jahr gern ratlos aus dem Saal. In seinem mit Spannung erwarteten Psycho-Drama "Caché" erzählt Michael Haneke, wie der Pariser Fernseh-Moderator Georges eines Tages Überwachungsvideos zugeschickt bekommt, die ein Unbekannter vor seinem Haus aufgenommen hat. Daniel Auteuil spielt Georges als einen Mann, der zum Lachen in den Keller geht, es sich - unten angekommen - dann aber doch verkneift.
Trotz dieses Antipathieträgers in der Hauptrolle gelingt es Haneke, packend zu beschreiben, wie die lauernde Bedrohung Georges und seine Familie mehr und mehr zerrüttet und ihn selbst dazu zwingt, bis in seine Kindheit zurückzukehren. Am Ende erfährt der Zuschauer aber nicht, wer die Videos gemacht hat. Doch was soll's: Wer hier in Cannes auf Schritt und Tritt irgendwelchen Fernsehteams oder Hobbyfilmern unbeabsichtigt ins Bild tritt und dieses versaut, der weiß: Heutzutage muss man überall damit rechnen, gefilmt zu werden.
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