Wie wichtig das Wetter in Cannes ist, war heute Mittag vor dem Festivalpalast zu sehen. Nachdem es sich in der Nacht ausgeregnet hatte, herrschte an der Croisette wieder eitel Sonnenschein, und wie jeden Tag wurden die aus dem Kino eilenden Journalisten von Kinofans begrüßt, die eine Einladung für die nächste Gala-Premiere abstauben wollten. So auch eine nicht mehr ganz junge Dame, die sich extra ein Pappschild mit dem Titel ihres Wunschfilms angefertigt hatte: "Sun City" war da zu lesen. Ihre vermutlich aus purer Freude über das schöne Wetter begangene Fehlleistung hatte die Frau dann aber offenbar doch noch bemerkt, das "u" durchgestrichen und ein "i" darüber geschrieben.
Doch ob Sonne oder Sünde - natürlich passen beide Attribute bestens zu Cannes, zumal wenn Festivalzeit ist. Ob die Dame am Ende ein Ticket für die Vorstellung ergattern konnte, war leider nicht mehr zu erfahren. Vielleicht hat sie sich noch einen schönen Nachmittag am Strand gegönnt, anstatt sich zwei Stunden lang einer weitaus düstereren Szenerie auszusetzen.
Denn "Sin City", die Verfilmung des Comicromans von Frank Miller, die in Cannes im Wettbewerbsprogramm läuft, entführt den Zuschauer in eine schwarzweiße Welt voller Gewalt und moralischer Abgründe. Erzählt werden drei Episoden aus der fiktiven Stadt Basin City, abgekürzt "Sin City". In den ewig verregneten Straßenschluchten dieser Metropole tummelt sich ein Personal, das den kühnsten Alpträumen Raymond Chandlers entstiegen sein könnte: schlagfertige Huren, korrupte Cops, aufrechte Bullen und jene Glücksritter und Desperados, deren Muskelberge fast so hart sind wie ihre Dickköpfe.
Solch grob gehobelte Charaktere zu verkörpern ist sicher der Traum eines jeden Schauspielers. Das Aufgebot der Stars, die Rodriguez in "Sin City" versammelt, verblüfft dennoch: Bruce Willis, Clive Owen, Benicio Del Toro, Rosario Dawson, Jessica Alba, Josh Hartnett, Elijah Wood, Michael Madsen und Brittany Murphy sind nur die prominentesten Namen auf der langen Besetzungsliste. Und einer feiert mit seiner Darstellung des psychopathischen Berserkers Marv ein furioses Comeback: Mickey Rourke, der bereits durch seine Schlüsselrolle in dem Drogenthriller "Spun" andeutete, dass mit ihm noch zu rechnen ist.
In "Sin City" wurde er (wie auch Benicio Del Toro) mit narbiger Gesichtshaut, falscher Nase und kantigem Kinn ausgestattet, damit er dem Comic-Charakter möglichst ähnlich sieht. Trotz dieses Handicaps spielt Rourke seine Kollegen an die Wand, wenn er in einer ebenso rührenden wie grotesken Negativversion von "Die Schöne und das Biest" den Tod seiner geliebten Hure Goldie (Jaime King) rächen will und ein grandioses Gemetzel anrichtet. Am Ende wird Marv auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet, und es ist fast die beste Szene des Films (und der größte Lacher), als der körperlich komplett verunstaltete Rourke seinen Henkern nach dem ersten Stromstoß noch ein zynisches "Ist das alles, was ihr draufhabt?" zuknurrt.
Frank Miller schrieb seinen Comic-Roman einst als Hommage an die Schwarze Serie Hollywoods. Aber Miller, der früher die Marvel-Helden Daredevil und Elektra betreute und mit dem Batman-Comic "Die Rückkehr des Dunklen Ritters" berühmt wurde, wäre nicht er selbst, hätte er nicht seine ganz eigene Version des Film noir zu Papier gebracht: In "Sin City" fließt so absurd viel Blut, dass man sich am Ende nicht mehr wundert, dass die Figuren ganze Kugelsalven wegstecken können, bevor sie überhaupt nur eine Grimasse ziehen. Abgerissene Gliedmaßen, sprechende Leichen, durchbohrte Köpfe und Straßennutten, die wie Amazonen über ihr Revier wachen, gehören zur Ausstattung des Comics, den Robert Rodriguez ("From Dusk till Dawn") nun auf die Kinoleinwand gebannt hat.
Der Filmemacher mit dem Faible für alles, was Trash und Pulp heißt, überzeugte den skeptischen Zeichner von seinem Vorhaben, indem er Miller kurzerhand zum Co-Regisseur machte und ihn auch das Drehbuch schreiben ließ. Das Resultat ist so nah am Original wie bisher keine Comicverfilmung zuvor und erschafft eine gänzlich neue Visualität: In seine gestochen scharfe Schwarzweiß-Welt tupft Rodriguez immer wieder kleine Farbakzente. Mal sind die Augen eines Schurken grün eingefärbt, mal glänzt das blondgelockte Haar von Goldie tatsächlich golden, mal rast ein Cadillac aus den fünfziger Jahren im strahlenden Hellblau durch die Straßen der Sündenstadt.
Lediglich das Blut, von dem ganze Hektoliter vergossen werden, ist selten rot, denn mit einer zu drastischen Darstellung der Leinwand-Gräuel hätte es in den USA, wo der Film bereits angelaufen ist, keine Altersfreigabe ab 16 gegeben, was gleichbedeutend mit dem kommerziellen Tod des Film gewesen wäre. So spritzt das Blut in "Sin City" zumeist als strahlend weiße Fontäne aus geöffneten Halsschlagadern oder Armstümpfen. Ein gelungener Kunstgriff, der das überstilisierte Actionspektakel freilich kaum weniger brutal erscheinen lässt.
Schon im Vorwege des Festivals tauchte die Frage auf, was "Sin City" überhaupt im Wettbewerb von Cannes verloren hat. Gerade im Vergleich zu David Cronenbergs sarkastische Gewalt-Exegese "A History of Violence" wirkt Rodriguez' Film wie eine Trutzburg Hollywoods gegen jegliche Kritik an der Lust am Metzeln und Morden. Subtext sucht man in "Sin City" tatsächlich vergeblich. Was zählt, sind allein die Schauwerte, und von denen gibt es reichlich.
Besonders perfide ist die ständige Verknüpfung von Lust und Gewalt, denn erstens geht es in allen drei Episoden um Liebesglück, dass es zu erlangen, zu verteidigen oder zu rächen gilt, zweitens wurden die Frauenfiguren konsequent als Männer killende Sexbomben inszeniert, so dass einem nicht nur vom orgiastischen Morden der Atem stockt, sondern vor allem dank der kaum verhüllten Körper von Rosario Dawson und Jessica Alba. Aber so faszinierend und aufreizend die visuelle Wucht dieses Films auch sein mag, am Ende hat man lediglich das Gefühl, eine besonders große (aber auch eine teuflisch leckere) Portion Popcorn verdrückt zu haben.
Bei der Pressekonferenz heute Mittag, an der neben Miller und Rodriguez auch der von Fotografen bestürmte Mickey Rourke sowie Brittany Murphy, Michael Madsen und Clive Owen teilnahmen, sollte sich der Zeichner rechtfertigen. Ob die lustvolle Inszenierung der Gewalt nicht unbedarfte Zuschauer zur Nachahmung anrege, fragte eine besorgte Kollegin. Der Comiczeichner gab sich ungerührt: Er glaube nicht an das "Monkey see, Monkey do"-Prinzip, sagte er und verbannte ein gerne zitiertes Argument der Filmzensur ins Reich der Mythen: Den Jungen, der sich einst nach dem Genuss von "Superman" ein Handtuch als Cape umgebunden haben soll und vom Balkon gehüpft sei, um wie der Comic-Held eine Runde zu fliegen, habe es nie gegeben, so Miller. Woraufhin Michael Madsen jedoch etwas verdutzt guckte und behauptete, das sei ja gar nicht wahr, schließlich sei er dieser Junge gewesen. Gelächter, klar, alles ein großer Spaß.
Wenig Spaß hingegen, zumindest am Anfang, haben die Figuren in dem französischen Wettbewerbsbeitrag "Peindre ou Faire L'Amour" ("To Paint or Make Love") von Arnaud und Jean-Marie Larrieu. Der ewig steife und triefäugige Daniel Auteuil und die wundervoll fahrige Sabine Azema spielen darin ein offensichtlich gut situiertes Ehepaar, das sich einen prächtig renovierten Landsitz in der Provinz zulegt, aber nicht so recht weiß, wie es das Haus mit Leben füllen soll.
Denn William (Auteil) ist - wiewohl noch nicht gar so alt - im Vorruhestand, während Madeleine (Azema) eine eigene Firma unterhält. Die Tochter studiert im Ausland, die Frau arbeitet und malt in ihrer Freizeit Landschaften, aber William fühlt sich einfach nutzlos. Sex haben die beiden Eheleute schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehabt. Das ändert sich, als Adam (Sergi Lopez), der blinde Bürgermeister des kleinen Bergdorfs, und seine schüchterne Frau Eva (Amira Casar) auftauchen und den frustrierten neuen Mitbürgern die Vorzüge des Partnertausches zeigen. Nach anfänglichem Unbehagen können Madeleine und William gar nicht genug bekommen vom Swinger-Spaß.
Die Gebrüder Larrieu inszenierten ihren vierten Spielfilm als sehr humorvolles und naturalistisches Beziehungsdrama, das leichtgängig von der Befreiung aller Zwänge erzählt. So wie sich der blinde Adam nächtens sicher durch die Wälder bewegt, so sicher verführt er auch Madeleine und William zum Gebrauch der Lüste. Jeder malt sich sein eigenes Lebens- und Sittenbild, heißt die etwas zu verträumte Botschaft von "Peindre ou Faire L'Amour", der dennoch bejubelt wurde. Vielleicht, weil seine Figuren sich so angenehm opportunistisch treiben lassen von den Geschehnissen - und weil man nach Jim Jarmuschs "Broken Flowers" schon zum zweiten Mal in diesem Wettbewerb schmunzeln durfte.
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