Von David Kleingers
Filmemachen ist kein Kinderspiel, schon gar nicht für die elfjährige Schauspielerin Dakota Fanning: Bislang wurde sie auf der Leinwand zweimal entführt, musste sich um zurückgebliebene Angehörige kümmern, Gangstern sowie Psychopathen entkommen und, ganz aktuell in Steven Spielbergs zur Geheimsache stilisiertem "Krieg der Welten", gegen feindselige Aliens antreten. Mal verloren die von Fanning verkörperten Figuren dabei die Mutter, mal den Vater, mal den besten Freund und auch mal alle zusammen - aber so gut wie nie die Nerven.
Denn die am 23. Februar 1994 in Conyers, Georgia geborene Hannah Dakota Fanning spielte in ihrer bisherigen Laufbahn verblüffend häufig Rollen, die weitaus reifer angelegt waren als die ihrer erwachsenen Filmpartner. Ob sie nun als fürsorgliche Vorschülerin Lucy im tränentriefenden Melodram "I am Sam" (2001) ihren geistig behinderten Vater (Sean Penn) beschützt oder in der missratenen Komödie "Uptown Girls" (2003) ihrem flatterhaften Kindermädchen (Brittany Murphy) die Leviten liest: Gegenüber den infantilen Volljährigen erscheint hier allein das Kind erziehungsberechtigt.
Noch drastischer wurde Fannings erfolgreiche Persona des altklugen Hänflings jedoch in drei Thrillern geprägt, die sie endgültig zum derzeit gefragtesten Kinderstar Hollywoods machten. Dabei waren weder die lachhafte Kolportage "24 Stunden Angst" (2002) noch das blutrünstige Selbstjustizdrama "Man on Fire" (2004) große kommerzielle, geschweige denn künstlerische Erfolge. Aber im erstgenannten Film stahl Fanning als Geisel dem von Kevin Bacon hinchargierten Obergangster die Show, während sie sich in Tony Scotts Rachemär - erneut als Entführungsopfer - auf darstellerischer Augenhöhe mit Oscar-Preisträger Denzel Washington behaupten konnte.
Das Problemkind als Glücksfall
Der sichtbare Lohn dafür kam schließlich mit dem spekulativen Psychoreißer "Hide & Seek" (2004), in dem Fanning mit Verve die Tochter eines schizophrenen Mörders (Robert De Niro) gab. Auf den Filmplakaten erhielt Fanning ein "top billing", ihr Name stand ebenbürtig mit dem De Niros über dem Titel. Der Kauf der Kinokarte lohnte sich vor allem wegen Fannings virtuos überzeichneter Performance zwischen missgünstigem Gothic-Balg und angsterfülltem Hascherl. Mag Haley Joel Osment mit dem Horrorthriller "The Sixth Sense" das bessere Drehbuch erwischt haben: Wenn es um die Qualitäten eines "spooky kid", eines unheimlichen Kindes, geht, macht er Fanning nichts vor.
Zusammengenommen ergeben diese Filme eine Traumkarriere aus Traumata, und tatsächlich glänzt Dakota Fanning vornehmlich in hochgejazzten Dramen um Leben und Tod. Fast wie ein Fremdkörper in der Filmografie wirkt da im Gegenzug ihr altersgerechter Auftritt im Kinderklamauk "Ein Kater macht Theater" (2003), wobei sinnigerweise weder Fanning selbst noch die knallbunte Bilderbuchadaption einen nachhaltigen Eindruck hinterließen. Kein Zweifel: Im auf Typencasting versessenen Besetzungskarussell Hollywoods ist sie das Kind für große Katastrophen.
So jemanden kann man getrost in den "Krieg der Welten" schicken, dachte sich wohl auch Steven Spielberg und engagierte Fanning für seine lautstark beworbene, aber der Filmkritik unter absurdesten Vorbehalten entzogene Armageddon-Apotheose. So viel aber soll verraten werden: Die neuen Invasoren schauen keineswegs wie weiland Spielbergs "E.T." zum Blumenheilen und Händchenhalten vorbei. Dennoch werden sich die Zuschauer von "Krieg der Welten" angesichts von Dakota Fanning unweigerlich an Drew Barrymore erinnern, die 1982 als siebenjährige Spielgefährtin des herzensguten und gnubbelfingrigen Außerirdischen zum Kindersuperstar aufstieg.
Und manche werden sich auch noch an die Schlagzeilen erinnern, mit denen das prä-pubertäre Schauspieltalent Barrymore dann im Verlauf der 1980er für Aufsehen sorgte. "Ich hatte meinen ersten Drink mit neun, fing mit zehn an, Marihuana zu rauchen und nahm mit zwölf Kokain." Mit diesem zweifellos zugkräftigen Zitat auf dem Buchdeckel verkaufte Drew Barrymore ihre 1990 erschienene Lebensbeichte "Little Girl Lost".
Kinderstars zwischen Triumph und Tragödie
Zu diesem Zeitpunkt war sie gerade 15 Jahre alt, aber beileibe nicht der einzige Kinderstar mit einer tragischen Biografie. Während sich Barrymore nach ihrer Therapie bekanntermaßen eine Erwachsenenkarriere als Schauspielerin und Produzentin aufgebaut hat, sind über Jahrzehnte zahllose andere minderjährige Talente von der Unterhaltungsindustrie oder ihren Begleiterscheinungen aufgerieben worden.
Für bedrückende Beispiele braucht es nicht einmal den omnipräsenten Michael Jackson, der auch hier in einer ganz eigenen Liga der Traurigkeit spielt. Da wäre etwa Judy Garland, die als minderjähriger Star unter Studiovertrag zur Leistungssteigerung mit Amphetaminen voll gepumpt wurde und sich bis zu ihrem frühen Tod nie von der Abhängigkeit befreien konnte. Oder "Kevin allein zu Haus"-Star Macaulay Culkin, der mit Erreichen der Pubertät aus dem Rollenfach fiel und der später seinen Vater und Manager beschuldigte, ihn und seine ebenfalls schauspielenden Geschwister aus Geldgier der Kindheit beraubt zu haben.
Die Liste ließe sich beliebig um weitere Namen verlängern, die heute nicht mehr mit Erfolgen, sondern mit Entziehungskuren, Nebenrollen in C-Filmen oder Prozessen - oft gegen die eigenen Eltern - in Verbindung gebracht werden. Wenn sie überhaupt noch auftauchen - schließlich ist das schneidendste Schwert im Showgeschäft das Vergessenwerden. Man muss wahrlich kein Psychologe sein: Wenn ältere 60- oder 70-jährige Künstler wehmütig der Bewunderung nachtrauern, wie soll es dann in einem zehnjährigen Kind aussehen? Bei aller berufsmäßigen Routine, die heutige Kinderstars an den Tag legen, der Entzug der Aufmerksamkeit muss grausam sein.
Ob Dakota Fanning - deren Eltern übrigens als äußerst bodenständig und fürsorglich gelten - einen ähnlichen Weg gehen wird, bleibt abzuwarten. Co-Stars wie Sean Penn, Denzel Washington und natürlich Tom Cruise haben ihr unisono eine große Zukunft prophezeit. Aber es war der Komiker Mike Myers, der seine Partnerin aus "Ein Kater macht Theater" als Kombination aus Judy Garland und Meryl Streep charakterisierte. Vielleicht unbewusst hat er sich mit dem Kompliment an die Wahrheit des Kinderstardaseins herangetastet, die wohl immer zwischen Tragödie und Triumph liegen wird.
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