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09.07.2005
 

Deutscher Filmpreis

Zucker für die Deutschen

Von Daniel Haas

Bernd Eichinger als graue Eminenz, Michael "Bully" Herbig als Moderator und Dani Levy als sympathischster Preisträger, den man sich wünschen kann: Die gestrige Vergabe des Deutschen Filmpreises konnte sich sehen lassen.

"Alles auf Zucker"-Regisseur Levy, Schauspieler Hübchen: Gewinner der Filmpreis-Verleihung
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"Alles auf Zucker"-Regisseur Levy, Schauspieler Hübchen: Gewinner der Filmpreis-Verleihung

Berlin - Sie wurde als eine der schönsten und wandlungsreichsten Darstellerinnen angepriesen und ließ auch gleich eine schön staatstragende Erklärung vom Stapel: Es sei gut, dass man beim Deutschen Filmpreis nicht alles Hollywood nachmache, sagte Marie Bäumer, sondern sich auf "unsere Stärken" besinne: "Verbindlichkeit, Persönlichkeit, Tiefe".

Moment mal: Die deutsche Tiefe, war das nicht jene Tugend, die uns in Kunstdingen seit jeher zur Spekulation, aber nur wenig zum Entertainment befähigt? Und führte deren Umschlag - der verkrampfte Wunsch, mal nicht so deutsch zu sein - nicht Mitte der Neunziger zu jenen so genannten Beziehungskomödien, die heute irgendwie allen peinlich sind?

Mit der Tiefe können es die Organisatoren der Deutschen Filmakademie nicht so gehalten haben, sonst hätten sie nicht Michael "Bully" Herbig als Moderator bestellt, diesen Großmeister des heiteren Flachsinns. Herbig ist einer, der nicht in ideologischen Tiefen gräbt, sondern hoch hinaus will - nach Hollywood, wie unlängst im SPIEGEL zu lesen war.

Ganz klar: Die von Bernd Eichinger 2003 nach amerikanischem Oscar-Vorbild gegründete Akademie wollte ein Zeichen setzen und verpflichtete deshalb den erfolgreichsten Kinospaßmacher der Nation. Und der führte amüsant und amüsiert durch einen Abend, der in seiner perfekten Organisation und selbstbewussten Heiterkeit tatsächlich ein bisschen an Hollywood erinnerte.

"Herr Herbig, denken Sie an den Kulturauftrag!", habe man ihn für die Moderation geködert. "So etwas Schönes hat noch nie jemand zu mir gesagt", witzelte der "(T)Raumschiff "-Macher kokett und gab damit die Richtung vor: Tiefe war von dieser Gala nur bedingt zu erwarten; für Verbindlichkeit sorgte der Pianist, der jedem Preisträger genau 45 Sekunden für Dankesworte Zeit ließ und dann unerbittlich dazwischen klimperte.

"Ein guter Regisseur hat etwas zu sagen"

Und Persönlichkeiten gibt es genug im deutschen Kino. Wenn sie sich wie gestern einmal ausgiebig feiern dürfen, dann haben alle was davon: die Zuschauer und potentiellen Kinogänger, die sehen, dass es eben doch Stars und engagierte Kreative made in Germany gibt und die Filmschaffenden, die dankbar sind, dass ihre Arbeit gewürdigt und gefördert wird.

Keine Hochzeit für die Tiefe also, zumindest auf den ersten Blick, zumal das von Eichinger produzierte Hitler-Drama "Der Untergang" nur in zwei Kategorien nominiert war. Eichinger - dem zu Unrecht die Instrumentalisierung des Preises vorgeworfen wurde, weil erstmals die Branche selbst die mit fast drei Millionen Euro dotierten Auszeichnungen vergibt - trat nur ganz dezent in Erscheinung: Gemeinsam mit Helmut Dietl und Uli Felsberg übergab er den Ehrenpreis an Reinhard Hauff. Der Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin mahnte den Nachwuchs, sich nicht allzu schnell vereinnahmen zu lassen und bekräftigte sein künstlerisches Credo: "Ein guter Regisseur ist jemand, der etwas zu sagen hat."

Schauspielerin Julia Jentsch: Als Sophie Scholl beste Hauptdarstellerin
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DDP

Schauspielerin Julia Jentsch: Als Sophie Scholl beste Hauptdarstellerin

Dieses Bekenntnis zur Message, zum Engagement, es ist längst eingelöst - die Nominierungen waren der beste Beweis. "Sophie Scholl", "Der 9. Tag", "Die fetten Jahre sind vorbei" - alles Filme, denen man keinen Mangel an Semantik vorwerfen kann. Überhaupt: Die Hingabe, mit der die deutschen Filmkreativen in letzter Zeit das Dritte Reich sondiert haben, spricht für sich. Man will das Feld nicht ausschließlich Guido Knopp überlassen - und das ist gut so.

Teutonischer Tiefsinn?

Dass Julia Jentsch nach dem Silbernen Bären der Berlinale auch eine Lola für die beste weibliche Hauptrolle erhielt, war so gesehen konsequent, die Auszeichnung Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei" ein schöner Fingerzeig, auch politisch kontroverse Stoffe zu ehren.

War's letztlich also doch teutonischer Tiefsinn, der hier zu Buche schlug? Haben wir uns nach den Jahren der wenig bewegenden Männer-und-Frauen-Geschichten in Kino-Historiographen verwandelt? Wenn der Deutsche Filmpreis 2005 als Wegweiser herhalten kann, lautet die Antwort ja - und nein.

Denn der große Abräumer des Abends war Dany Levis Komödie "Alles auf Zucker": bester Hauptdarsteller, bestes Drehbuch, beste Filmmusik, bester Film. Man sah den Regisseur und sein Team am Ende öfter auf der Bühne als Moderator Herbig. "Ich danke Mami, Papi und dem lieben Gott für die Gabe, mich mit mir selbst zu vergnügen - schreibenderweise", bedankte sich Levy beim ersten Mal, als er strahlend auf die Bühne stürmte. Schreiben sei wie ein multipler Orgasmus, "eingebettet in eine Depression ".

"Ich habe Hitler geschlagen"

So herzig und herzlich, so aufrichtig und aufrecht hat man selten einen Kreativen von der eigenen Arbeit sprechen hören; hier mischten sich Selbstironie und Scharfsinn, Melancholie und Verve zu dem, was man mit Bäumer als Persönlichkeit bezeichnen kann. Und diese Mischung aus - schreckliches Wort - Tiefe und hoch gestimmter Lebensklugkeit bestimmt auch Levys exzellente Komödie um einen Bruderzwist in einer deutsch-jüdischen Familie.

"Ich habe Hitler geschlagen", freute sich Hauptdarsteller Henry Hübchen mit einem Seitenhieb auf Eichingers Großproduktion, die keinen einzigen Preis davontrug, obwohl Bruno Ganz, Corinna Harfouch und Juliane Köhler für ihre Darstellung nominiert waren. Hitler schlagen - darin liegt vielleicht auch ein Versprechen: dass das deutsche Kino weiter jenes Profil schärfen kann, das von Lachfalten ebenso gezeichnet ist wie von historischen Narben.

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