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04.10.2005
 

Umstrittene Tier-Doku

Die Pinguin-Passion

Pinguine sind cool - und sorgen in Amerika für erhitzte Gemüter. Ein Dokumentarfilm über die tierischen Frackträger mobilisiert Journalisten und Interessengruppen. Vor allem konservative Christen nehmen den antarktischen Vogel in Beschlag: als Maskottchen im Kampf gegen die Evolutionstheorie.

Kameramann und Pinguin: Eiskalt instrumentalisiert
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Kinowelt

Kameramann und Pinguin: Eiskalt instrumentalisiert

Washington - Ein Überlebenskampf in der eisigen Antarktis sorgt für Aufregung: In dramatischen Bildern zeigt ein Film Kinozuschauern erstmals, wie sich Kaiserpinguine unter widrigen Umständen für ihre Nachkommenschaft aufopfern. "Die Reise der Pinguine" spielte allein in den USA bereits 74,5 Millionen Dollar (rund 62 Millionen Euro) ein und ist damit die erfolgreichste französische Produktion, die es je in die Lichtspielhäuser der Vereinigten Staaten schaffte. Ganz unversehens wurde der Film darüber hinaus zum umstrittensten Film seit der Dokumentation "Fahrenheit 9/11", in der Oscar-Preisträger Michael Moore Präsident George W. Bush wegen des Irak-Krieges angriff.

Dabei hat Regisseur Luc Jacquet seine Geschichte vom "Marsch des Kaisers" (Originaltitel: "La marche de l'empereur") poetisch und reichlich unpolitisch in Szene gesetzt. Zu sehen sind die flugunfähigen Seevögel, die wie jedes Jahr im März in großen Schwärmen das kalte, aber nahrungsreiche Wasser verlassen, um in Karawanen Hunderte von Kilometern über das Festland zu zu watscheln. Sie trotzen Schneestürmen und den Angriffen von Robben und finden sich schließlich zu Paaren zusammen.

Um das jeweils einzige Ei auszubrüten, harren die Pinguinväter monatelang ohne Futter aus. Bei Schneestürmen und Temperaturen von bis zu minus 40 Grad Celsius wärmen sie sich gegenseitig. Die Vogelmütter gehen in dieser Zeit auf Nahrungssuche und kehren erst zurück, um die frisch geschlüpften kleinen Pinguine von den Vätern zu übernehmen und zu füttern. Dann machen sich die ausgehungerten Väter ihrerseits auf den lebensgefährlichen Treck zum Fischen.

Die Schönheit der antarktischen Umwelt und das anrührende Familienleben der größten Pinguinart machten den Film, der ab dem 13. Oktober auch in die deutschen Kinos kommt, in Frankreich wie in den USA zu einem Riesenerfolg. Doch in den Vereinigten Staaten erkoren konservative Christen die Kaiserpinguine auch noch als Tugendsymbol aus. Die christliche Organisation "153 House Churches Network" sieht ihr Leiden als Beweis gegen die Evolutionstheorie und für die Existenz Gottes. Sie lädt ganze Familien ein, den Film zu sehen.

Für tiefgläubige Christen dürfte "Die Reise der Pinguine" der größte Filmgenuss seit Mel Gibsons "Die Passion Christi" sein, schätzte Filmkritiker Michael Medved in der "New York Times": "Dies ist 'Die Passion der Pinguine'." Die Tiere zeigten beispielhaft "Aufopferung, Zusammenarbeit und Zuneigung", warb seine Kollegin Mari Helms auf www.christiananswers.net. Im stramm konservativen "National Review" pries Kolumnist Rick Lowry die Kaiserpinguine als Muster der Monogamie, religiöse Abtreibungsgegner sehen in ihnen eine Art Wappentier.

Weniger gläubige Zeitgenossen hielten indes dagegen, dass Kaiserpinguine sich zwar jeweils für ein Jahr binden, insgesamt aber ein äußerst abwechslungsreiches Sexualleben führen. Auch Homosexualität ist unter Pinguinen recht verbreitet. "Diese Pinguine kommen herum", notierte Sheerly Avni bissig unter www.alternet.org. Bei ihnen laute die Frage nicht "Was würde Jesus tun?", sondern "Mit wem würde Jesus es tun?". Noch weiter geht die Frage, ob das Überleben der Pinguine ein Ergebnis der Evolution ist oder vielmehr Ausdruck von Gottes Willen. In der "Washington Post" stellte Kolumnist George Will die sinnige Frage: Wenn Gott die Natur geschaffen habe - "warum machte er dann das Brüten für diese Pinguine so mühsam?"

Richard Ingham, AFP

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