• Drucken
  • Senden
  • Feedback
14.10.2005
 

"Die Reise der Pinguine"

Leiden für das Leben

Von Jürgen Schmieder

Eine Tierfilm mit philosophischem Anspruch: Luc Jacquets "Die Reise der Pinguine" beschreibt die Qualen der Kaiserpinguine bei ihrer Fortpflanzung. Das mit religiösen Metaphern beladene Passionsspiel ist bereits jetzt die zweiterfolgreichste Dokumentation aller Zeiten.

Kaiserpinguine wären die besseren Menschen. Eine Szene in der Mitte des Films verdeutlicht die Einstellung der Tiere zum Leben. Wenn der antarktische Eissturm über sie hereinbricht, versammeln sie sich und bilden einen riesigen Haufen. Sie kuscheln sich aneinander und wärmen sich gegenseitig. Vor allem: Sie stemmen den eigenen Körper gegen die Gefahr, um das ungeschlüpfte Junge zu schützen, das sie zwischen den Beinen tragen. Über sie fegt der Sturm hinweg, doch gemeinsam sind sie eine Wand gegen die Kälte. Luc Jacquet hat diese Bilder mit der Kamera eingefangen.

Kaiserpinguin und Kameramann: Regieanweisungen für den Darsteller
Zur Großansicht
Kinowelt

Kaiserpinguin und Kameramann: Regieanweisungen für den Darsteller

Die Dokumentation des französischen Filmemachers hat weltweit bereits über 86 Millionen US-Dollar eingespielt. In den USA gilt Jacquets Pinguin-Passion bereits als zweiterfolgreichster Dokumentarfilm aller Zeiten - hinter Michael Moores "Fahrenheit 9/11". Seit gestern läuft der Tierfilm auch in Deutschland.

Es ist wohl die Faszination an der bedingungslosen Hingabe der Kaiserpinguine, die die Zuschauer in die Kinos lockt. Der wochenlange Marsch durch das ewige Eis, die nicht enden wollende Qual, die selbstlose Opferbereitschaft der Tiere. Pinguine gehören zur Familie der Vögel, obwohl der Begriff nicht unbedingt passt, denn die Welt der Lüfte ist ihnen verwehrt. Den Sommer über leben sie im Ozean, einem maritimen Paradies. Futter gibt es genug, die natürlichen Feinde sind rar. Erst im Herbst verlassen sie das Meer, um sich fortzupflanzen. Da sie nicht wie ihre Artgenossen fliegen können, müssen sie laufen. Alljährlich beginnt so eine beschwerliche Reise, die religiöse Texte nicht eindrucksvoller erzählen könnten.

Schon der Marsch an die Brutstätte erinnert an den Kreuzweg Jesu: Unbeholfen watscheln die Tiere mit ihrem klobigen Körper durch das ewige Eis, Tag für Tag, ohne Unterbrechung, ohne Nahrung. Wenn es nicht mehr weitergeht, lassen sie sich auf den Bauch fallen und schieben sich mit ungelenken Bewegungen der Füße nach vorne. Regisseur Jacquet führt den Zuschauer eindrucksvoll an das Leid der Tiere heran. Minutenlang zeigt er nur Bilder von karstigen, klirrend kalten Eislandschaften, durch die sich die kilometerlange Karawane der Vögel zieht.

Der Weg fordert zahlreiche Opfer: Viele Tiere verhungern, erfrieren oder werden von Sturmvögeln getötet. Doch die Königspinguine sind unbeirrbar, sie marschieren immer weiter. Alles, was zählt, ist der Fortbestand der eigenen Spezies. Und der beste Platz zur Fortpflanzung ist nun einmal ein bestimmter, immer gleicher Ort in den Weiten der Antarktis, umgeben von Bergen aus Eis, die Schutz bieten vor Feinden.

Pinguinherde: Nur in der Gemeinschaft überleben
Zur Großansicht
Jérôme Maison / Bonne Pioche / Kinowelt

Pinguinherde: Nur in der Gemeinschaft überleben

Überall schimmert das katholische Weltbild Jacquets durch: Allein durch Opfer kann Leben entstehen, scheint er sagen zu wollen. Jeder Pinguin ein besserer Mensch im Sinne der Heiligen Schrift: Das Leid wird billigend in Kauf genommen, ohne Klagen und ohne Suche nach Auswegen, immer mit Blick auf das große Ziel, die Rückkehr ins Paradies des Ozeans, wenn die Reise vorbei ist. Um die Metapher noch deutlicher zu machen, werden die Vögel im Film personifiziert. Aus dem Off werden ihre Gedanken vertont: "Noch ein paar Tage, dann reicht der kleine Vorrat an Nahrung nicht mehr aus. Halte durch, mein Kleiner."

Wegen seiner religiösen Dimension wurde "Die Reise der Pinguine" im Ausland bereits kontrovers diskutiert. Anhänger christlicher Bewegungen sehen in der Passion der Tiere einen Beweis gegen die Darwinsche Evolutionstheorie, für Monogamie und die Existenz eines Gottes. Denn obwohl die Fortpflanzung an anderen Orten als am Südpol einfacher wäre, bleiben die Tiere ihrem Lebensraum seit Jahrhunderten treu. Naturwissenschaftler halten dagegen, dass Kaiserpinguine durchaus ein abwechslungsreiches Sexualleben haben und auch über homoerotische Tendenzen verfügen.

Pinguin-Karawane: Exodus aus dem Paradies
Zur Großansicht
Jérôme Maison / Bonne Pioche / Kinowelt

Pinguin-Karawane: Exodus aus dem Paradies

Jacquets Beschäftigung mit den Tieren reicht bis in die frühen Neunziger zurück. 1993 war er Kameramann bei Hans-Ulrich Schlumpfs "Der Kongress der Pinguine". Vom Tierfilmer Schlumpf hat er wohl auch den Hang zum Pathos geerbt, denn sein Film verfällt immer wieder in feierliche Ergriffenheit. So etwa, wenn das Wiedersehen der Eltern nach der Nahrungssuche zelebriert wird oder in ausschweifenden Monologen das Schlüpfen der Kinder beschrieben wird. In diesem Momenten ist zu spüren, dass Jacquet auch seine persönliche Passion erzählt: Mehr als ein Jahr verbrachte er in der Antarktis und trotzte den Widrigkeiten, um sein Baby - seinen ersten Film als Regisseur - hervorbringen zu können.

Jacquet wollte keine Dokumentation im Sinne der ethnographischen Sielmann-Filme drehen. Die wahre Reise der Pinguine ist nicht ganz so spektakulär, die Entbehrungen nicht so groß wie im Film dargestellt. Der Filmemacher hatte eine Dramaturgie vorher konzipiert und jede einzelne Szene geplant. So schafft er eine Erzählweise, die zwar in einigen Momenten kitschig wirken mag, seine Wirkung jedoch nicht verfehlt. Als Zuschauer ist man gefesselt, der Transfer auf die menschliche Lebensweise fällt nicht schwer.

Vor allem, weil am Ende die Erlösung steht: Die Jungen werden geboren und genährt, die Familie ist wieder vereint. Das Verlassen der unbequemen Eiswüste kommt einem Exodus in das gelobte Land gleich: Es geht zurück in den Ozean, zurück in das schöne Leben. Jacquets Botschaft: Nach allem Leid wartet das Paradies. Und diese Hoffnung haben schließlich nicht nur Pinguine.


Die Reise der Pinguine (La Marche de l'empereur)

Frankreich 2005. Regie/Buch: Luc Jacquet. Produktion: Bonne Pioche, Canal+, Buena Vista International, APC. Verleih: Kinowelt. Länge: 85 Minuten. Start: 13. Oktober 2005

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr auf SPIEGEL ONLINE







TOP



TOP