Von David Kleingers
Auf den ersten Blick ist es ein déjà vu der abstoßenden Art: 1987 hing Sergeant Martin Riggs (Mel Gibson) im letzten Akt von "Lethal Weapon" angekettet von der Decke eines feuchten Gemäuers und wurde von finsteren Gesellen mit Elektroschocks gefoltert. 2005 setzen im Finale von "Kiss Kiss, Bang Bang" ebenso ruchlose Gestalten die Genitalien von Harry Lockhart (Robert Downey Jr.) unter Strom.
Nun stammen zwar beide Szenen vom Drehbuchautoren Shane Black, der bei "Kiss Kiss Bang Bang" erstmals auch Regie führte, doch da enden schon die Gemeinsamkeiten: Denn "Lethal Weapon" - oder "Zwei stahlharte Profis", wie der potenzgewaltige deutsche Verleihtitel behauptete - markierte damals nicht nur den Beginn von Blacks kurzzeitig sehr steiler Karriere als Autor. Vielmehr wurde der Film stilprägend für ein Hochglanz-Actionkino, das die Krise des weißen amerikanischen Mannes mit Zynismus und überbordender Gewalt bewältigen wollte.
"Kiss Kiss, Bang Bang" hingegen ist Shane Blacks Versuch eines Comebacks nach seiner vieldiskutierten Schreibkrise und zugleich die höchst amüsante Abrechnung mit jenen Erfolgsformeln, die ihn einst zum hoch bezahlten Blockbuster-Belletristen machten. Diese halsbrecherische Krimi-Kolportage schickt den weißen Mann in den größten nur denkbaren Schlamassel und demontiert dabei munter die Heldenbilder Hollywoods. Aber um die selbstkritische Wiedergutmachung des einstigen Wunderkinds Black wirklich honorieren zu können - und um zu begreifen, wo der entscheidende Unterschied zwischen der Pein eines Mel Gibson und der von Robert Downey Jr. liegt -, sollten zumindest kurz die Anfänge rekapituliert werden.
Von Killern und Kalauern
Der entscheidende Kunstgriff Blacks bei "Lethal Weapon" war die Einführung eines afroamerikanischen Sidekicks. Mit Danny Glover als politisch korrektem Partner durfte Mel Gibsons pathologischer Polizist unbekümmert jeden umpusten, der seine Kreise störte. Der vermeintliche Fortschritt des multi-ethnischen "Buddy Movies" hatte also einen hohen Preis: Frauen und insbesondere Schwule wurden zum legitimen Ziel eines unverhohlen feindseligen Machismo. Black selbst lieferte später die Vorlage zur endgültigen Absegnung dieses fragwürdigen Konzepts mit seinem Script zu "The Last Boy Scout" (1991), in dem Bruce Willis und der afroamerikanische Komiker Damon Wayans ohne Unterlass killen und kalauern.
In einer Art filmischem mea culpa versuchte sich der Autor anschließend an einer Parodie der eigenen Allmachtsphantasien. Doch die kindsköpfige Schwarzenegger-Sause "Last Action Hero" (1993) floppte grandios, und Blacks vorerst letzte nennenswerte Schreibarbeit wurde drei Jahre später unter dem Titel "The Long Kiss Goodnight" ("Tödliche Weihnachten") verfilmt.
Kommerziell nicht sonderlich erfolgreich, überraschte das knallige Spektakel doch mit einer bemerkenswerten Abweichung von der Norm: Unter der Regie ihres damaligen Ehemanns Renny Harlin übernahm Geena Davis die Heldenrolle, inklusive des diesmal von Samuel L. Jackson gespielten schwarzen Waffenbruders. Ein wirklicher Machtwechsel wurde allerdings auch hier nicht vollzogen: Davis' Figur hörte nicht nur auf den Rufnamen Charlie, sondern gab auch sonst den marodierenden Macker bis hin zur anzüglichen Aufforderung an ihre todgeweihten Gegner: "Suck my dick."
Mordspaß ohne Machos
So bleibt der Bruch mit märtyrerhaften Machoallüren letztlich "Kiss Kiss, Bang Bang" vorbehalten. Als charmant unzuverlässiger Erzähler führt Robert Downey Jr. die Zuschauer durch das Geschehen. Er spielt den New Yorker Gelegenheitsdieb Harry Lockhart, welcher irrtümlich als Neuentdeckung für eine Filmproduktion engagiert wird. Kaum im Sündenbabel Los Angeles eingetroffen, soll der Hochstapler zwecks Rollenstudium den hochklassigen und homosexuellen Privatdetektiv Perry Van Shrike (Val Kilmer) bei einer Routineermittlung begleiten.
Perry ist von dem unerfahrenen Trittbrettfahrer alles andere als begeistert, und auch Harry freut sich zunächst weit mehr über ein Wiedersehen mit Kindheitsfreundin Harmony (Michelle Monaghan), die es aus der heimatlichen Provinz an die Peripherie des Showgeschäfts verschlagen hat. Beide verbindet eine Faszination für den Schundromanhelden Jonny Gossamer. Dessen Abenteuer bieten bald handfeste Überlebenshilfe - zum Beispiel wenn eine vermeintlich harmlose Überwachung im Kugelhagel endet, übel zugerichtete Leichen an den unpassenden Orten auftauchen und Harry, Perry und Harmony sich inmitten einer abgründigen Verschwörung wiederfinden.
Letztere ist gelinde gesagt ein narratives Kuddelmuddel der Extraklasse, das unweigerlich an die oft zitierte Hollywood-Anekdote vom nächtlichen Anruf Howard Hawks' bei Raymond Chandler während der Dreharbeiten zum Krimi-Klassiker "Tote schlafen fest" erinnert: Der Regisseur wollte vom Autor wissen, durch wessen Hand eine der zahlreichen Nebenfiguren ums Leben kommt. Worauf Chandler nach kurzem Überlegen zugeben musste, dass er nicht die geringste Ahnung hatte.
Black wiederum bemüht nicht nur Chandlers Romantitel als klangvolle Kapitelüberschriften für seine temporeiche Farce, sondern teilt auch offensichtlich des Meisters Mangel an Erzähllogik. Wohlgemerkt kein gravierendes Defizit, geht es doch heute genauso wie damals vorrangig um Stil, Atmosphäre und den richtigen Dialog inmitten horrend falscher Zustände. All das bietet diese hysterische und hinreißende Metafiktion, die das Repertoire der "Schwarzen Serie" und Hollywoods Selbstinszenierungen zu absurden Höhenpunkten auftürmt.
Feurige Selbstkritik
Sehr ernst scheint Black dagegen die Abrechnung mit der eigenen Schreibvergangenheit im testosteronsatten Actionkino zu nehmen. Als schwuler Sympathie- und Schusswaffenträger ist Val Kilmer ein smarter Gegenentwurf zu den offen homophoben und latent frauenfeindlichen Helden aus Blacks früheren Filmen. Gemeinsam mit Robert Downey Jr.s heterosexuellen Hallodri bildet er ein mit weiblichen wie männlichen Attributen kokettierendes Paar, das über Geschlechtergrenzen hinweg Sex-Appeal versprüht.
Darum ist der Stromschlag unter Harry Lockharts Gürtellinie eben auch symbolischer Exorzismus der von Kastrationsangst geplagten Mannsbilder aus "Lethal Weapon" und "Last Boy Scout". Denn anders als seine gequälten Vorläufer, die sich nach solch traumatischen Erfahrungen mittels eines blutigen Massakers ihrer Männlichkeit vergewissern mussten, findet Harry eine weitaus gesündere Therapieform: Er küsst einfach das Mädchen.
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