Messieurs Dardennes, Ihr neuer Film "L'Enfant" schildert den Prozess einer emotionalen, moralischen Bewusstwerdung. Die Hauptfigur Bruno will sein neugeborenes Kind verkaufen, macht den Handel jedoch rückgängig, als er begreift, welchen Schmerz er seiner Freundin zufügt. Wie gelingt es Ihnen, einen solchen Gefühls-Parcours fast allein durch die Handlungen und Gesten der Figuren zu erzählen?
Luc Dardenne: Das ist eine Herausforderung, der wir uns bei jedem neuen Stoff stellen: Wie setzt man diesen unsichtbaren Weg, von dem Sie sprechen, filmisch um? Natürlich könnte man für die Sprachlosigkeit unserer Charaktere soziologische Gründe anführen: Sie leben am Rande der Gesellschaft, sind viel zu sehr mit dem Überleben beschäftigt, um ihre Existenz und ihr Handeln zu reflektieren. Sie sind es nicht gewohnt, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte klar zu formulieren.
Jean-Pierre Dardenne: Aber letztlich ist es einfach eine intuitive Vorliebe. Wir greifen nur dann auf Dialoge zurück, wenn sie unverzichtbar sind. Wir bedienen uns auch nur selten der Blicke der Figuren, um in ihr Inneres vorzudringen. Vielmehr vertrauen wir uns ihren Gesten, ihrem Körperspiel an. Die Arbeit mit den Darstellern ist für uns ein Prozess, der voller Entdeckungen steckt. Wir bitten sie stets, sich zurückzunehmen, so neutral wie möglich zu spielen. Auf diese Weise projiziert der Zuschauer viel mehr in sie hinein. Je weniger man ihm zeigt oder erklärt, desto stärker wird er gefordert, sich in die Charaktere hineinzuversetzen.
SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich sind in Ihren Filmen alltägliche Verrichtungen oft aufgeladen mit einer moralischen und psychologischen Vieldeutigkeit.
Jean-Pierre: Die Zuschauer sollen sich im Verlauf des neuen Films ständig fragen, was in Bruno vorgeht. Man muss ihm eine gewisse Unergründlichkeit bewahren. Ich hoffe, es ist nicht vorhersehbar, was er tun wird. Für uns ist es wichtig, dass sein Handeln für ihn in jedem Moment eine praktische Notwendigkeit besitzt. Unsere Filme müssen stets auf der Ebene des Konkreten bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Von Beginn an erzählen sie in Ihren Filmen von der Auflösung der sozialen Netze. Sie sind Filmemacher, die fortwährend über ihre gesellschaftliche Verantwortung Rechenschaft ablegen. Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die aktuellen Unruhen in Frankreich?
Luc: In Belgien haben wir ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch bei uns gibt es solche Explosionen der Gewalt - häufig, nachdem nordafrikanische Dealer von der Polizei aufgegriffen und misshandelt wurden. Es ist zwar unbestreitbar, dass der Drogenhandel in einem Zusammenhang steht mit der Emigration aus dem Maghreb, aber eine solche Revolte hat stets noch weitere Gründe. Sie fällt nicht einfach vom Himmel, sie ist Ausdruck von den schwelenden, verdrängten sozialen Problemen. Ich denke, ein entscheidender Grund dafür ist, dass der Arbeitsmarkt heutzutage keine wirkliche Integration mehr zulässt.
SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?
Luc: Wir sind in den fünfziger Jahren aufgewachsen und haben mitbekommen, wie rasch die Einwanderer aus Marokko und Italien in den Tagebau eingegliedert wurden. Seither sind die Zukunftsaussichten für die Einwandererkinder immer geringer geworden. Sie fühlen sich marginalisiert. Darin zeigt sich auch ein Scheitern der Städteplaner. Ich will nicht sagen, dass in französischen Vorstädten unmenschliche Lebensbedingungen herrschen, es gibt ja Strom und fließendes Wasser. Aber es ist schwer, ein würdevolles Leben zu führen, wenn man jedes Geräusch der Nachbarn hört. Und in einem Ghetto fühlt man sich von den Hauptströmen der Gesellschaft ausgeschlossen. Auch die Schule vermittelt ihnen immer weniger Perspektiven. So wird der religiöse Fundamentalismus zu einer verführerischen Zuflucht. Wir müssen aufpassen, dass die Jugendlichen sich den demokratischen Werten nicht dauerhaft entfremden.
SPIEGEL ONLINE: Im französischen Kino gibt es bereits seit Mitte der neunziger Jahre eine Rückkehr zu sozialen Themen. Woran liegt es, dass es Filmemachern offenkundig leichter als der politischen Klasse fällt, den Marginalisierten der Gesellschaft mit Neugier und Respekt zu begegnen?
Jean-Pierre: Ich glaube nicht, dass das generell so stimmt. Als wir den Film in Frankreich in verschiedenen Städten vorstellten, haben wir viele Politiker getroffen. Darunter etliche, die guten Willens sind, sich aber in ihren Gestaltungsmöglichkeiten immer stärker beschränkt sehen, soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Dieser Eindruck der Machtlosigkeit, unter der sie leiden, war sehr stark. Ich sehe noch ein anderes Problem, das eng damit verbunden ist: Viele von ihnen benehmen sich zusehends wie Schauspieler. Schauen sie nur einmal, wie viel Zeit manche Politiker vor Fernsehkameras verbringen! Und wie gut sie dabei aussehen wollen! Das liegt vielleicht daran, dass sie ihre eigentliche Rolle nicht mehr ausfüllen, ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr gewissenhaft ausüben können.
Luc: Ja, dieser Drang, vor den Fernsehkameras zu glänzen, entspringt bestimmt auch dem Bedürfnis nach Kompensation. Die politische Klasse scheint immer weniger zu Reformen fähig, weil die Entscheidungen anderswo gefällt werden. Die größte Gefahr sehe ich in der Privatisierung des öffentlichen Dienstes. Die Grundlagen der Gesellschaft, das Gesundheitswesen, die Erziehung, dürfen nicht einfach so preisgegeben werden. Ich glaube, das ist die Herausforderung, der sich die verantwortungsvollen Politiker in Europa in den nächsten Jahren stellen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Herausgefordert sind auch die Zuschauer Ihrer Filme: Die Kamera ist stets eng an die Perspektive der Figuren gebunden. Sie bewegt sich meist nervös und fahrig.
Luc: Nach einer Vorführung unseres letzten Films, "Der Sohn" fragte uns ein Zuschauer, worin eigentlich unser Stil bestünde. Jean-Pierre antwortete: die Leute krank zu machen. Tatsächlich soll es in Belgien einigen Zuschauern schwindlig geworden, weil sich die Kamera ständig bewegt. Bei unseren Filmen sollte man vielleicht nicht zu nah an der Leinwand sitzen.
SPIEGEL ONLINE: Die Identifikation mit den Figuren funktioniert in ihrem Kino ganz anders als in einem Hollywoodfilm. Da würde man erwarten, dass Bruno einen Ausweg aus seinem moralischen Dilemma findet, in dem er bei der Polizei als Zeuge gegen den Kinderhändlerring aussagt. In Ihrem filmischen Universum scheint eine solche Lösung undenkbar.
Jean-Pierre: Diese Möglichkeit wäre uns nie in den Sinn gekommen. Selbst wenn, dann hätten wir sie nie ernsthaft erwogen. Für uns existiert Bruno so sehr am Rande der Gesellschaft, dass eine solche Eingliederung völlig unglaubhaft wäre.
Das Interview führte Gerhard Midding
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