• Drucken
  • Senden
  • Feedback
24.11.2005
 

"Der Exorzismus von Emily Rose"

Auf Teufel komm raus

Von Christian Buß

Christengerechte Teufelsaustreibung: In dem Film "Der Exorzismus von Emily Rose" werden die Genres Horror und Justizdrama zu einem spannend erzählten Thriller verknüpft. Der in den USA erfolgreiche Religionsschocker beruht auf einer wahren Geschichte.

Ihre Karriere ist ihre Religion. Erin Bruner (Laura Linney) ist eine dieser Anwältinnen, wie es sie nur im amerikanischen Kino und Fernsehen gibt. Beim Whiskey in der Bar schmiedet sie Strategien und Bündnisse, nachts schläft sie auf der Couch unter einem dekorativen Stapel Akten ein. Bruner glaubt nur an das, was sie sieht. Am liebsten möchte sie ihren Namen an dem Schild der renommierten Kanzlei sehen, bei der sie angestellt ist. Für diesen Karrieresprung übernimmt sie sogar einen hoffnungslosen Fall: Priester Richard Moore (Tom Wilkinson) soll fahrlässig den Tod einer jungen Frau herbeigeführt haben. Das Opfer war seiner Auffassung nach vom Teufel besessen.

Die involvierte Erzdiözese zahlt viel Geld, damit die Verhandlung möglichst leise vonstatten geht; an einem Skandal ist man nicht interessiert. Doch der angeklagte Geistliche mag sich auf kein juristisches Arrangement einlassen, durch das er mit einer milden Strafe rechnen dürfte. Er will die Leidensgeschichte der jungen Frau erzählen, deren Teufelsbesessenheit ihm als klare Sache erschien. Ausgerechnet die Agnostikerin Bruner soll nun eine Legitimation für den tödlichen Exorzismus liefern. Und je tiefer die Anwältin forscht, desto stärker wir ihr rationales Weltbild erschüttert.

Glaube versus Verstand - dieser Antagonismus schlägt sich in "Der Exorzismus von Emily Rose" schon in der riskanten Erzählkonstruktion nieder. Denn hier werden zwei recht gegensätzliche Genres miteinander verknüpft: der Horrorthriller und das Gerichtsdrama. Tonfall, Taktik und Zielsetzung der beiden Filmarten könnten nicht unterschiedlicher sein. Weitet der Horrorthriller mit einer Mischung aus Andeutungen, Auslassungen und schockartiger Überreizung den Imaginationsraum des Zuschauers aus, appelliert das Gerichtsdrama an den Intellekt - relevant ist nur, was sich in der Rückblende rational darstellen lässt.

Die Anatomie einer Teufelsaustreibung ist also ein Widerspruch ins sich. Aber genau aus diesem Widerspruch schöpft Regisseur und Autor Scott Derrickson, ein bekennender Protestant mit Faible für die schaurige Ikonographie der Katholiken, über weite Strecken erzählerische Kraft.

Die juristische Analyse stößt in "Der Exorzismus von Emily Rose" bald an ihre Grenzen, die Suggestionskraft des Priesters tut ihre Wirkung. Waren die konvulsivischen Zuckungen der 19-jährigen Studentin Emily (Jennifer Carpenter) Phänomene von Psychose und Epilepsie - oder haben wirklich Dämonen von ihr Besitz ergriffen? Hätte die konsequente Einnahmen von Medikamenten, so wie sie konsultierte Ärzte verordnet haben, die Ausbrüche unterbinden können? Oder trugen gerade die anfänglich eingenommen Psychopharmaka und ihre sedierende Wirkung dazu bei, dass der Exorzismus nicht erfolgreich durchgeführt werden konnte?

Regisseur Derrickson, der zuvor ein paar Horrorschocker gedreht, aber auch die Drehbuchidee zu Wim Wenders Amerika-Meditation "Land Of Plenty" geliefert hat, setzt den Leidensweg der jungen Frau mit einigen geschickten Handgriffen ins Bild. Einige der Horroreffekte - von Munchs "Schrei" inspirierte Dämonenvisagen und allerlei unheilvoll rasselnde Elektrogeräte - sind zwar arg abgenutzt - dafür hat Derrickson eine exzellente Hauptdarstellerin gefunden: Jennifer Carpenter spielt mit geradezu athletischem Einsatz die junge Frau, die mit schreckensstarrem Blick Zeuge wird, wie man ihren Körper entmachtet. Ob dies nun als Folge einer Psychose, falscher Medikamentierung oder paranormaler Vorgänge geschieht, klärt sich nie ganz auf. Aber gerade daraus zieht "Der Exorzismus der Emily Rose" seine verstörende Kraft.

Problematisch ist bei diesem Szenario allerdings, dass es von einer wahren Begebenheit inspiriert wurde: 1976 führten zwei Geistliche im Auftrag des Bischofs von Würzburg eine ähnliche Teufelsaustreibung aus, auch hier erlag das Opfer den Torturen. Die Ärzte hatten zuvor eine schwere Psychose attestiert, aber die Eltern der Kranken ließen die Kirchenleute ihren inquisitorischen Feldzug an der jungen Frau ausführen. Der deutsche Regisseur Hans-Christian Schmid ("Lichter") hat zu dieser Begebenheit gerade seinen Film "Requiem" abgedreht, ein Familiendrama, das wohl auf der nächsten Berlinale seine Uraufführung erlebt und ohne okkulten Hokospokus auskommen dürfte.

Dass sich auch der Amerikaner Derrickson auf diesen Fall beruft, macht seinen eigentlich vielschichtigen Film zu einem schwierigen Fall. Was als fiktives Horrorszenario geschickt den Grenzbereich zwischen Realität, Glaube und Wahn ausleuchtet, legitimiert in der Rückkopplung mit den Begebenheiten in Bayern die gefährlichsten Auswüchse des christlichen Fundamentalismus - oder zeigt doch zumindest Verständnis dafür.

Dabei dürfte der Filmkonzern Sony, der "Der Exorzismus von Emily Rose" finanziert hat, eben genau jene streng gläubigen US-Zuschauer mit im Visier gehabt haben. Zurzeit hat es die amerikanische Unterhaltungsindustrie auf eine Gesellschaftsgruppe abgesehen, die bis vor kurzem nicht unbedingt durch ihre Kinoleidenschaft aufgefallen ist: Mit dem sensationellen Erfolg von Mel Gibsons Splatter-Bibelstunde "Die Passion Christi" zeigte sich, dass sich christlichen Fundamentalisten durchaus in großer Zahl in die Multiplexe locken lassen.

Außerdem mauserte sich vor ein paar Wochen der französische Dokumentarfilm "Die Reise der Pinguine", eine arg verkitschte Tierexpedition ins ewige Eis, in den USA zum erfolgreichsten ausländischen Film aller Zeiten. Nicht ganz unschuldig daran dürfte die Werbung durch einflussreiche Kirchenstimmen gewesen sein, die im Pinguindramolett eine Lobpreisung der Schöpfung sehen. Von solchen Erfolgen haben sich wohl auch die Bosse des Disney-Konzerns inspirieren lassen, als sie beschlossen, den im Dezember startenden Fantasy-Blockbuster "Die Chroniken von Narnia" in den USA explizit als Erlösungsgeschichte zu bewerben, um ihn so für das Publikum im "Bible Belt" schmackhaft machen.

Bei Sony jedenfalls ist die höchst weltliche Doppelstrategie mit dem Religionsschocker "Der Exorzismus von Emily Rose" voll aufgegangen: Gleich am Startwochenende spielte der Film an den US-Kinokassen weit mehr als seine Produktionskosten ein. Zum einen lockte man mit der geschmeidigen Genremixtur das übliche Popcorn-Publikum ins Kino, zum anderen konnten hier eben streng Gäubige eine blutige Bilderwelt finden, die sich mit ihren theologischen Ansichten vertrug. Der eine oder andere Hardcore-Christ könnte sich also durchaus bestätigt fühlen, dass im Falle einer Psychose Schläge mit einem Eisenkruzifix einer Behandlung mit Psychopharmaka vorzuziehen sei. Ein echt teuflisches Konzept.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP