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29.11.2005
 

Serien-Schöpfer Joss Whedon

Von der Vampirhölle ins All

Von Uh-Young Kim

Mit der Dämonenjägerin Buffy und dem beseelten Vampir Angel schuf er Ikonen der Popkultur, seine Weltall-Serie "Firefly" gilt als Meilenstein des Genres. Jetzt wagt Joss Whedon mit dem Science-Fiction-Abenteuer "Serenity" den Sprung auf die Leinwand.

Frech hüpft Joss Whedons Weltallabenteuer "Serenity" auf die Schultern seines Vorfahren "Krieg der Sterne" und fokussiert dessen blinden Fleck. Gänzlich in esoterisch-elitäre Sphären entrückt, vergaß George Lucas nämlich den pragmatischen Sidekick der spröden Jedis: Han Solo.

Whedon, wie der "Star Wars"-Schöpfer Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in einem, spinnt die Figur des ironischen Weltraumschmugglers weiter. Als Captain Malcolm Reynolds (Nathan Fillion) führt der Antiheld ein liebenswertes Ensemble aus Außenseitern an. Auf einem Miettransporter, der wie ein Beruhigungstee heißt und einer gerupften Henne gleicht, kreuzen sie durch die wilde Galaxis.

Erstmals entfaltet sich auf Spielfilmlänge Whedons Talent für mythische Universen mit vielschichtigen Plots und komplexen Charakteren. Viele sehen in ihm schon den neuen George Lucas. Im Gegensatz zum bärtigen Ranchbesitzer aber kann der bübische Nerd exzellente Drehbücher schreiben. Zahllose detailversessene Interviews auf Fanseiten zeugen zudem von seiner großen Sympathie für die Geek-Kulturen, die sich um seine Werke ranken.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE gibt Whedon zu, dass er als Teenager auch ein Nerd oder Geek war: "Ich kann die nie auseinanderhalten - einer von beiden ist ein Fan von Genre-Fiktion, der andere ist auch in Wissenschaften fit. Ich kannte mich mit Science-Fiction, Comics und jeder Erzählung aus, die mich aus einer Welt führte, in der ich nicht sonderlich beliebt war."

Vom Geek zum Trendsetter

Zwei Trends zeichnen sich aus seiner Sicht zwischen Mainstream und Geek-Kultur ab: "Das Konzept des Geek löst sich auf. Die, die früher gehänselt wurden, sind teilweise reich geworden und können es sich leisten, zu kaufen und zu verkaufen. Dann gibt es eine Art Retro-Geek-Chic. Du bist nicht mehr zwangsläufig sozial unfähig, sondern hipp. Andererseits geht es immer darum, sich abzugrenzen, etwas zu haben, was nur einem selbst gehört."

TV-Macher Joss Whedon: "Der Kampf ist kompliziert"
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AP

TV-Macher Joss Whedon: "Der Kampf ist kompliziert"

Aus dieser Dynamik hat der 1964 geborene Drehbuchautor in der dritten Generation - schon sein Vater und Großvater schrieben für das Fernsehen - eine unverwechselbare Handschrift entwickelt. Eigensinnige Teenager-Idiome werden hier auf ausufernde Erzählbögen gespannt; das melodramatische Pathos eines Douglas Sirk wird von Dialogen gebrochen, die mit shakespeareschem Witz und Comic-Verve geschärft sind. Jede Plotwende dient dazu, tiefer in die Psychogramme der Figuren vorzudringen. So verlieh Whedon unter anderem dem Skript von "Toy Story" den entscheidend humanen Dreh und verfeinerte "Speed", "X-Men" und "Alien: Resurrection" mit seinem Humor.

Die ultimative Whedon-Figur ist "Buffy": das All-American-Girl, das zur Jägerin der Vampire auserwählt wurde und zwischen Teenagersorgen und Weltrettung erwachsen wird. Was banal klingt, gewinnt über sieben Staffeln einen Drive und eine erzählerische Finesse, der sich niemand entziehen kann. Seit 1997 hat sich "Buffy" - und ihr Ableger, die Horror-Detektiv-Serie "Angel" - zum Kult unter feministischen Filmwissenschaftlern, aufklärerischen Intellektuellen, Schulmädchen und deren Freunden entwickelt.

Die Kunst, ein so unterschiedliches Publikum zu gewinnen, rückt "Buffy" in die Nähe des Phänomens der "Simpsons". Laut Whedon diente die skurrile Comic-TV-Familie als Modell: "Die Simpsons können von jedem Genre, jeder Referenz, jeder Idee zu einer anderen springen - und das innerhalb eines Satzes. Es geht um die Idee, dass dir alleine deine Liebe zur Popkultur und zu Genres alle Wege öffnet."

Mit "Firefly" wagte sich Whedon 2002 in kosmische Weiten vor. Die TV-Serie, auf der der Film "Serenity" basiert, wurde allerdings mitten in der ersten Staffel abgesetzt. Nach sensationellen Verkäufen der nun auch in Deutschland erschienenen DVD steht das Weltraumabenteuer im Kino wieder auf. Darin wird die Geschichte der Serie zu Ende erzählt. Nachdem der Bürgerkriegsveteran Reynolds und seine Crew die parapsychologische Kampfballerina River (Summer Glau) an Bord genommen haben, geraten sie in Konflikt mit der herrschenden Macht der "Alliance".

Western-Helden und Himmelsstürmer

Wie schon bei seinen Variationen des Fantasy- und Horror-Genres belebt Whedon die scheinbar abgegriffene Gattung der Science-Fiction mit Präzision und Plausibilität. Statt des geleckten "Star Wars"-Designs dient der schmutzige Realismus aus "Alien" als Vorlage für das rauhe Leben im All.

Whedons Zukunft kommt ohne Außerirdische, Roboter oder Lichtgeschwindigkeit aus. Für Verfolgungsjagden verwendet er Modelle anstatt glatter Computeranimation. Als Erzählfolie dient zudem das Konzept der "frontier", der Grenze, die im Wilden Westen die Zivilisation von der Wildnis trennt. Whedon verlagert sie ins Weltall: "Das Leben an der frontier ist hart und extrem", sagt Whedon. "Wie verhalten sich Leute in diesen Grenzerfahrungen, wenn sie von der Hand in den Mund leben müssen?"

Die bürgerliche Ordnung, deren Zusammenbruch sich schon als Leitmotiv durch "Buffy" zieht, ist auf den besiedelten Außenplaneten aufgehoben. Es herrscht das Recht des Stärkeren. Aber auch ein faszinierendes kulturelles Gemisch wuchert dort: Man spricht ein Englisch zwischen Elizabethanisch und John Wayne, geflucht wird auf Mandarin.

Nicht nur die Prognose einer sino-amerikanischen Zukunft lässt Bezüge zur Wirklichkeit zu. Die so idealistische wie aggressive Agenda der Alliance erinnert nicht ganz zufällig an die Außenpolitik der USA. Der Kampf zwischen Gut und Böse gestaltet sich jedoch immer als dialektisches Geflecht - eine Spezialität Whedons: "Der Kampf ist kompliziert, andauernd und notwendig. Bei mir gibt es immer eine deutliche Trennlinie zwischen Gut und Böse. Auf welcher Seite jemand steht, kann sich jedoch jede Sekunde ändern."

Menschlichkeit statt Pop-Nihilismus

Nur die größten Verlierer der Galaxie können die Menschheit vor sich selbst retten. Ihr Anführer mag ein Krimineller ohne Glauben sein, aber er handelt nach einer Moral - "Serenity" transportiert deshalb im Kern eine humanistische Botschaft. Gerade diese ans Herz gehende Anteilnahme an zwischenmenschlichen Beziehungen unterscheidet Whedon vom coolen, sich in Popreferenzen erschöpfenden Erzählstil der neunziger Jahre.

Zweifel darüber, ob einer der größten Geschichtenerzähler des Fernsehens den Übergang ins Kino unbeschadet bestehen würde, werden gleich in der Anfangssequenz zerstreut. Darin handelt Whedon in drei ineinander gefalteten Rückblenden - von einem Vortrag in einen Traum in eine Holographie - die Vorgeschichte aus der Serie ab. Gleichzeitig weist die Rückschau auf den Preis des Aufstiegs hin: Die kreative Freiheit aus dem Fernsehen ist teilweise dem Spagat zum Opfer gefallen, es sowohl Fans als auch Zuschauern ohne Vorwissen recht zu machen.

Ohne die Bindung an die Charaktere aus der Serie ist "Serenity" nur der halbe Spaß - beziehungsweise die halbe Tragödie. Eine Rückkehr ins Fernsehen ist für Whedon dennoch erstmal nicht in Sicht. Für seinen nächsten Film aber hat er einen frischen Stoff gefunden, der wie für ihn gemacht ist: "Wonder Woman" - eine aus dem Schmerz geborene, amazonenhafte Superheldin, die der patriarchalen Welt die Hölle heiß macht.

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