Von David Kleingers
Wer die deutschen Trailer für den vieldiskutierten Golfkriegsfilm "Jarhead" von Sam Mendes gesehen hat, kennt mit Jake Gyllenhaal und Jamie Foxx lediglich zwei der drei Hauptdarsteller dieses Dramas über eine Kompanie von Scharfschützen, die absurd-abgründige Fronterlebnisse im ersten Irak-Feldzug 1991 verwinden muss. Der dritte Protagonist, ein lakonischer Marine namens Troy, findet in der Kampagne hingegen keinen Platz. Gespielt wird er von Peter Sarsgaard, einem der aufregendsten US-amerikanischen Filmschauspieler der letzten Jahre.
In Hollywood steht der 1971 auf einer Luftwaffenbasis in Illinois geborene Darsteller mittlerweile hoch im Kurs, doch außerhalb der Heimat sorgt sein Name meist immer noch für unwissendes Schulterzucken. Wie kann sich ein so zurückgenommener und auf kleinen Theaterbühnen beheimateter Künstler dennoch im Gedächtnis des Publikums festsetzen? Ganz einfach: Jeder Kinobesucher kennt diesen beglückenden Moment, wenn er glaubt, eine ganz eigene, kostbare Entdeckung gemacht zu haben. Dazu zählt insbesondere der Augenblick, in dem ein zuvor unbekanntes Gesicht zum persönlichen Geheimfavoriten wird. Fortan freut man sich über jeden weiteren Film mit dem neuen Lieblingsschauspieler und agitiert Freunde und Bekannte, doch mal genau auf sie oder ihn zu achten.
Spätestens wenn die Karriere des Betreffenden dann erfreulich an Fahrt aufnimmt, wird klar, dass man nur einer von vielen Entdeckern war. Aber das schmälert keineswegs die Verbundenheit, die man gegenüber den gar nicht mehr so geheimen Favoriten empfindet und die Lieblingsschauspieler von Stars unterscheidet - selbst falls sie irgendwann doch als solche gefeiert werden.
Monstrosität und Milde
Peter Sarsgaard ist so ein Geheimtipp, der unauffällig, aber kontinuierlich ins Rampenlicht rückt. Nach kleinen Rollen in vergessenswürdigem Schmonzes wie der Musketier-Maskerade "The Man in the Iron Mask" war es im Jahr 1999 die wagemutige Independent-Produktion "Boys Don't Cry", in der Sarsgaard erstmals sein darstellerisches Potential ausspielen durfte.
Regisseurin Kimberly Peirce hatte für ihren bewegenden Film über das kurze Leben und den gewaltsamen Tod des Transsexuellen Brandon Teena eine überragende Besetzung gefunden. Angesichts von Hilary Swank, die für ihr Porträt des romantischen Delinquenten Brandon damals den Oscar erhielt, und einer traumwandlerisch sicher agierenden Chloe Sevigny als Brandons White-Trash-Geliebter fanden jedoch nur wenige Kritiker Platz für eine Würdigung von Sarsgaards nuancierter Darstellung des Soziopathen John Lotter, der Teena vergewaltigt und ermordet.
Mit seinen weichen Gesichtszügen, dem charakteristisch schmallippigen Lächeln und einem verwässerten Blick, der unvermittelt eine dolchartige Schärfe gewinnen kann, verleiht Sarsgaard in "Boys Don't Cry" dem nominellen Monster mit sparsamsten Gesten eine komplexe Psychologie, ohne dabei die Abgründe dieser Existenz melodramatisch zu übertünchen. Sarsgaards bemerkenswerte Physiognomie findet ihre akustische Entsprechung in seiner sanft-brüchigen Stimme, die er nahtlos zwischen hypnotischer Gelassenheit und eruptiver Wut moduliert.
Komplexe Charakterstudie
Vermutlich ist es sogar der unserer Synchronisationswut geschuldete Verlust dieser Stimme, der Sarsgaard hierzulande so lange im Verborgenen gehalten hat. Denn wer den Schauspieler einmal im Original gehört hat, ist unweigerlich in seinen Bann geschlagen. So zu erleben in "Shattered Glass" (2003), der bisher leider nicht regulär in Deutschland zu sehen war.
In der exzellenten Aufarbeitung des Presseskandals um den ehrgeizigen Jungjournalisten Stephen Glass, der das renommierte Nachrichtenmagazin "New Republic" mit seinen frei erfundenen Features an den Rand des Ruins fabulierte, brilliert Peter Sarsgaard als Glass' skeptischer Chefredakteur Chuck Lane. Die unaufgeregte Hartnäckigkeit des spröden Spielverderbers bringt das auf unzähligen Lügen aufgebaute Kartenhaus letztlich zum Einsturz, und Sarsgaard vermittelt virtuos die moralische Konsequenz eines Mannes, der das Ethos seines Berufs bedroht sieht.
Dafür erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter die renommierten Preise des San Francisco Film Critics Circle und der Boston Society of Film Critics. Sarsgaard galt nun als einer der besten Charakterdarsteller seiner Generation sowie als das unberechenbarste und härteste Babyface Hollywoods. Er legte nach mit seiner differenzierten Darstellung eines jungen Wissenschaftlers in Bill Condons starbesetzter Sexualforscher-Biografie "Kinsey" (2004), deren kluge Charakterführung dem uneitlen Spiel des Teamplayers Sarsgaard entgegenkam.
Mit Coolness gegen Kitsch
Ungleich kniffliger war sein Einsatz in "Garden State" von Serienstar Zach Braff ("Scrubs"). Während sich Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Braff für sein überzuckertes Independent-Debüt kurzerhand Natalie Portman als schnuckeliges Girl an die eigene Heldenseite castete, gelang es allein Sarsgaard in der Rolle eines Friedhofsgärtners, die Larmoyanz dieser Nabelschau erträglich zu machen.
Und auch wenn ihn kurz darauf ein lieblos ausgestanzter Schurkenpart an der Seite von Jodie Foster in "Flightplan" chronisch unterforderte, die Zeiten scheinen endgültig vorbei, in denen Sarsgaard bescheiden in der zweiten Reihe glänzt. Fast zu passend erscheint da der Umstand, dass der Darsteller privat seit längerem mit Maggie Gyllenhaal, der Schwester seines "Jarhead"-Partners, liiert ist.
So wie ihr Freund ist auch Maggie Gyllenhaal eine einstige Geheimfavoritin, die durch ihre anrührende Darstellung in der aufgeklärten SM-Romanze "Secretary" begeisterte und sogar in dem verkitschten Mädchenpensionatsstück "Mona Lisas Lächeln" positiv auffallen konnte.
Sarsgaard und Gyllenhaal als kultivierte Alternative zum krakeelenden Traumpaar-Terror der "Benifers" und "Brangelinas"? Es wäre ein Fest für alle Anhänger stiller Lieblingsschauspieler.
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