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13.01.2006
 

50 Cents Kinobiographie

Für ein paar Dollar mehr

Von Uh-Young Kim

Der Gangster, der geläutert und zum Rapper wurde - dieser schöne Pop-Mythos machte Curtis Jackson alias 50 Cent zum Superstar. Seine Biographie-Verfilmung "Get Rich or Die Tryin'" erzählt unfreiwillig die wahre Geschichte einer überaus cleveren Selbstvermarktung.

Als 50 Cent zum ersten Mal an die Spitze der Charts schoss, glaubte kaum jemand, dass die Karriere des New Yorker Rappers länger als einen Hit dauern würde. Zu platt wucherte der ehemalige Dealer mit dem Image des bösen Gangsters, zu begrenzt waren seine Fähigkeiten als MC. Heute ist er zu einem der erfolgreichsten Stars der Popmusik avanciert. Nicht nur Affären mit Models, Hickhack mit Konkurrenten und andere Skandale verschaffen ihm dabei die nötige Aufmerksamkeit, um weiterhin ganz oben zu bleiben.

Als Marke hat sich der knapp 30-Jährige in nur drei Jahren über den gesamten Horizont der Unterhaltungsindustrie ausgebreitet. Er ist Videospielfigur, Buchautor und Modedesigner, Namensgeber eines Energiedrinks und eines Turnschuhmodells sowie in Kürze Anbieter von Sexspielzeugen. Die Verwertungskette findet zunächst in dem Kinofilm "Get Rich or Die Tryin'" ihr Ende. Wie sein Förderer Eminem mit "8 Mile" versucht sich Curtis Jackson, wie 50 Cent mit bürgerlichem Namen heißt, mit seiner Lebensverfilmung als Mythos zu etablieren.

Körper als Kampfzone

In Interviews präsentiert sich 50 Cent stets als professioneller Promoter seiner selbst - aufmerksam, freundlich, fast schon brav. Gegenüber Journalisten verkauft sich der Popstar so überzeugend wie der Dealer seinen Stoff bei der Straßenkundschaft. Ganz nebenbei zeigt er unaufgefordert die Narben der sagenumwobenen Einschusslöcher an Kiefer und Armen. Im Mai 2000 wurde er neun Mal angeschossen und überlebte. Die im HipHop essentielle Authentizität kann ihm danach keiner mehr absprechen.

So ist die unumstößlichste Manifestation von 50 Cents Lebensgeschichte sein Körper. An ihm lässt sich nicht nur die Gefahr und das Leid auf der Straße ablesen. Er zeigt auch die Veränderung auf, die Curtis Jackson zwischen Ghetto und Grammys vollzogen hat. Auf seinem Debüt-Album präsentiert er sich mit tätowiertem Oberkörper hinter zerschossenem Glas. Seine Statur ist drahtig, der Blick getrieben. So stilisierte sich Jackson 2003 als Underdog von der Straße, der hungrig nach Erfolg ist.

Auf dem zweiten Album "The Massacre" posiert ein völlig veränderter Typ. Der freie Oberkörper ist nun comichaft mit aufgepumpten Muskeln überzeichnet. Der 50 Cent von 2005 hat die Straße hinter sich gelassen. Er hat es vom kriminellen Außenseiter zum feisten Popstar geschafft; ein hyperreales Symbol für Sex und Erfolg, das weltweit begehrt wird. Der selbstmodellierte Körper liefert den Beweis für die Erfüllung des amerikanischen Traums.

75 Prozent Wahrheit

Für die filmische Materialisierung von 50 Cents Kernkompetenz - seiner "Realness" - wurde der irische Filmemacher Jim Sheridan verpflichtet. Auf den ersten Blick eine merkwürdige Wahl, befasste sich der Regisseur ("Im Namen des Vaters") bisher eher mit der Aufarbeitung des Nordirland-Konflikts als mit Ghettolegenden. Andererseits setzt sich Sheridan seit seinem Durchbruch mit "Mein linker Fuß" mit Außenseitern auseinander, die sich mit eigener Kraft aus dem Elend ziehen. Seine auf wahren Begebenheiten basierenden Filme inszeniert der Pionier der irischen New Wave zudem mit den Mitteln Hollywoods. Die Handlung spielt meist in der nahen Vergangenheit, in einer Grauzone zwischen gegenwärtigem Alltag und Mythosbildung.

"Get Rich or Die Tryin'" spielt in den achtziger und neunziger Jahren. Anhand von Radiosongs, Postern und Sportkollektionen lässt Sheridan die frühen Tage der HipHop-Kultur detailgetreu wieder aufleben. Erzählt wird die Geschichte von 50 Cents Jugend bis zu seinem ersten Auftritt als Rapper. Bezifferte 50 Cent den Wahrheitsgehalt seiner Autobiographie "From Pieces To Weight" noch auf 90 Prozent, sollen nun 75 Prozent des Gezeigten der Wirklichkeit entsprechen, schätzt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Hauptfigur trägt nicht den Namen seiner Vorlage. Marcus, Sohn einer alleinerziehenden Dealerin in der South Bronx, wächst nach der Ermordung seiner Mutter bei den Großeltern auf. Mit 13 Jahren fängt er an, mit Crack zu dealen, gerät in Konflikt mit Gangs und Drogenbossen, bis er sich nach einem Gefängnisaufenthalt und der Geburt eines Sohnes entschließt, Rapper zu werden.

Musik ist nebensächlich

Sheridan hat dieser bewegten Biographie die Suche nach dem Vater hinzugefügt und die Frauenfiguren gestärkt. In den Schlüsselszenen des Films jedoch steht wiederum 50 Cents Körper im Mittelpunkt. In der obligatorischen Schuss-Szene wird Marcus von Kugeln durchbohrt wie ein Heiliger von Pfeilen. Große Überwindung kostete den Rapper die Duschszene im Gefängnis: "Jim sagte mir, ich solle nackt mit fünf Männern in der Dusche kämpfen. Ich dachte nur, was will der Typ von mir? Aber er erklärte mir, dass er die Szene echt machen wollte, also sagte ich OK. Als ich dann aber splitternackt zur Liebesszene erschien, sollte ich mich anziehen."

Dass sich Sheridan besonders gut mit Traumata auskennt, zeigt die Heilungsphase des verwundeten Körpers, die zu den berührendsten Momenten des Films gehört. Am Schluss wird die Körperpolitik des letzten Albumcovers zitiert: 50 Cent pellt sich aus der kugelsicheren Weste und ersteht auf der Bühne als neu erschaffener Mensch wieder auf.

Dass dieses Drama aber nicht wirklich mitreißt, liegt vor allem an der Nebensächlichkeit der Musik im Film. Anders als im Finale von Eminems "8 Mile" oder den Studiosessions aus dem Independent-Film "Hustle & Flow" stellt sich keine Begeisterung aufgrund einer durch die Hauptfigur verkörperten Leidenschaft für HipHop ein. Die Leerstelle wird größer, je mehr die Beweggründe für die Läuterung der Hauptfigur im Dunkeln bleiben. 50 Cents Qualität als Rapper wird ihm dabei auf der Leinwand zum Verhängnis. Sein einlullender, nie nervender Rapstil ist wie gemacht für die Dauerrotation im Radio und Fernsehen. Im Film wird eben diese coole Nachlässigkeit schnell langweilig. Jacksons schauspielerischen Fähigkeiten sind zudem sehr überschaubar.

Dabei lässt sich der Hustler inmitten der übelsten Umgebung auch noch herzlich wenig zu Schulden kommen. Der Straßenkriminelle, wie er im HipHop glorifiziert wird, ist in "Get Rich or Die Tryin'" von allen negativen Facetten bereinigt. Und das, obwohl dieser afroamerikanische Antiheld seit seiner Repräsentation in der Literatur von Donald Goines oder den Filmen der Blaxploitation-Ära eigentlich ausschließlich von einer ambivalenten Spannung zwischen Ehrenkodex und Schurkentum lebt. Um die Gunst des Publikums nicht aufs Spiel zu setzen, hat Sheridan dagegen sogar eine Exekutionsszene aus dem Drehbuch gestrichen.

Erfolgreicher Alleinunternehmer

Der Hustler wird so für den Mainstream fit gemacht. Dass er inzwischen mittendrin angekommen ist, sahen deutsche Familien, als 50 Cent zu Gast bei "Wetten, dass...?" war, wo der ehemalige Dealer als gutes Beispiel für Kinder bejubelt wurde. Ganz dem materialistischen Streben nach Reichtum verpflichtet ist die Hauptfigur des Films nur in einer Szene fähig, echtes Glück zu empfinden: Wenn er in seinem ersten Auto fährt, das er durch den Drogenverkauf verdient hat.

Nicht mehr die Abweichung von der Norm macht den Reiz des Hustlers aus, sondern im Gegenteil: Er ist auch deshalb so konsensfähig geworden, weil er den Typus des erfolgreichen Alleinunternehmers repräsentiert, der zur Not über Leichen geht. Für den Entrepreneur 50 Cent sind die Parallelen von Drogenhandel und Unterhaltungsindustrie offensichtlich: "Wenn du etwas verkaufen möchtest, musst du auf die Qualität deines Produkts achten, es an die richtigen Kunden vermarkten, und dir eine Klientel erarbeiten, indem du deinen Ruf wahrst."

Und so fügt sich 50 Cent als Vorbild in eine Zeit ein, in der sozioökonomische Aufstiegschancen nur noch in der Märchenwelt der Popkultur gegeben sind.

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